Am Sonntag um zehn vor zehn ist in der Christuskirche unter dem Neuen Leuchtturm auf Borkum kaum ein freier Platz zu finden. Die Kirche ist so voll, wie ich es sonst nur von Weihnachten kenne - mit dem Unterschied, dass es Ende August ist, und die Kirche hier jede Woche so voll.
Ein Chor aus Urlaubsgästen
Den Gottesdienst untermalt die Ad-Hoc-Kantorei musikalisch - ein Chor, hauptsächlich aus Urlaubsgästen - und trägt unter der Leitung des Urlaubskantorenpaares Traugott und Gesine Fünfgeld Stücke aus dem Werk "Inmitten von Leben - Chortöne auf Spuren Albert Schweitzers" vor. Rund 60 Urlaubsgäste singen diesen Sonntag in der Kantorei mit, viel mehr würden wohl auch nicht in den Altarraum passen, in dessen Buntglasfenster ein gespenstisch weißer Jesus den dankbaren Petrus aus den Wellen zieht.
Um Albert Schweitzer dreht sich heute auch der Gottesdienst von Pfarrerin Nicole Schally, die in ihrer Predigt von Ratten und Waldschaben erzählt und dafür einige Lacher erntet.
Nicole Schally ist Pfarrerin in München, für drei Wochen Kur- und Urlaubspastorin auf Borkum - und meine Tante. Für acht Tage bin ich auf der Insel mit ihr unterwegs und möchte versuchen, hinter das Geheimnis der immer vollen Kirche und der Gemeinde aus Urlauber*innen zu kommen.
"Der Sonntagsgottesdienst ist hier besucht wie sonst nur Weihnachten", meint auch Nicole, als wir in der Küche des Kurpastorenhauses direkt neben der Kirche sitzen, und ostfriesischen Tee mit Kluntje trinken. "Ich glaube, dass vor allem Leute kommen, die entweder hochverbunden sind oder sich insgesamt verbunden fühlen mit Kirche, und dann begeistert sind, weil sie zu Hause manchmal zu siebt in der Kirche sitzen - und hier geht ihnen das Herz auf, wenn die Kirche voll ist und alles aus voller Kehle singt."
So ist für Christine die Ad-Hoc-Kantorei zu einer Art Urlaubs-Tradition geworden:
"Dieses Mal singe ich zum dritten Mal mit. Es ist toll zu sehen, wie dieser Chor sich spontan bildet und so schnell die Stücke lernt. Zu Hause dauert es manchmal länger, weil die Leute müde vom Alltag sind. Hier sind alle im Urlaub, erholt, voller Elan. Das ist eine ganz andere Dynamik."
Christine singt auch in ihrer Heimatstadt im Chor der Fünfgelds, anders als Anja aus dem Sopran, die erklärt: "Für mich ist der Chor etwas Besonderes, weil ich im Urlaub Zeit dafür habe, die ich zu Hause nicht habe".
Begegnungen machen Gemeinde
Auch für Kirchenmusikdirektor und Urlaubskantor Traugott Fünfgeld steht das gemeinsame Musizieren im Mittelpunkt. Seit 31 Jahren kommt er nach Borkum."Wir machen hier die Gästekantorei, Gottesdienste, kleine Konzerte wie 'Wort und Musik' oder eine Orgelvesper – und meistens musiziere ich nicht allein, sondern gemeinsam mit meiner Frau und auch mit unseren Kindern", erzählt er. "Die vielen Begegnungen hier – die sind für mich das Highlight."
Und den Eindruck bekommt man schnell: dass Begegnungen das Herzstück der Gemeinde ausmachen. "Menschen lernen sich kennen – und wenn sie sich auf der Insel wiedertreffen, dann hat das etwas Gemeinschaftsstiftendes, das über die eigentlichen Veranstaltungen hinausgeht", meint Nicole. Und das erleben wir oft in der Woche. Beim Eisessen in der Stadt, beim Spaziergang am Strand oder auch mal im Badeanzug im Wasser - immer wieder kommen Menschen vorbei, deren Gesichter ich aus den Gottesdiensten, dem Offenen Singen oder dem Abendgebet nach Taizé wieder erkenne.
Dabei ist die evangelisch-lutherische Gemeinde auf Borkum recht klein, circa 1000 Mitglieder zählt sie. "Aber im Jahr gibt es rund 300.000 Übernachtungen. Viele dieser Gäste sind offen für kirchliche Angebote – und manche kommen sogar immer wieder. Das ist typisch für die Inseln: Es gibt eine ganze Menge Menschen, die Jahr für Jahr zurückkehren und hier einen Ort vorfinden, der als Gästegemeinde besonders lebendig bespielt wird", erklärt Nicole. Für diese Gäste sind die Kur- und Urlaubspastor*innen zuständig.
