28.06.2020
Online mehr Menschen erreicht

Das berichten Gemeinden aus dem Kirchenkreis Nürnberg über ihre Erfahrungen mit Internet-Formaten

Gedanken um YouTube-Andachten oder geistliche Impulse per WhatsApp machten sich einzelne Gemeinden im Kirchenkreis Nürnberg schon länger, doch erst als im Zuge der Corona-Krise ab Mitte März die Kirchentüren schlossen, wurden sie konkret. So manches Team machte aus der Not eine Tugend und entwickelte in kurzer Zeit digitale Angebote.
Claudia Voigt-Grabenstein vor der Kamera
Die Pfarrerin von St. Lorenz in Nürnberg, Claudia Voigt-Grabenstein, vor der Kamera in ihrer Kirche, wo während des Corona-Lockdowns regelmäßig Gottesdienste und Andachten ins Netz übertragen wurden.

Als eine der bedeutendsten evangelischen Kirchen in Bayern, war man sich in St. Lorenz in Nürnberg schnell klar, dass man zwar keinen ganzen Gottesdienst ins Internet bringen wolle, aber mit dem Anspruch, inhaltlich und auch technisch Qualität zu liefern den Menschen Lust machen wolle, zuzuschauen.

"Die Kirche bietet ein unglaubliches Bildmaterial. Da gibt es so viel zu entdecken, dass sehr schnell die Kombination geboren, unsere Kurzandachten mit Themen, die die Kirche vorgibt, zu verbinden", sagt Claudia Voigt-Grabenstein, erste Pfarrerin der Lorenzkirche. Ohnehin gebe es tägliche Kurzandachten, ein kurzer Impuls, der digital machbar war.

Um sonntags dann doch präsent zu sein, wurde ein weiterer Sonntags-Impuls gedreht, der aber auch nur das Format einer normalen Kurzandacht haben sollte. Das sonntägliche Erkennungsmerkmal: Die Liturgen tragen Talar.

Online-Impulse in Nürnberg

Die Hürden hätten sich dabei niedriger als gedacht erwiesen.

"Da war ein Kameramann, der schon öfters in Lorenz gedreht hat und durch Corona seine Aufträge verloren hatte und ein Tonmeister, dem durch die Streichung  der städtischen Veranstaltungen auch alle Aufträge verloren gegangen waren. Beide haben bereits am 18.März bei uns in der Kirche gestanden und sich mit Lust und Engagement auf das Experiment "Lorenz online" eingestellt", erinnert sich die Pfarrerin.

Nachdem die Kurzandachten von je her dekanatsweite Angebote sind, erhielt die Gemeinde teils auch finanzielle Unterstützung durch das Dekanat.

Pfarrer machten Entwicklung durch

Während der Drehs hätten sich alle Beteiligten selbst kollegial beraten und weiter entwickelt.

Erkenntnis: "Die Arbeit vor der Kamera ist eine vollkommen andere als in einem Live-Gottesdienst. Es ist nicht leicht für Prediger, etwas kurz und prägnant zu benennen. Und auch die Organisten neigen dazu, gerne länger zu spielen. Hier ein Gleichgewicht zu schaffen, die Zeit wirklich zu reduzieren und den Rahmen von  ursprünglich 10 Minuten zu halten, ist fast nicht möglich gewesen", erklärt Voigt-Grabenstein.

Die Rückmeldungen seien durchwegs positiv gewesen. Hier eine Auswahl: "Jeden Morgen schauen wir vor dem Frühstück gemeinsam Ihren Impuls an. Mit meiner Schwester diskutiere ich dann darüber am Telefon ";  

"Ihr Impuls hilft uns, den Tag gut zu beginnen ";

"Wenn wir das nächste Mal nach Nürnberg fahren, schauen wir all das an, was wir bei ihnen kennengelernt haben".

