Der Weg führt mit dem Bus von Spiegelau auf der Schwarzachstraße zum Wandereinstieg "Erlebnisweg Seelensteig". Um kurz nach halb drei fahre der Bus los, erklärt Neumann-Beiler. Am besten wäre es, schon eine halbe Stunde früher bei ihr zu sein. "Dann bekommen Sie noch einen Kaffee."

Die evangelische Diakonin mit dem freundlichen Lächeln sagt dies so beiläufig. Die Entschleunigung geht also schon vor dem Wandern los, mit dem Ankommen. Für gestresste Stadtmenschen, die punktgenau landen, um ja keine Minute zu verschwenden, ist dies eine neue Erfahrung.

Auf dem Seelensteig mit Diakonin Neumann-Beiler

Nach dem Kaffee geht es gemütlich zu Fuß zum Bus. Das Igel-Bussystem bietet eine kostenlose Mitnahme und hält den Autoverkehr aus dem Nationalpark heraus. Neumann-Beiler begrüßt die 18 Mitwanderer, die sich spontan zur außerplanmäßigen Nachmittagstour angemeldet haben. Ein paar nette
Worte, freudiges Wiedersehen. Auch Ranger Günter Sellmayer ist schon eingetroffen – mit Zwirbel-Bart und in sich ruhender Statur. Zur Sicherheit der Wanderer bietet er die professionelle Begleitung.

Sechsmal im Jahr bieten er und die Diakonin meditative Wanderungen an. Meist finden sie abends statt. "Die Atmosphäre spricht die Leute sehr an", sagt er. Dabei geht es zum Sonnenuntergang auf den Lusen (1.373 Meter), dem sechsthöchsten Berg im Bayerischen Wald, und bei Mond und Sternen wieder runter. Beliebt sei aber auch die "Chaos und Verhau-Wanderung", wie Sellmayer sie nennt. Nur er kenne den Weg und finde aus dem Dickicht wieder raus. "Da kommt man der Schöpfung schon sehr nahe", sagt er.

Meditationen im Nationalpark Bayerischer Wald

Besuchern erscheine ein normaler Weg danach manchmal wie eine Autobahn. Gabriele Neumann-Beiler versammelt die Gruppe um sich und beginnt mit einem meditativen Einstieg: "Ich lege Briefe, Mails, SMS, Akten, Schlüssel, Handy und Uhr ab. Ich lege auf dich Ängste, Sorgen, Mühen, Lust, Trauer, Sehnsucht und meine Schuld." Geborgen von solchen Worten und in Gottes Hand marschiert die bunt gemischte Gruppe los.

Es sind Großeltern und Enkel dabei, Freundinnen, eine Unternehmerin, die ihre Arbeit für zwei Stunden unterbrochen hat, Jugendliche, Männer und Frauen, Besucher und Einheimische. "Es ist jedes Mal anders", erklärt Renate, die besonders das Naturerlebnis schätzt. Sie erhalte Impulse durch die Meditationen. Die Wegtafeln mit Aphorismen, lyrischen Verszeilen und Sprüchen von Schriftstellern gefielen ihr auch. "Ich gewinne Kraft, Energie und ein gutes Gefühl", sagt die 63-Jährige.

Rundweg von 1,3 Kilometern Länge

Der 1,3 Kilometer lange Rundweg führt durch ein Waldgebiet, das 1983 durch einen Gewittersturm völlig verwüstet wurde. Die zerstörten Bäume türmen sich zu einer fast undurchdringlichen Wildnis. Dass man sie betreten kann, ohne darin zu versinken, liegt an einem Holzsteg, der 1995 erbaut wurde und über den man wandert, wenn man die gefällten Baumriesen bewundern will.

Kein Baum sei durchtrennt worden, erklärt der Ranger. Hindernisse sind mit Treppen überbaut. Alles blieb erhalten, wie es vor 50 Jahren war. Ein Bergmischwald im Lusen-Gebiet auf 20.000 Hektar, der sich selbst überlassen wurde. Keine Holznutzung, keine Aufforstung. Selbst der Borkenkäfer darf tun und lassen, was er will.

Nur 60 Höhenmeter

Immer mehr Menschen lassen sich Jahr für Jahr auf solche Wanderungen ein, um die Selbstheilungskräfte der Natur auf sich wirken zu lassen.
Der Seelensteig ist eines der beliebtesten Ziele: Man kann ihn gehen, auch wenn man nicht mehr so gut zu Fuß ist. Es sind nur 60 Höhenmeter zu berwinden. Und man kann sich so viel Zeit lassen für die Strecke, wie man will.

Einmal habe sie ein Ehepaar geführt, das am Münchner Flughafen Station gemacht habe, um für zwei Stunden den Seelensteig zu laufen, erzählt Neumann-Beiler. Selbst Kinder und Jugendliche gewinnen dem Weg etwas ab. Er erzähle vom Werden und Vergehen, vom Leben und Tod, sagt Pauline (14) aus Mannheim. Vier- oder fünfmal sei sie ihn schon gegangen, immer wenn sie bei den Großeltern zu Besuch sei. Auf ihm komme ihre Familie gemeinsam zur Ruhe.

"Wald und Bäume haben etwas Heilendes"

Gabriela Neumann-Beiler bringt die Gruppe an einem Bach zum Stehen, Wasserrauschen als Begleitmusik für die Meditationen. Man solle sich Zeit lassen, die Natur erforschen, sie erspüren und erfühlen, fordert sie auf. Dann könne man die Stille hören und sehen, verspricht sie. Ein schwerer Baum ohne Rinde
säumt den Weg. Er sei schon ganz glatt, so viel werde er von den Vorüberziehenden berührt. Bäume können uns zeigen, das verlorene Naturmaß
wiederzuerlangen.

Rote Himbeeren leuchten am Wegesrand, Baumpilze winken mit kristallinem Haupt. Günter Sellmayer nimmt sich Zeit und erklärt den Jugendlichen
den Unterschied zwischen Fichte und Tanne. "Fichten stechen und Tannen nicht." Wenn man sie malen würde, dann müsste man der Tanne beim Aquarellieren Blau zufügen, der Fichte mehr Rot und Gelb. Isaak ist erst neun Jahre alt. Es gefällt ihm. Als er erfährt, dass es im September auf den Lusen geht, meldet er gleich sein Interesse an. Doch zu dieser Zeit wird er in Mannheim schon wieder zur Schule gehen.

Am Umkehrpunkt wird eine kleine Rast eingelegt. Die Diakonin hat Brot, Saft und Wasser mitgebracht, um es zu verteilen. Zum ersten Mal wird es in der Gruppe richtig still. Andächtig lauschen alle dem Rauschen des Waldes. "Manchmal gehe ich den Weg auch mit einzelnen Leuten", erzählt sie. Erst neulich habe sie einen "seelsorgerlichen Notfall" gehabt. Drei Stunden sei sie da mit jemandem unterwegs gewesen. "Wald und Bäume haben etwas Heilendes", erklärt die Diakonin. Auf einer Tafel liest man ein Gedicht von Erich Kästner: "Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um", steht da auf Holz geschrieben.