Die Bamberger Dekanin Sabine Hirschmann ist keine Frau, die lange um den heißen Brei herumredet. Sie wägt ab, sie sortiert, sie formuliert präzise. Und sie hat offenbar wenig Lust darauf eine Klagelied auf die Kirche zu singen. 

Hirschmann ist neu in der Landessynode. Sie gehört also zu denen, die nicht nur beobachten, wenn über die Zukunft der evangelischen Kirche beraten wird, sondern will selbst mitentscheiden Sie macht das nicht aus kirchenpolitischer Eitelkeit. Wenn sie die Folgen vieler Entscheidungen später ohnehin vor Ort mittragen muss, dann will sie vorher auch mitreden.

Hirschmann weiß, in welcher Lage sich Kirche gerade befindet. Weniger Geld, weniger Mitglieder, neue Zuständigkeiten, andere Erwartungen, dazu Reformen, Verwaltungsfragen und Strukturdebatten. Das alles blendet sie nicht aus. Aber sie weigert sich, daraus nur eine einzige große "Verlustgeschichte" zu machen.

Übersetzen zwischen München und Alltag

Ihre Aufgabe als Synodale beschreibt Sabine Hirschmann mit drei Begriffen: vertreten, verantwortlich entscheiden, vermitteln. Das klingt zunächst sachlich, sagt aber ziemlich genau, wie sie an diese Arbeit herangeht. Sie will Perspektiven einbringen, Entscheidungen nicht bloß abnicken und anschließend verständlich machen, was davon in Gemeinden, Dekanaten und kirchlichen Einrichtungen ankommt.

Gerade diese Übersetzungsarbeit ist ihr wichtig. Denn das, was auf landeskirchlicher Ebene beraten wird, hat mit dem Alltag vor Ort oft nur dann wirklich etwas zu tun, wenn jemand die verschiedenen Ebenen zusammenbringt. In Oberfranken, sagt Hirschmann, seien die Voraussetzungen andere als in manchen anderen Teilen Bayerns. Hochfranken ist anders geprägt als Bamberg, das evangelische Coburg anders als das katholische Umfeld in Bamberg.

Leitung ohne Tunnelblick

Auffällig ist, dass Sabine Hirschmann bei allem Nachdenken über Reformen immer wieder an einen Punkt zurückkehrt: Kirche darf sich nicht in ihren eigenen Strukturen verlieren. Gremien, Verwaltungsräte, Organisationsentwicklung, Immobilienfragen, Personalthemen. Das alles gehört zu ihrem Alltag. Und sie sagt offen, dass dabei leicht der Eindruck entstehen kann, irgendwann gehe es nur noch um Leitung und Verwaltung.

Gerade deshalb ist ihr die Verbindung zum kirchlichen Leben vor Ort wichtig. Gottesdienste, Gespräche, Kontakte, Besuche im Kirchenvorstand, unmittelbare Begegnungen. Wer nur noch organisiert, verliert irgendwann das Gespür für das, worum es eigentlich geht.

Sabine Hirschmann spricht auch offen darüber, dass Führung Distanz erzeugen kann. Ihre Sorge ist nicht, zu wenig Einfluss zu haben. Ihre Sorge ist eher, den Kontakt zur Basis zu verlieren. 

Früh geprägt, geistlich geerdet

Dass sie Pfarrerin wurde, hat mit Erfahrungen in ihrer Jugend zu tun. In der Konfirmandenzeit begegnete ihr eine Pfarrerin, die ihr zeigte, dass dieser Beruf vielfältig, hilfreich und segensreich sein kann. Dazu kam ein Religionsunterricht, der ihr Interesse an Theologie geweckt hat.

Auch später blieb ihr der geistliche Kern des Berufs wichtig. Ihre Ordination ist für sie bis heute mehr als ein Datum im Lebenslauf. Sie erinnert sie an den Auftrag als Pfarrerin und an das, was in all den Debatten nicht untergehen darf.  Bei Sabine Hirschmann bleibt spürbar: Kirche ist mehr als Organisation. Kirche, das ist Gemeinschaft mit Gott und mit Menschen.

Ehrenamt nicht als Lückenfüller

Bei dem Blick in die Zukunft verfällt sie nicht in Resignation, Resteverwaltung und nostalgischem Blick zurück.  Sie rechnet mit kleineren Ressourcen, mit größeren Einheiten, mit mehr Verantwortung für Ehrenamtliche und mit einer Kirche, die stärker in Netzwerken arbeitet. Aber sie beschreibt das nicht als Kapitulation, sondern als Realität, mit der man klug umgehen muss.

Besonders deutlich wird das beim Thema Ehrenamt. Hirschmann spricht darüber nicht gönnerhaft, wie über Menschen, die halt ein bisschen mithelfen. Sie meint es ernst. Ehrenamtliche sollen nicht dekoratives Beiwerk kirchlicher Arbeit sein, sondern mitgestalten, Verantwortung übernehmen, Freiraum bekommen.  Im Kern sagt sie damit: Kirche lebt nicht zuerst davon, dass Hauptamtliche alles zusammenhalten. Sie lebt davon, dass viele sich einbringen, Ideen entwickeln und gemeinsam Gemeinde prägen.

Offen für Menschen und ihre Fragen

Dazu passt, dass Sabine Hirschmann eine offene Kirche will. Offen für unterschiedliche Lebensgeschichten, für verschiedene Hintergründe, für Menschen, die ihren Platz suchen. Offen auch für gesellschaftliche und politische Debatten. Sie denkt Kirche nicht als geschlossenen Raum für die, die ohnehin schon da sind. Sondern als Ort, der wahrnehmen muss, was Menschen bewegt. Die Bamberger Dekanin will nicht erklären, was Kirche alles zu bieten hat. Sie stellt die Gegenfrage: Wenn Kirche einem Menschen etwas bedeuten sollte, wie müsste sie dann aussehen?

Kraft, Liebe und Besonnenheit

Sabine Hirschmann gehört nicht zu denen, die so tun, als ließen sich alle Probleme rasch lösen. Aber sie entzieht sich den Veränderungen auch nicht. Ihr Blick geht nach vorn. Nicht beschönigen, aber auch nicht kapitulieren. Nicht jammern, sondern gestalten.

Und doch endet dieser Blick für sie nicht bei Strukturen, Reformen und Gremien. Denn Sabine Hirschmann ist überzeugt, dass Kirche mehr ist als das, was Menschen organisatorisch aus ihr machen. Jesus Christus ist für sie Grund und Orientierung der Kirche. Und das Evangelium ist für sie auch heute eine wichtige und gute Botschaft für diese Welt, gerade in unruhigen Zeiten.

Wichtig für die Dekanin sind die Worte aus dem 2. Timotheusbrief geworden: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." Genau darin liegt vielleicht auch ihr Zugang zu den anstehenden Veränderungen. Kraft, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen und schwierige Entscheidungen zu treffen. Liebe zu Gott und zu den Menschen an oberster Stelle. Und Besonnenheit statt bloßem Tempo und ständigem Transformationsdruck.