6.05.2020
Pietismus und Kirche

Die nordschwäbische Gemeinde Bächingen war einst eine Hochburg des Pietismus

Es wirkt ein wenig wie das kleine gallische Dorf: Mitten im katholischen Dillinger Land hat sich der 1.350-Einwohner-Ort Bächingen seine althergebrachte evangelische Identität bewahrt. Die pietistisch geprägte konfessionelle Kultur früherer Tage wirkt noch heute nach, sagt der Historiker Johannes-Moosdiele-Hitzler.
Die Nikolaikirche in Bächingen

Er selbst sieht sich als klassischer und überzeugter Lutheraner, doch pietistische Einflüsse schließt Johannes Moosdiele-Hitzler in seiner Familienbiographie nicht aus. Im württembergischen Heidenheim an der Brenz geboren und im bayerischen Bächingen aufgewachsen, hat Moosdiele-Hitzler in seiner Doktorarbeit über "Konfessionskultur, Pietismus und Erweckungsbewegung" die pietistische Vergangenheit seines Heimatortes an der Grenze zu Baden-Württemberg aufgearbeitet - und ist dafür schon mehrfach ausgezeichnet worden.

Zwischen erzlutherischem Herzogtum und schwäbischem Rom

"Die reichsritterschaftliche Herrschaft Bächingen lag an der Bruchkante zweier territorialer und konfessioneller Blöcke: Auf der einen Seite das erzlutherische Herzogtum Württemberg, das sich durch seine calvinistisch strenge Kirchenzucht und den starken Einfluss der Amtskirche auf die Regierung den Ruf erwarb, ein 'lutherisches Spanien' gewesen zu sein", erklärt der Historiker. Und auf der anderen Seite eben das 'schwäbische Rom', die Bischofs- und Universitätsstadt Dillingen, sowie das katholische Fürstentum Pfalz-Neuburg, von dem Bächingen auf drei Seiten umgeben war. Nachdem sich die Bächinger Ortsherren in den 1570er-Jahren für die Einführung der Reformation entschieden hatten, förderte das katholische Übergewicht in der Region bei ihnen ein trutziges, konfessionelles Bekennertum, das mit der Zeit auf ihre Untertanen durchschlug", sagt Moosdiele-Hitzler. 

Durch religiöse wie soziokulturelle Abgrenzung von der katholischen Umgebung habe sich die Herrschaft über Jahrhunderte zu einem Mikrokosmos mit einer ganz eigenen konfessionellen Kultur entwickelt, die schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts pietistische Tendenzen aufwies. Wesentlich mitentscheidend für das Aufkommen des Pietismus sei auch Herzogin Franziska von Württemberg gewesen, die Bächingen 1790 bis 1811 als Privatgut besaß. Als prominenteste Pietistin ihrer Zeit berief die Herzogin einen Pfarrer nach Bächingen, der mit seinen Lehren von der bevorstehenden Endzeit religiöse Schwärmerei auslöste. Diese artete schließlich in gröbsten Separatismus aus und gipfelte 1821/22 in der Auswanderung von 54 Bächingern nach Bessarabien. Zusammen mit Gleichgesinnten um den bayerischen Erweckungsprediger Ignaz Lindl gründeten sie dort die schwäbische Kolonie Sarata nach dem Vorbild frühchristlicher Gemeinden. "Man muss auch sehen, dass es zwischen 'normal Kirchlichen' und Pietisten keine klare Trennung gab"

Pietismus und Kirche

"Unmittelbar an einer Hauptreibungsfläche des Konfessionskonflikts im Alten Reich und nach 1805 in der bayerischen Diaspora gelegen, gingen in Bächingen protestantisches Bekennertum, der Pietismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts ineinander über", sagt der Historiker. Zwar seien lange nicht alle Bächinger zu bekennenden Pietisten geworden, aber alle seien in derselben, tendenziell pietistischen lokalen Konfessionskultur sozialisiert. Durch die Insellage Bächingens seien diese Einflüsse langfristig wirksam geblieben. "Man muss auch sehen, dass es zwischen 'normal Kirchlichen' und Pietisten keine klare Trennung gab, da ja der klassische Pietismus - das Bedürfnis, sich über die Gottesdienste hinaus im Kreise Gleichgesinnter mit dem Wort Gottes auseinanderzusetzen und sein Leben nach ihr auszurichten - aus der Gemeinde kommt und wieder in sie hineinwirkt. Die Übergänge waren und sind immer fließend", so der Historiker.

