7.10.2018
Nürnberg

Siechkobel von St. Jobst: Wo die Kranken bettelten

Vor rund 700 Jahren wurde der Siechkobel im Osten Nürnbergs gestiftet - ein Ort, an dem Kranke und Aussätzige damals leben mussten. Bis heute weht der diakonische Gedanke über der evangelischen Kirchengemeinde St. Jobst.
im Friedhof von St. Jobst
Kirchen-Historiker Heinz Gabler und Pfarrerin Silvia Jühne im Friedhof von St. Jobst vor der Kirche.

Seit 700 Jahren weht der diakonische Gedanke schon über St. Jobst im Osten Nürnbergs. "Die einen sagen, es war 1308, die anderen 1318, als Magister Herrmann von Stein die Mittel für den Siechkobel stiftete", sagt Silvia Jühne, Pfarrerin und Vorsitzende des Diakonievereins St. Jobst.

Den gibt es schon seit über 100 Jahren, die Diakoniestation hat 14 Mitarbeiter. St. Jobst/Erlenstegen beheimatet eines von 16 Senioren-Netzwerken in Nürnberg. Dazu kommen zwei Kindergärten und etwa 250 ehrenamtliche Mitarbeiter, die Geburtstagsbesuchsdienste in den sieben stationären Senioreneinrichtungen der näheren Region absolvieren oder sonst in der Gemeinde mit ihren derzeit rund 4.600 Mitgliedern tätig sind.

Herrmann von Stein: Stifter des Siechkobel

So viel Nächstenliebe hat Tradition. Die entstand aber eher aus Prestigegründen. Herrmann von Stein, der einstige Sebalder Pfarrherr stiftete den Siechkobel der Chronik nach unter anderem auch, um es dem damaligen Lorenzer Pfarrer Hermann Schürstab gleichzutun, auf den die Leprösenstation von St. Leonhard zurückgeht. Weitere Einrichtungen dieser Art gab es damals in St. Johannis und St. Peter.

Das Konzept: Aussätzige konnten sich in einen der neun Plätze "einkaufen" und vor Ort bis zum Lebensende pflegen lassen. Ähnlich einem Hospiz, nur ohne Krankenkasse.

Führungen über Gelände von St. Jobst

"Und mit dem Unterschied, dass die Aussätzigen ihren Unterhalt mitfinanzieren mussten", erklärt Heinz Gabler, seit 42 Jahren im Kirchenvorstand und pensionierter Historiker. Ein Siechenmeister habe über den Tagesablauf gewacht und bei Zuwiderhandlung Strafen verhängt.

Bei seinen Führungen auf dem Gelände von St. Jobst mit seiner Kirche und Geschäftsgebäuden sowie dem alten Friedhof mit seinen historischen Grabmälern zeigt Gabler gerne auch alte Holzschnitte, auf denen Unterstände für die "Siechen" dargestellt sind. "Die Männer standen dort mit einem langen Stab mit Klingelbeutel dran und bettelten um Almosen", berichtet der Mann für Geschichte in der Gemeinde. Außerdem mussten täglich mehrere Vaterunser und Ave Maria gebetet werden.

Ende des Siechkobel Anfang 19. Jahrhundert

Dafür hatten die meist begüterten Kranken, die sich das Einziehen in den Siechkobel leisten konnten, gewisse Vorteile. Zum Beispiel eine Badestube sowie eigene Kammern mit Betten. Und sie hatten ihre von den Gesunden getrennten Plätze auf der Empore der 1356 eingeweihten Kirche, die als Nachfolger einer Wegkapelle an der "Goldenen Straße", dem alten Handelsweg zwischen Passau und Prag, im Jahr 1300 erstmals urkundlich erwähnt worden war.

Auch die Kirche war im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört worden. An die Siechen erinnert heute von außen noch ein vermauerter Torbogen, durch den die Kranken in die Kirche eintreten konnten.

Als die Freie Reichsstadt Nürnberg 1806 dem Königreich Bayern einverleibt wurde, bedeutete dies auch das Ende für den Siechkobel. Der Grabstein des letzten Pfarrers dieser Umbruchszeit, Michael Kühnlein, ist heute noch neben der östlichen Friedhofstüre an der Mauer zu finden.

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