Auch kleinere Clips seien wegen der Lockerheit und Fröhlichkeit sehr gut angekommen. Die Impulse am Sonntag erhielten durchschnittlich 400 bis 500 Klicks, bei den Kurzandachten waren es etwa 300, Karfreitag und Ostern sogar rund 1000 Klicks.

"Man ist herausgefordert, den pastoralen Habitus abzulegen",

beschreibt Voigt-Grabenstein ihre Erfahrungen. Das sei sehr selbstkritisch gemeint: Die richtige Sprache und die Haltung zu finden, damit man nicht gleich in die "Kirchenschublade" geschoben wird, sei nicht einfach. Außerdem sei es eine ständige Herausforderung, die Inhalte so zu transportieren, dass Zuschauer nicht abschalten oder weiter zappen.

Allerdings seien die momentanen Formate auch eine rein einseitige Sache.

"Wir geben, und die anderen hören".

Da sei nur Input, aber kaum Resonanz. Was die Frage aufwerfe, wie man aus dieser reinen Bediener-Mentalität herauskommen und ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen kann. "Mein Ziel wäre es aber, neue Hörer zu erreichen. Wenn wir in dem Bereich weiter arbeiten wollen, muss es verstärkt interaktiv werden. Dazu braucht es aber Menschen, die präsent und ansprechbar sind. Sollten das die Pfarrer tun, müsste sich deren Stellenbeschreibung entsprechend verändern", erklärt die Pfarrerin.

Grundsätzlich müsse man dran bleiben. "Wir haben gerade in der Kirche den digitalen Sprung in das 21. Jahrhundert geschafft. Es wäre ein Wahnsinn, wenn wir da wieder zurück fallen würden. "

Neuer Personenkreis erreicht

Eine digitale Zusammenarbeit aller vier evangelischen Kirchengemeinden in Nürnberg-Langwasser brachte schnell einen sonntäglichen Gottesdienst auf YouTube hervor. "Am Anfang waren die Klick-Zahlen deutlich höher, aber auch jetzt noch erreicht das Format vermutlich Menschen, die in die Kirche eher am Sonntagvormittag nicht gehen", meint Griet Petersen, Pfarrerin an der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche.

Es habe Spaß gemacht, verschiedene Sende-Orte wie Foyer, Pfarrhausgarten oder den Innenhof des Gemeindezentrums zu testen. Die Tonqualität war am Ende aber nicht immer zufriedenstellend. Die Kooperation in Langwasser habe sich aber auch hier bewährt, weil man sich gegenseitig entlastet habe und digitale Fähigkeiten nicht bei allen notwendig waren.

Rückmeldungen zu Gottesdiensten im Internet

Die Rückmeldungen waren durchaus gemischt: "Die einen waren glücklich, einfach den Raum der Kirche und die Pfarrer auf diese Weise mal wieder zu sehen. Andere, auch gemeindenahe Personen äußerten allerdings eher Desinteresse, weil sie lieber bei den vertrauten Fernsehgottesdiensten bleiben wollten, zum Teil auch wegen des besonderen kirchenmusikalischen Angebots. Selbst wenn theoretisch die Möglichkeit bestünde, am eigenen Fernseher YouTube zu schauen, möchten manche das auch gar nicht mehr erlernen", sagt Petersen.

An die Grenze komme das Format da, wo gemeinsame Aktion essentiell ist, insbesondere bei Gottesdiensten für Kinder.

Live-Streamen in der Martin-Niemöller-Gemeinde

Ob das Streamen von Gottesdiensten funktioniert, wolle man demnächst testen. Die Martin-Niemöller-Gemeinde hat ihre Gottesdienstzeit bereits auf Samstag 19 Uhr gelegt. Auf diese Weise kann immer ein Live-Gottesdienst aufgenommen und dann einfach für Sonntag ins Netz gestellt werden.

Auch Tonaufnahmen, die über das Portal Soundcloud verbreitet werden, wurden ausprobiert. Zudem sei auch das Format der Telefonbotschaft neu entdeckt worden und wird mit einer Minutenandacht zur Zeit wöchentlich mit neuem Text bedient.

