Ein Samstagvormittag im Sommer, Stadtteilfest in München-Sendling. Zwischen Zirkuszelten und Essensständen steht ein Coffee-Bike, es gibt "Segen to go" und Limo. Ehren- und Hauptamtliche aus vier evangelischen Kirchengemeinden sind gemeinsam im Einsatz. Für Pfarrerin Stephanie Höhner zeigen solche Gelegenheiten, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte: Menschen aus vier Gemeinden identifizieren sich zunehmend als eine Einheit – und bleiben so sichtbar und wirksam im Leben der Menschen.

Diese Einheit hat einen Namen: "Wesentlich evangelisch". Dahinter stehen Auferstehungs-, Gethsemane-, Himmelfahrts- und Passionskirche aus den Münchner Stadtteilen Westend, Sendling und Thalkirchen. Es handelt sich um vier eigenständige Gemeinden. Aber Gottesdienste, Konfi-Arbeit und zunehmend auch Personalfragen, Verwaltung und Verantwortung denken sie gemeinsam.

Gemeinsam mehr möglich machen

Begonnen hat alles 2021 mit einer gemeinsamen Sommerpredigtreihe. Man verstand sich, lernte die Angebote der anderen Gemeinden kennen und merkte: Die Zusammenarbeit entlastet alle. Und sie ermöglicht Neues. So könnte kirchliches Leben vor Ort trotz Sparzwängen gesichert bleiben. "Ich muss nicht in jeder Kirchengemeinde einen Hauskreis und einen theologischen Gesprächskreis anbieten", sagt Höhner, geschäftsführende Pfarrerin der Himmelfahrts- und Auferstehungskirche. Inzwischen gibt es einen gemeinsamen Gottesdienstplan, eine Website und einen Gemeindebrief. Konfi-, Kinder- und Familienarbeit sind regional organisiert, Ehrenamtliche vernetzen sich über Gemeindegrenzen hinaus.

Einer von ihnen ist Uwe Hagenberg. Der 70-Jährige engagiert sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich, ist Mitglied im Kirchenvorstand und Vertrauensmann der Himmelfahrtskirche. Die Regionalisierung erlebt er vor allem als Bereicherung:

 "Ich habe aus anderen Gemeinden interessante Menschen kennengelernt, das empfinde ich als großen Zugewinn." 

Spannend findet er zu sehen, wie die Nachbarn ihre Aufgaben lösen. Pfarrer Claus-Philipp Zahn hat die Vision, dass die Mitarbeitenden aller vier Gemeinden eng zusammenwachsen: "Ich wünsche mir, dass wir spüren, was uns verbindet, füreinander da sind und unser evangelisches Christsein gemeinsam mit Leben füllen."

Mehr Angebote, weniger Doppelarbeit

Von diesem Blick über den eigenen Kirchturm hinaus profitieren nicht nur Ehrenamtliche wie Uwe Hagenberg. Auch die Menschen vor Ort haben durch den Schulterschluss der vier Gemeinden mehr Anknüpfungspunkte dank einer größeren Auswahl an Angeboten. Jugendliche etwa können zwischen drei Konfi-Modellen wählen – je nachdem, welches zeitliche Modell am besten zu ihrem Alltag passt. Bei Taufen können die Gemeinden flexibler auf Terminwünsche reagieren. Und wer einen Chor, einen Gesprächskreis oder ein Konzert sucht, findet die Angebote aus allen drei Stadtteilen gebündelt auf der gemeinsamen Homepage wesentlich-evangelisch.de.

Für Höhner liegt darin ein wesentlicher Mehrwert der Regionalisierung: "Wir können hoffentlich auch künftig viele Angebote machen, aber eben nicht mehr unter jedem Kirchturm." Dass Hauptamtliche wie sie vor diesem Hintergrund nicht mehr alles selbst tun und können müssen, empfindet Höhner als sehr entlastend. Das bedeutet aber auch, dass Ehrenamtliche immer wichtiger werden.

Hagenberg befürwortet diese Entwicklung hin zur Ehrenamtskirche. Es müsse jedoch klar sein, wo Pfarrerinnen und Pfarrer unverzichtbar seien und welche Aufgaben Ehrenamtliche übernehmen könnten. Ein gutes Beispiel dafür ist für ihn die "wesentlich.Sonntagsandacht". Das Format findet einmal im Monat in einer der vier Kirchen anstelle des 10-Uhr-Gottesdiensts statt. Die Hauptamtlichen haben dafür Struktur und Rahmen entwickelt, die Ehrenamtlichen setzen diese Vorgaben eigenständig um. Genügend Engagierte zu finden, hält Hagenberg grundsätzlich für möglich – vor allem für konkrete Projekte. Schwieriger werde es, Menschen für regelmäßige, langfristige Verpflichtungen zu gewinnen. Auch das gelte es im Zuge der Regionalisierung zu bedenken.

Zwischen Aufbruch und Verlustängsten

Was organisatorisch sinnvoll klingt, kann sich für langjährige Gemeindemitglieder wie ein Verlust anfühlen. Höhner kennt die Sorgen: Wird meine Kirche geschlossen? Gibt es künftig noch Gottesdienste? Müssen wir die Schulden anderer auffangen? Während sie die Regionalisierung als Stärkung der Ortsgemeinden empfindet, befürchten Kritiker den Verlust von Nähe und Beziehungen. Wo die Wege länger werden, bleiben manche Gemeindeglieder dem Gottesdienst eher fern, statt auszuweichen, so eine der Befürchtungen. Das gilt vor allem für ländliche Regionen.

"Diese Ängste muss man ernst nehmen und immer wieder einfangen", sagt Höhner. In ihren Augen können Nähe und Beziehungen in den neuen Strukturen aber sogar gestärkt werden: "Ein Gesprächskreis mit 15 oder 20 Menschen macht Gemeinschaft stärker erlebbar als einer mit sechs." Pfarrerinnen und Pfarrer könnten sich zudem stärker auf Beziehungsarbeit konzentrieren, wenn sie in anderen Bereichen entlastet würden.

Ein gemeinsamer organisatorischer Rahmen für mehrere Ortsgemeinden, die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen und die Nutzung von Synergieeffekten – "Wesentlich evangelisch" erfüllt viele Kriterien der sogenannten Regionalgemeinden, wie sie die Landeskirche plant. Da der Begriff rechtlich erst noch von der Landessynode geklärt werden muss, ist im Moment aber noch von einem "Nachbarschaftsraum" die Rede. Zehn solche Räume wurden im Dekanat München bereits geschaffen.

Pfarrerin Höhner sitzt selbst in der Landessynode und wünscht sich, dass die Idee der Regionalgemeinden nicht zerredet wird, ehe sie überhaupt klar definiert ist. Die Kirche, sagt sie, müsse sich angesichts knapper Ressourcen ohnehin verändern. Entscheidend sei, den Wandel produktiv mitzugestalten, statt ihn nur geschehen zu lassen.