Ein Beweis dafür sei die erneute Gründung eines Hauskreises zur religiösen Erbauung in der Zeit des Ersten Weltkriegs - interessanterweise gerade durch Nachfahren derjenigen, die hundert Jahre zuvor zu den bekennenden Pietisten gehört hatten. "Der Hauskreis schloss sich der Liebenzeller Gemeinschaft an, die ebenfalls in der Nachfolge des Württembergischen Pietismus steht. Er besteht bis heute und hat in Bächingen ein eigenes Versammlungshaus. Einige Bächinger halten sich auch zur evangelikalen Chrischona-Gemeinde im württembergischen Nachbarort Sontheim", erzählt Moosdiele-Hitzler, der Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg sgudierte und seit 2013 als Archivar am Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München tätig. Für seine Dissertation wurde er mit dem Förderpreis des Bezirks Schwaben und mit dem Gustav-Schwab-Preis des Schwäbischen Heimatbundes ausgezeichnet.

"Die Pietisten von heute sind nur schwer mit denjenigen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts vergleichbar", sagt der Historiker. "Das Schwärmerische der Pietisten von damals, die täglich mit dem Anbruch des Tausendjährigen Reiches rechneten, fehlt heute. Im Allgemeinen scheint mir das Verhältnis zwischen Kirchengemeinde und Liebenzeller Gemeinschaft, der ja nur ein Bruchteil der Bevölkerung angehört, ein freundschaftliches zu sein. Nicht wenige der Gemeinschaft besuchen ja sonntags die Kirche und nicht nur ihre eigenen Versammlungen ", sagt der Historiker. Und so sei es ja auch vom Pietismus im klassischen Sinne gedacht gewesen.

Sprache in Bächingen: "Saitenwürstle" statt "Wienerle"

Auch in der Alltagskultur merke man den Bächingern ihre Andersartigkeit im Vergleich zu den bayerischen Nachbargemeinden noch heute an. Über Jahrhunderte bestand zwischen Protestanten und Katholiken eine unsichtbare, soziale Grenze. So habe man sich in Bächingen bis in die jüngste Zeit beinahe ausschließlich nach Württemberg orientiert. Diese Einflüsse sind noch immer sicht- und hörbar: In Bächingen sind die Spätzle lang wie in Württemberg, während sie in den bayerischen Nachbarorten auf die katholische Art, nämlich knöpfchenförmig üblich sind. Hier gibt es "Saitenwürstle" statt "Wienerle" und Weihnachtsplätzchen heißen wie in Württemberg "Bredla", nicht "Loibla" wie in der bayerischen Nachbarschaft. Auch das rundherum lebhaft gepflegte Fasnachtsbrauchtum, das ja dezidiert katholisch besetzt ist, sei hier bis in die jüngste Zeit verpönt gewesen, und vielen Bächingern fehle noch heute schlichtweg das "Faschings-Gen". So werde beispielsweise im benachbarten Donaustädtchen Lauingen, einer traditionellen Faschingshochburg, schon seit einigen Jahren auch ein evangelischer Faschingsgottesdienst mit Verkleidung angeboten. "In Bächingen ist das bis jetzt undenkbar", sagt der 35-Jährige.

Buchtipp

Konfessionskultur – Pietismus – Erweckungsbewegung. Die Ritterherrschaft Bächingen zwischen 'lutherischem Spanien' und 'schwäbischem Rom'

Johannes Moosdiele-Hitzler: Konfessionskultur – Pietismus – Erweckungsbewegung. Die Ritterherrschaft Bächingen zwischen 'lutherischem Spanien' und 'schwäbischem Rom'
(Arbeiten zur Kirchengeschichte Bayerns, Bd. 99)

Verein für bayerische Kirchengeschichte e.V.,

Nürnberg 2019.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Bewahrung der Schöpfung

Donausegnung an Epiphanias 2017: Regionalbischof Hans-Martin Weiss (wirft Kreuz) und Archimandrit Georgios Siomos.
Mit ökumenischen Segnungen der Donau erinnern am 12. Januar die christlichen Kirchen in Regensburg und Niederaltaich an die Verantwortung für die Schöpfung und die Bewahrung des Friedens in der Welt. Dabei wird dreimal ein Kreuz ins Wasser geworfen, um den Fluss zu segnen. Im niederbayerischen Fischhaus wird der Fluss Ilz gesegnet.

15. bis 17. Mai

2019 Kirchentag Hesselberg bemalte Kreuze
Im Landkreis Donau-Ries wird es im kommenden Jahr einen gemeinsamen ökumenischen Kirchentag von evangelischer und katholischer Kirche geben. Beteiligt sind an dem Kirchentag je drei evangelische und katholische Dekanate, so Donauwörths evangelischer Dekan Johannes Heidecker. Insgesamt sei das Treffen "ein Fest für 110.000 Christen im Landkreis", sagte der Theologe im Vorfeld der zweiten Dekanatssynode, die am 23. November in Donauwörth stattfindet.
Sonntagsblatt