Vielerorts konnten sich die Pfarrer auch über Unterstützung in Technik und Know-how freuen: So entpuppte sich das eine oder andere Gemeindemitglied als versierter Filmschneider oder half bei der Onlinestellung und Verbreitung des gefilmten Materials.

"Ein Schauspieler aus der Gemeinde hat uns sogar einmal ein Sprech-Coaching gegeben, weil man vor einer Kamera natürlich ganz anders reden muss",

erzählt Thomas Zeitler von St. Egidien.

"Egal ob der Gottesdienst als Audiofile oder Film zu sehen war, die Reaktionen waren durchweg positiv", berichtet Pfarrerin Karin Deter, Lutherkirche Hasenbuck. Pfarrer Jochen Nentel, St. Matthäus Maxfeld, ergänzt: "Gerade zu Ostern waren die Menschen sehr dankbar für Videogottesdienste und auch für PDF-Gottesdienstentwürfe zum ‚zuhause feiern‘".

"Gerade bei der älteren Generation ist oft eine richtige Herzensverbindung da und es wäre schön, hier einen Gottesdienst ins Haus zu ‚liefern‘. Leider ist diese Generation noch oft nicht ganz so internetaffin", meint Pfarrerin Eva Kaplick, Nikodemuskirche Röthenbach.

Neben Videoandachten, ‚Konferenzgottesdiensten‘ per Zoom oder Livestreams, die mit Kunst- und Kulturangeboten wie ‚Church goes Clubbing‘ auch jüngere Gesellschaftsschichten ansprechen, wurde das Angebot der Gemeinden deshalb etwa um geistige Impulse per Telefonansprache oder analoge Gottesdienste als Postwurfsendung ergänzt.

In der Kürze liegt die Würze

Die Corona-Krise genutzt, um einen eigenen You-Tube Kanal zu schaffen, das hat in Markt Berolzheim das Team um Pfarrerin Myriam Krug-Lettenmeier​. Mit den einfachsten Mitteln wurde begonnen: Handy-Kamera und ein kostenloses Schneideprogramm auf dem PC, anfangs Musik aus der Konserve, dann extra aufgenommen mit den Organisten.

"Wir haben dann schnell gemerkt, dass 15 bis 20 Minuten für einen Gottesdienst ausreichend sind", berichtet sie. Gatte Martin habe die Gottesdienste aufgenommen und geschnitten. Er erhält jeweils den ausgearbeiteten Gottesdienst vorab und macht dann ebenfalls vorab sogenannte "Inserts", die zu Liedern, Gebeten und Predigt passen.

Das seien meistens Aufnahmen aus dem Bereich der Gemeinde, Bilder aus der Gegend und sind somit der Kirchenfamilie vertraut. Damit werde das Gemeinschaftsgefühl der Kirchenfamilie weiter gestärkt. Viele würden die Links an Freunde außerhalb der Gemeinde weiterleiten. Auch ein Aufruf zu Spenden für die Videokirche sei auf gute Resonanz gestoßen.

Gottesdienst in Markt Berolzheim
Zum Himmelfahrts-Gottesdienst in Markt Berolzheim wurde vor der Kirche gedreht und das Ergebnis ins Netz gestellt.

Wie häufig werden Gottesdienste online angesehen?

Martin Lettenmeier hat über Google Analytics aussagekräftige Zahlen: Die bisherigen Gottesdienste seien rund 6.000 Mal geklickt worden, über 600 Stunden hätten Menschen insgesamt zugesehen, die durchschnittliche Verweildauer habe neun Minuten betragen. Allein der Ostersonntags-Gottesdienst habe rund 750 Klicks erreicht.

Erstes Fazit der Pfarrerin nach wenigen Wochen Onlinegottesdienst-Erfahrung: "Für das Videoformat muss es kürzer und knackiger sein. Spätestens am Mittwoch wird aufgenommen, um genügend Zeit zur Bearbeitung zu haben. Für die Ferien muss ich vorproduzieren. Viele Mitglieder der Kirchenfamilie schauen aufgrund der Maskenpflicht lieber den Videogottesdienst."

