14.09.2018
Kirche & Tourismus

Churchhostels: Übernachten im Hotel Gemeinde

"Einfach übernachten": Unter diesem Slogan sollen Kirchengemeinden künftig ihre Häuser für Pilger, Radler und Wanderer öffnen. Das bundesweite Pilotprojekt "Churchhostel" geht jetzt im Landkreis Coburg an den Start.

Heinrich Arnold hat die Erfahrung buchstäblich am eigenen Leib gemacht. Als passionierter Tourenradler ist der 59-jährige Pfarrer aus Untersiemau bei Coburg meist allein unterwegs, legt bei seinen Fahrten kreuz und quer durch Europa bis zu 1.000 Kilometer zurück – und sucht am Abend spontan nach einem schlichten Nachtquartier. Meistens mit Erfolg, aber nicht immer: "In den landschaftlich schönsten, aber touristisch kaum erschlossenen Gegenden Deutschlands sind einfache Übernachtungsmöglichkeiten oft Mangelware."

Übernachten lassen ist ein Dienst am Nächsten

Wo Hotels, Pensionen oder Privatzimmer entweder ausgebucht oder gar nicht vorhanden sind, hat der Theologe die Kirchengemeinden als weitgehend unerschlossene Alternative entdeckt. Dort gebe es meist auch Gemeindehäuser, in denen Wanderer, Radler oder auch Pilger für kleines Entgelt übernachten könnten – ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den anderen Beherbungsbetrieben oder zusätzliche Einnahmequelle für die Gemeinden, sondern vielmehr als "Dienst am Nächsten", wie Arnold betont.

Die Anfänge

Einen wichtigen Impuls habe diese Idee im Herbst 2012 bei einer Gemeindewanderung zum Reformationstag in Wittenberg erhalten, berichtet der Pfarrer dem Sonntagsblatt. Mit einer Ausnahme habe die Gruppe immer in Gemeindehäusern genächtigt. "Die hatte ich zuvor mit dem Fahrrad abgefahren und fand überall offene Ohren und Türen." Zu DDR-Zeiten, erfuhr er, sei es völlig normal gewesen, dass Gemeindegruppen sich gegenseitig Quartier gegeben hätten.

Wie funktioniert es?

Das Projekt "Churchhostel" - die Wortschöpfung kombiniert die englischen Begriffe für Kirche und einfache Übernachtungshäuser - will dieser Idee nun eine Struktur geben. Basis ist eine Internetseite mit interaktiver Landkarte, die Angebot und Nachfrage zusammenführen soll: Teilnehmende Gemeinden tragen dort die wichtigsten Daten zu ihren Unterkunftsmöglichkeiten ein, Interessierte können dann direkt Kontakt mit den Anbietern aufnehmen. Anders als bei Internet-Reiseportalen sind Direktbuchungen dort nicht möglich.

Ob sich damit so etwas wie eine Win-win-Angelegenheit für Gäste und Gastgeber ergeben könnte? Heinrich Arnold sieht da Ähnlichkeiten mit der "offenen Kirche": "Menschen sollen die Kirche, von der sie sich vielleicht schon innerlich und äußerlich entfernt haben, als Partner und Heimat (wieder) kennenlernen."

Churchhostel hat keine Vorbilder

"Churchhostel" hat nach den Worten von Heinrich Arnold keine Vorbilder. "Es wurde mir zwar mitgeteilt, dass es so etwas in England oder Schottland gebe, aber nicht mit dieser Ausrichtung an den Pilgern." Der Lutherweg, der eine Reihe von Orten der Reformation in Mitteldeutschland miteinander verbindet, spielt eine besondere Rolle: Untersiemau und die bislang fünf weiteren "Churchhostel"-Gemeinden im Coburger Land liegen unweit dieses Wanderwegs.

So gehören die Lutherwegsgesellschaft und die Initiative Rodachtal zu den ersten Partnern des Projekts, das unter anderem auch von der Oberfrankenstiftung unterstützt wird. Auf Antwort der angefragten Gemeinden in Thüringen wartet Arnold indes bis heute, auch eine intensivere Zusammenarbeit mit der bayerischen Landeskirche habe sich "leider bisher nicht ergeben".

Der Fahrplan

Die Pilotphase geht nach umfangreichen Vorbereitungen jetzt an eine breitere Öffentlichkeit. Erst vor wenigen Tagen hat der Werbe-Flyer die Druckerei verlassen. Der Begriff "Churchhostel" ist allerdings bereits eine geschützte Marke, das Logo – entworfen von der Designerin, die auch den Untersiemauer Gemeindebrief "Göger" gestaltet – wird derzeit für Wegweiser und Häuserschilder aufbereitet.

In den kommenden Wochen und Monaten wird es nach Auskunft von Heinrich Arnold vor allem darum gehen, weitere Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten, bevor zusätzliche Pläne gemacht werden. "Aber meine Zielvorstellung ist, dass diese Bewegung sich deutschlandweit, am besten weltweit durchsetzt."

Übrigens: Ursprünglich hatte Pfarrer Arnold für seine Idee den neckischen Titel "Kirchenschlaf" im Sinn. Doch fürs Internet war dieser Domainname schon registriert – von einer evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Bremen für ein Projekt "Schlafen in der Kirche".

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt