Wenn ein Dorf wirklich nervös ist, merkt man das nicht an Posts oder Schlagzeilen, sondern an vollen Kirchenbänken. In Nemmersdorf war das am Freitagnachmittag so: unten dicht gedrängt, oben sogar die Emporen besetzt.
Der Ruf "Kirche in Not – Rettet die Türme!" hatte die Menschen erreicht – und sie kamen, um zu zeigen, dass es hier nicht um irgendein Bauprojekt geht, sondern um ihr Wahrzeichen und ein Stück Heimat.
Pfarrerin Amelie Luding brachte die Lage gleich zu Beginn auf den Punkt. "Auf dem Spiel steht viel", sagte sie. Die beiden Kirchtürme, 47 und 45 Meter hoch, seien "sehr marode", zwei Notsicherungen hätten bereits erfolgen müssen. Vor allem der Ostturm sei stark sanierungsbedürftig und deshalb notgesichert worden – auch aus Sicherheitsgründen für die Häuser am Kirchberg.
Was lange wie ein fernes "Irgendwann müssen wir mal ran" klang, ist nun akuter Zeitdruck. "Was bleibt? Entweder die große Sanierung oder der Abbau. Beides wird sehr teuer werden", so Luding. Und ein Abbau, wurde an diesem Nachmittag rasch klar, ist für Nemmersdorf keine Option.
Diagnose aus Bayreuth: Millionenbedarf und kaum Zeit
Wie sehr die Türme zum Dorf gehören, beschrieb Kirchenvorständin Ulrike Sommerer eindringlich: "Die Türme sind wirklich wahnsinnig wichtig. Fast jeder Verein hat die Türme in seinem Logo." Man sehe die Kirche von überall. "Nemmersdorf wäre nicht Nemmersdorf ohne diese Kirche." Für sie ist das nicht Nostalgie, sondern Identität. Die Türme sind Orientierungspunkt, Kulisse für Feste, stiller Begleiter im Leben.
Bürgermeister Holger Bär, direkt neben der Kirche aufgewachsen, fügte eine Geschichte hinzu, die erst ein kurzes Lachen, dann Nachdenklichkeit auslöste. Als Kind habe er erlebt, dass die Wetterfahne einmal vom Turm herunterkam – und plötzlich im Garten seiner Eltern lag. Heute hoffe er, "dass nicht irgendwann der ganze Turm im Garten liegt". Dann schob er augenzwinkernd nach: "Heute haben ja so viele Leute hohe Prozentzahlen an Föderzahlen rumgeschmissen – da wird am Ende noch was für den Kindergarten übrig bleiben."
Dass es hier nicht nur um Steine geht, zeigt auch der Alltag der Gemeinde. Sommerer erzählte von der Kinder- und Jugendarbeit, die den Ort trägt: "Im letzten Jahr hatten wir 40 Kinder, die beim Krippenspiel mitgemacht haben." So viele Engel und Hirten habe man gehabt, dass für jedes Kind noch eine Rolle dazugeschrieben werden musste. "Unser Herz schlägt einfach für die Menschen, es schlägt für die Jugend." Die Kirche ist eben nicht Kulisse, sondern Bühne.
Den nüchternen Befund lieferte danach Ulrich Arndt, Architekt des Landeskirchenamts. Das Staatliche Bauamt Bayreuth hatte bei einer vorsorglichen Untersuchung im Frühjahr 2024 massive Probleme entdeckt; am 16. Oktober lagen die Ergebnisse vor. Besonders im Ostturm aus dem 13. Jahrhundert gibt es erhebliche Mängel. Der Sanierungsplan zieht sich über Jahre: Ostturm 2026/27, Langhaus 2028/29, Westturm aus dem 15. Jahrhundert 2030/31. Die geschätzten Gesamtkosten liegen bei etwas mehr als zwei Millionen Euro.
Ein Drittel davon – rund 670.000 Euro – übernimmt der Freistaat Bayern aufgrund seiner historischen Baupflicht. Übrig bleibt dennoch eine Finanzierungslücke von etwa 1,5 Millionen Euro. Eigenmittel der Gemeinde betragen derzeit nur 227.000 Euro. Damit ist klar: Allein wird Nemmersdorf das nicht schaffen.