Wichtig für die Zukunft sei, weiterhin vielfältig in und mit der Kirchenfamilie unterwegs zu sein, in traditionellen Gottesdiensten, in neuen Formen, Outdoor-Angeboten und digital. Und: Corona habe deutlich gemacht, wie wichtig die Beziehung zum Pfarrer vor Ort ist.

Nächte um die Ohren geschlagen

Im benachbarten Langenaltheim meisterte Pfarrer Christof Meißner die Herausforderungen, Gottesdienste im Internet zu feiern, vor allem mit hohem zeitlichen Aufwand.

"In den ersten Wochen war ich für jedes Video mindestens eine ganze Nacht am Arbeiten. Das lag daran, dass ich mich selber mit dem englischsprachigen PC/Mac-Programm zum Beispiel mit Hilfe von YouTube-Tutorials vertraut machen musste. Ehrenamtliche standen für diese PC-Arbeit leider nicht zur Verfügung, was am ländlichen Langenaltheim liegen kann oder an dem Umstand, dass ich erst seit Januar 2020 in der Gemeinde tätig bin und daher noch nicht alle potentiellen Mitarbeiter kenne", meint Meißner.

Technische Ausstattung

Bisher habe man nur wenig finanziellen Aufwand betriebe, sei aber noch am Suchen für ein Konzept. Der Kauf eines Camcorders für rund 200 Euro hatte sich als mittlerer Flop erwiesen, da Handy-Kameras immer besser sind. Stative wurden für etwa 80 Euro, ein Richtmikrofon für 200 Euro, ein Streaming-Software-Abo für zirka 40 Euro im Monat gekauft.

Eine Herausforderung sei es auch gewesen, mit YouTube, Instagram und Facebook klarzukommen: "Hier könnten wir noch bessere Arbeit machen (zum Beispiel beim Verlinken von YouTube-Videos)."

Begeistert ist Meißner vom Feedback: "Ein solches Echo an Lob, Ermutigung und Komplimenten habe ich in meiner Zeit als Hauptamtlicher seit 2013 noch nie erlebt. Vor allem begeisterte Senioren haben sich bei mir am Telefon gemeldet. Dazu kommt wahrscheinlich, dass viele das überhaupt nicht erwartet hätten. "

Senioren-Nachmittag online

Viele Enkelkinder hätten ihren Großeltern extra YouTube auf dem Fernseher oder dem Laptop eingestellt. Mehrfach sei die Anfrage gekommen, ob man weiterhin die Gottesdienste für diejenigen aufnehmen könnte , die auch nach der Corona-Krise nicht in die Kirche kommen können. Zudem gebe es einen Senioren-Nachmittag online, bei dem eine Ehrenamtliche Geschichten vorliest.

Eine Lehre sei, dass das Medium Internet und Social Media auch eigene Inhalte erfordert: Lieber kürzere Andachten und kleine Impulse. Ganze Gottesdienste von 40 Minuten würden zwar auch von einzelnen angesehen, erreichten aber nicht die Masse. Eine negative Seite: der immense Zeitaufwand.

Für die Zukunft nimmt Christof Meißner einige Erkenntnisse mit: "Wer wagt, gewinnt!  Wir setzen die Videos in Form von Gottesdienst-Mitschnitten fort und beraten über ein Angebot für komplette Streaming. Wir haben gemerkt, dass wir im Internet noch einmal andere Leute erreichen, die wir sonst nicht erreicht hätten.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Corona-Krise

Entlohnung in der Pflege
Die meisten Bundesländer wollen die Sonderprämie für Pflegekräfte aus eigenen Mitteln aufstocken - und nehmen dafür Millionenbeträge in die Hand. Wann das Geld überwiesen wird, ist unterschiedlich. Lesen Sie alles rund um den Pflegebonus in unserem Newsticker.
Sonntagsblatt