Kurpastor*innen bringen neue Ideen
Früher gab es sie vor allem in der Hochsaison - inzwischen sind sie fast das ganze Jahr über auf der Insel, bringen eigene Ideen mit und prägen die Gemeinde immer wieder neu. "Es gehört zum Konzept, dass wir mindestens zwei Veranstaltungen und die Hälfte der Gottesdienste übernehmen – und vieles entwickelt sich dann weiter", erzählt Nicole. Manche bringen Vorträge mit, andere machen Strandspaziergänge oder Pop-up-Andachten mit Segnungen am Meer. Sogar eine Fahrrad-Safari hat eine Kurpastorin mal angeboten. Besonders beliebt sind Nicoles Erfahrung nach die Outdoor-Angebote:
"Ich hatte schon jedes Wetter, und mal sind es nur 5, und mal sind es 35 Menschen, die sich mit auf den Weg machen, aber es war noch nie niemand da."
Auch für Seelsorge sind die Kurpastor*innen zuständig: "Es gibt ein Seelsorge-Telefon", erklärt Nicole. "Aber meistens sprechen mich die Leute direkt an, nach dem Gottesdienst oder beim Spaziergang. Vieles sind Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche, und manchmal wird es auch tiefer", denn: "Sorgen machen keinen Urlaub", so der Slogan auf der Homepage der Christuskirche, der auf das Angebot aufmerksam macht.
Manche Gäste bringen sogar wichtige Lebensstationen mit auf die Insel: Taufen oder Trauungen werden oft lange im Voraus geplant, bevor sie dann hier am Strand oder in der Kirche gefeiert werden.
Für Nicole gibt es dabei keinen Konflikt zwischen Urlaub und Arbeit:
"Es ist natürlich Dienst, aber es fühlt sich an wie Urlaub. Und das, was ich hier tun muss, ist zugleich das, was ich gerne tue. Das besondere ist, dass dabei manchmal so Sachen passieren wie bei dem Strandspaziergang, was sehr berührend ist und dass Menschen auf einmal zu einer Gemeinde auf Zeit zusammenwachsen und sich Herzen öffnen und Seelen heilen."
Zu besagtem Strandspaziergang versammeln sich am Dienstag Abend etwa 15 Leute - ein paar Tropfen fallen, wir nehmen zur Abschreckung einen Regenschirm mit, und tatsächlich bleibt es den restlichen Abend trocken. Mit den Worten des Psalm 23 machen wir uns auf den Weg zum Strand. Wir singen im weichen Sand stehend, machen Atemübungen und hören einen ostfriesischen Segen – an diesem Abend gesprochen von dem Mann, der ihn meiner Tante vor Jahren gezeigt hat. Zwischen Meeresrauschen und der untergehenden Sonne bekommen die Worte eine besondere Tiefe.
Und dann, als es eigentlich schon vorbei ist, passiert das Besondere, das Unplanbare: Eine Frau erzählt, dass sie heute Geburtstag hat. Sie ist allein auf der Insel, ihr Mann liegt in der Klinik. Das Hotel hat ihr einen Kuchen geschenkt, den möchte sie mit uns teilen.
Und so gibt es noch eine spontane Geburtstagsfeier am Strand - ein Geburtstagsständchen wird angestimmt, die Kerzen lassen sich bei dem Wind immerhin kurz anzünden. Und noch lange stehen alle gemeinsam im Sand, reden und lachen miteinander.
Kirche am Meer – eine Gemeinde auf Zeit
Ich unterhalte mich mit Ulrike, deren Worte mir im Kopf geblieben sind: "Ich liebe diese Gemeinde. Ich finde es wirklich super besonders, weil sie eben sowas wie heute hier ermöglicht. Dass wildfremde Menschen zusammen kommen, das kommt nur, weil so eine kleine Gemeinde wir Borkum so offen ist. Sie schafft einen Raum für uns alle, die wir von überall her kommen, dass wir hier ein Stück zu Hause sind."
Mein letzter Abend auf Borkum ist so romantisch-kitschig, wie man es sich für eine Reportage nur wünschen könnte. Beim Schwimmen im Meer taucht hinter mir ein Seehund auf. Ein Regenbogen spannt sich über die Insel.
Noch immer sinniere ich über das Geheimnis der immer vollen Kirche und der Gemeinde aus Urlaubsgästen.
"Es hat so etwas von Kirchentags-Energie", meint Nicole. "Es hat ganz viel wunderbares, dass die Leute kommen und erleben, dass Kirche voller Energie ist und lebt."
Ich habe selbst erlebt, wie einen diese Energie hineinziehen kann. Und vielleicht hängt es damit zusammen, dass die meisten nur kurz da sind. Dass es eine Gemeinde auf Zeit ist. Aber dass gerade auch deswegen so viele immer wieder kommen. Kirche ist offen, draußen, am Meer, - da, wo die Menschen ohnehin Sehnsucht verspüren. Und wo man, mal außerhalb des Alltagstrubels, Zeit hat, um Körper und Seele von Meereswind und Heiligem Geist durchpusten zu lassen.
Nachtrag
Einen Tag nach meiner Abreise von Borkum schreibt Nicole mir eine Mail. Von einer Spontanandacht erzählt sie mir, wegen eines personelle Engpasses musste die ökumenische Strandandacht ausfallen - und dann haben 20 Urlauber*innen einfach für sich selbst Andacht gefeiert, mit Kanon und Segenstext aus dem Internet - mitten auf der Strandpromenade. Vielleicht ist das das beste Beispiel für diese Energie.