Sommerer beschrieb, wie schnell sich die Dimensionen verändert haben: "Erst dachten wir, es ist nur der Ostturm. Und dann kam der Westturm dazu und dann noch das Mittelschiff. Und auf einmal waren wir bei Beträgen von zwei Millionen." Der Schock sei groß gewesen, "und keiner wusste mehr, sich irgendwie zu helfen". Als dann sogar vom Abbau die Rede war, habe "großes Entsetzen" geherrscht. "Wir kämpfen alle dafür", sagte sie.
Warum die Kirche mehr ist als ein Gebäude
Hoffnung macht nach Arndts Einschätzung immerhin, dass das Landesamt für Denkmalpflege den Mehraufwand als sehr hoch einstuft – das eröffnet zusätzliche Förderchancen. Und genau an der Stelle setzte Dekan Manuel Ceglarek an.
Der Dekanatsbezirk werde die Nemmersdorfer Kirche in der Gebäudebedarfsplanung auf Kategorie A setzen. "Damit machen wir deutlich: Dieser Ort ist uns wichtig", sagte Ceglarek. "Wir wollen alles daran setzen, einen Rückbau zu verhindern." Diese Priorisierung hat Gewicht, weil die Landeskirche insgesamt sparen muss und jedes Dekanat entscheiden muss, in welche Gebäude es weiterhin investiert.
Ceglarek sprach aber nicht nur über Geld, sondern über Sinn. "Kirche und Dorf ist genau das, was für mich Kirche ist, gemeinschaftsbildend", sagte er. Kirche im Dorf bedeute einen Raum, "wo verschiedene Positionen, liberal, konservativ, da alle zusammenkommen. Das ist für mich auch die Zukunft von Kirche." Gerade jetzt brauche es Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne sofort auf Abstand zu gehen.
Gleichzeitig blieb der Dekan realistisch: "Wir als Kirche werden kleiner, wir müssen uns gesund schrumpfen." Künftig werde man "nicht mehr die Gelder haben, alle Gebäude zu erhalten, die sinnstiftend sind und gesellschaftsstiftend sind." Nemmersdorf sei deshalb auch ein Prüfstein dafür, ob Kirche, Staat und Gesellschaft solche identitätsstiftenden Orte gemeinsam tragen wollen.
Hoffnung, Fördergelder und "Klingelputzen": Wie Nemmersdorf die Rettung stemmen will
Dass diese Hilfe nicht nur eine Sonntagsrede ist, zeigte ein Blick in die Reihen. Unter den Zuhörern waren Regierungspräsident Florian Luderschmid, die Landtagsabgeordneten Franc Dierl (CSU) und Tim Pargent (Grüne), der stellvertretende Landrat Klaus Bauer (CSU) sowie viele Vertreter aus Vereinen und Initiativen. Dierl stellte zusätzliche Mittel aus der Fraktionsinitiative in Aussicht; Luderschmid signalisierte als Vorsitzender der Oberfrankenstiftung grundsätzliche Förderbereitschaft, sobald der Stiftungsrat entschieden hat. Auch wenn noch nichts unterschrieben ist, war die Botschaft klar: Die Region schaut hin.
Der Kirchenvorstand weiß dennoch: Zuspruch allein reicht nicht. Auf die Frage, wie der Nemmersdorfer Anteil zusammenkommen soll, antwortete Sommerer schlicht: "Wir gehen jetzt Klingelputzen." Gemeindeglieder sollen spenden, Benefizaktionen wie Konzerte oder Lesungen sind in Planung. Unter nemmersdorf-evangelisch.de gibt es alles Wichtige.Aber auch sie ist realistisch: Das werde "nur Tropfen auf dem heißen Stein sein". "Den Löwenanteil müssen wir über Stiftungen generieren. Eine Stiftung nach der anderen anschreiben", so Luding. Helfen könne jeder, betont sie, auch außerhalb des Ortes: finanziell über das Spendenkonto – "und natürlich auch im Gebet".
So mischten sich an diesem Nachmittag nüchterne Zahlen mit persönlichen Geschichten, Fachvorträge mit Applaus, Sorge mit vorsichtiger Zuversicht. Als die Veranstaltung endete, blieb niemand einfach sitzen. Die Menschen strömten hinaus auf den Kirchplatz, wo schon Glühwein und Tee bereitstanden. Zwischen dampfenden Bechern wurde weitergeredet, diskutiert, gelacht, manchmal auch still genickt. Es war, als würde sich Nemmersdorf noch einmal vergewissern: Wir haben die Lage verstanden. Und wir lassen unsere Türme nicht kampflos gehen.