Er hat mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi gesprochen, im kolumbianischen Bogotá mit Guerilla und Regierung über Frieden beraten und in Südkorea einen Besuch der demilitarisierten Zone (DMZ) an der Grenze zu Nordkorea absolviert. Und bis heute spielt Heinrich Bedford-Strohm auf einer Geige, die einst im Bayreuther Festspielorchester erklang. Am 30. Oktober kommt der frühere bayerische Landesbischof und heutige Vorsitzende des Weltkirchenrates in die Stadtkirche Bayreuth.
Wer Heinrich Bedford-Strohm nach Bayreuth fragt, landet schnell bei dieser Geige. Mit sechs Jahren bekam er Unterricht bei einem Mann, der im Orchester der Bayreuther Festspiele spielte. Später vermachte ihm dessen Witwe das Instrument – genau jene Geige, mit der ihr Mann im Festspielorchester gesessen hatte. "Mit der Geige spiele ich noch heute", erzählt Bedford-Strohm. "Und das ist natürlich auch noch eine schöne Verbindung nach Bayreuth, zum Festspielhaus und zum Wagnerorchester."
Sein Alltag spielt sich inzwischen auf einer ganz anderen Bühne ab. Seit 2022 ist Bedford-Strohm Vorsitzender des Weltkirchenrats. Dazu gehören 356 anglikanische, orthodoxe und protestantische Kirchen aus 120 Ländern mit rund 600 Millionen Mitgliedern. "Man kann sich vorstellen, wie unterschiedliche Menschen da zusammenkommen", sagt er.
Ökumene, die ins Herz geht
Den Begriff, der über seinem Bayreuther Vortrag steht, hat der Weltkirchenrat bei seiner Vollversammlung 2022 in Karlsruhe geprägt: Ökumene des Herzens. Gemeint ist, "dass wir jenseits all der kirchenrechtlichen Regelungen, all der Hürden, die es zwischen den Konfessionen gibt, schlicht und einfach Ökumene leben". Freundschaften über Konfessionsgrenzen hinweg, gemeinsame Projekte, gemeinsame Gottesdienste – "so wie das Menschen vor Ort jetzt schon in vieler Weise tun".
Solche gemeinsamen spirituellen Erfahrungen gingen "tief ins Herz rein", sagt Bedford-Strohm. Sie seien die beste Grundlage, um auch bei den schwierigen Fragen voranzukommen, beim Kirchenrecht etwa oder beim gemeinsamen Abendmahl. Und gerade in einer Welt, "die von so viel Spaltung geprägt ist", sei diese Haltung umso wichtiger.
Blau heißt kalt, Orange heißt warm
Wie das im Alltag des Weltkirchenrates aussieht, zeigt ein Verfahren, das fast an ein Gesellschaftsspiel erinnert. Entschieden wird nicht per Mehrheit, sondern im Konsens. Dafür gibt es zwei Karten: eine blaue, die "kalt" bedeutet – "Nein, kann ich nicht mitgehen" –, und eine orange für "warm": "Ja, ich bin dafür." Leitet Bedford-Strohm eine Versammlung, bittet er zwischendurch: Zeigt mir eure Karten. Sind alle orange, ist die Sache schnell erledigt. Tauchen blaue auf, fragt er nach: "Was ist dein Problem? Warum kannst du da nicht mitgehen?"
Das sei keine Formalie, betont er, sondern ehrlich gemeint. "Es ist eine Kultur des Zuhörens. Und ich glaube, das macht den entscheidenden Unterschied." Manchmal geht das zwei, drei Runden. Am Ende fragt er, ob alle dem Gesamtdokument trotz ihrer Einwände zustimmen können. "Und das Wunder, das ich erfahre, ist, dass ich eigentlich immer nur noch orange Karten sehe."
Das Geheimnis liegt für ihn darin, dass jeder weiß: Die anderen interessieren sich wirklich dafür, warum ich nicht mitgehen kann. "Ich werde gesehen" – dieses Gefühl mache Menschen bereit, auch Dinge mitzutragen, die sie normalerweise nicht mittragen würden. "Im Weltkirchenrat erlebe ich Zeichen der Einheit, die ich so in der Welt nicht kenne."
Klar in der Sache, liebevoll im Ton
Zuhören heißt für Bedford-Strohm allerdings nicht, alles gelten zu lassen. Eine Grenze sei erreicht, wenn politische Ideologien das Christentum missbrauchen, um Dinge zu rechtfertigen, die ihm diametral entgegenstehen. Etwa wenn ein Land einen brutalen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland führt, "wie wir das gegenwärtig in der Ukraine erleben", und das als Verteidigung des Christentums ausgibt. Oder "wenn Flüchtlinge gejagt werden, wenn Menschen als Tiere bezeichnet werden. Wenn der Nationalismus zum Programm gemacht wird". Dann werde der Name Jesu Christi "in den Dreck gezogen", und die Kirchen müssten "klar Flagge zeigen".
Was ihn besonders umtreibt: Er begegnet Menschen, die er als liebevoll erlebt – und hört von ihnen dann Sätze, die ganze Menschengruppen herabsetzen. Abschreiben will er sie nicht. Er setzt auf Begegnung. Geht es um Ausländerfeindlichkeit, fragt er schon mal ganz direkt: "Kennst du eigentlich jemand mit nicht weißer Hautfarbe?" Oft stellt sich heraus, dass das Gegenüber die Menschen, über die es redet, gar nicht kennt.
Der zweite Weg führt zurück zur Bibel: Was hat Jesus eigentlich gelehrt, und wie verträgt sich das, was ich sage, damit? Entscheidend ist für Bedford-Strohm dabei der Ton. "Wir können nicht mit Menschen, die anderer Meinung sind, so umgehen, dass wir sie abqualifizieren und sie nichts von der Liebe spüren." Mit Luthers Rechtfertigungslehre im Rücken formuliert er seinen Anspruch so: Es müsse möglich sein, "dass wir inhaltlich klar Position beziehen, aber den Menschen gegenüber, mit denen wir reden, diese Liebe ausstrahlen".
Gehört in Ägypten, Korea und Kolumbien
Dass es für die Kirchen hierzulande schwieriger geworden ist, "in dem Chor der vielen Stimmen" durchzudringen, räumt er offen ein. Außerhalb Deutschlands erlebe er das zum Teil ganz anders. Bei einer großen Weltkirchenkonferenz im vergangenen Oktober in Ägypten empfing der ägyptische Präsident el-Sisi die Delegation zu einem "sehr intensiven Gespräch". In Südkorea traf Bedford-Strohm vor Kurzem den Parlamentspräsidenten Cho Jeong-sik, der ihm die Orte zeigte, an denen die Demokratie verteidigt wurde, als der mittlerweile abgesetzte Präsident Yoon Suk-yeol Kriegsrecht verhängt worden war.
Und in Kolumbien lud die Regierung den Exekutivausschuss des Weltkirchenrates ein, seine Sitzung in Bogotá abzuhalten statt online. Der Sinn: mit Guerilla und Regierungsdelegation auszuloten, ob die Kirchen helfen können, den Konflikt zu überwinden. Denn die Kirchen sind "sowohl im Regenwald als auch in den großen Metropolen" in Gemeinden verwurzelt und genießen Vertrauen auf beiden Seiten.
Aus der Fülle leben
Was die Gemeinden in Deutschland von der weltweiten Christenheit lernen können? Darauf hat Bedford-Strohm eine klare Antwort: "Die Lebensfreude und die Glaubenszuversicht, die Begeisterung für den Glauben." Und vielleicht am wichtigsten in einer Zeit, in der die Gelder zurückgehen: dass die Glaubenskraft nicht von der Höhe des Budgets abhängt. Es mache ihn immer wieder nachdenklich, wie Kirchen mit extrem wenig Geld eine Ausstrahlung entwickeln, "über die man sich nur freuen kann".
Die Strukturveränderungen in der evangelischen Kirche hält er für notwendig. Er sieht aber die Gefahr, dass darüber der Blick nach außen verloren geht. "Wir sind nicht eine lokale Kirche, wir sind eine Weltkirche" – auch als Protestanten. Auch deshalb wünscht er sich, dass der Weltkirchenrat in Deutschland bekannter wird. Und er gibt den Gemeinden einen Satz mit, der nach Aufbruch klingt: "Die Ausstrahlungskraft unserer Kirchen hängt nicht zuallererst vom Budget ab oder von den vielen Gebäuden, die wir haben, sondern schlicht und einfach davon, dass wir die eigenen Quellen wieder neu entdecken und aus der Fülle leben und nicht aus der Angst und der Knappheit."
Zweifel an der Welt, nicht an Gott
Sein Optimismus ist dabei kein Schönreden. Die Spaltung, die Gewalt, "die nicht zu enden scheint", gehe ihm sehr nahe, sagt Bedford-Strohm. "Da geht es mir auch manchmal gar nicht gut mit." Zweifel an Gott oder an seiner Aufgabe löse das aber nicht aus. "Nein, es ist Zweifel an der Welt, die ich da empfinde. Aber umso mehr das Gefühl: Du bist da genau an der richtigen Stelle." Denn wenn es überhaupt einen Weg gebe, Gewalt, Unrecht und Leid zu überwinden, dann den, sich für Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen. "Und genau dafür stehen die Kirchen."
Die Großmutter in der Beethovenstraße
Und dann ist da Bayreuth. Sein Urgroßvater Albert Preu war von 1919 bis 1933 Oberbürgermeister der Stadt, sein Vater wuchs hier auf und machte hier Abitur. Die Großmutter lebte bis zu ihrem Tod in der Beethovenstraße 15 und wurde 97 Jahre alt. Als Kind war Bedford-Strohm oft bei ihr zu Gast, manchmal eine ganze Woche, und auch als Erwachsener besuchte er sie noch häufig. Er erinnert sich an die Wohnung und an den großen Garten, "in dem jetzt auch noch ein weiteres Haus hineingebaut ist". Und an das Festspielhaus: Am Ende seiner Schulzeit erhielt er ein Richard-Wagner-Stipendium und durfte schon als Schüler Aufführungen erleben. "Bayreuth ist für mich ein Stück Heimat", hat er einmal in einem Interview gesagt.
Wenn er am 30. Oktober in der Stadtkirche spricht, geht es um die große Weltbühne – und zugleich um das, was vor Ort geschieht. Ganz am Ende des Gesprächs wendet sich Bedford-Strohm an all jene in den Gemeinden, die Ökumene längst leben. Er wolle ihnen einfach danken, sagt er, und sie ermutigen: "Lasst nicht locker. Diese Ökumene wirklich pflegen und leben ist genau das Zeugnis Jesu Christi, was wir heute brauchen."
Veranstaltung
"Ökumene des Herzens. Christliches Zeugnis in einer gespaltenen Welt" – Vortrag von Heinrich Bedford-Strohm
Freitag, 30. Oktober 2026, 19 Uhr, Stadtkirche Bayreuth
Im Anschluss besteht Gelegenheit zu Fragen und zum Austausch. Veranstalter sind das Evangelische Bildungswerk Oberfranken-Mitte, die Stadtkirchengemeinde und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Bayreuth.