Viel Papier auf den Tischen, viele Stifte in den Händen, und erstaunlich wenig fragende Gesichter. Der Abend Stand unter dem Zeichen des Aufbruchs.  Im Veranstaltungssaal des Evangelischen Wohnstifts in Kulmbach wurde nicht nur diskutiert, sondern wirklich "gesponnen“, im besten Sinne. 

Unter dem Titel "Spinnen, aber richtig: Christliche Lebensräume neu gedacht" hatten das Evangelische Bildungswerk Oberfranken-Mitte (EBW), das Diakonische Werk Kulmbach und Thurnau sowie das Dekanat Kulmbach eingeladen. Die Teilnehmer kamen aus Kirchengemeinden, Kommunen, Vereinen zusammen, um zwei Fragen zu bearbeiten: Was wird aus den vielen kirchlichen Gebäuden, wenn Geld, Personal und klassische Nutzung weniger werden und wie können wir unsere Gebäude gemeinwohlorientiert nutzen?

Dass der Saal gut gefüllt war, hatte einen einfachen Grund: Betroffen ist eigentlich fast alles. Kirchen, Gemeindehäuser, Pfarrhöfe, Nebengebäude. "Raumschätze" nennen sie es im EBW, eine metaphorisch schöne Umschreibung die weniger nach Abrissbirne , sondern nach offenen Möglichkeiten klingt.

Nach einem kurzen Einstieg mit Oliver Rose (Equadra, Evangelische Immobilienberatung Bayern GmbH i.Gr.), Stefan Seewald (Oberfranken-Stiftung) und Dekan Friedrich Hohenberger ging es schnell weg vom Podium und hin zu dem, worum es an diesem Abend vor allem ging: gemeinsam denken, sortieren, ausprobieren. Positive Beispiele, was aus alten Kirchenmauern entstehen kann gibt es ja einige in Oberfranken, zum Beispiel die alte Salvatorkirche in Bad Rodach, aus der im Moment ein modernes Gemeindezentrum entsteht.

"Druck ist da": Warum jetzt entschieden werden muss

Martin Waßink, Pädagogische Leitung und Geschäftsführung des EBW-Oberfranken-Mitte, sieht die momentane  Lage nüchtern: Der Druck komme von klaren Vorgaben, Gebäude künftig einzuordnen, also zu klären, wo es weiterhin Zuschüsse gibt und wo nicht, und vor allem: Was passiert mit den Objekten, die künftig ohne diese Hilfe auskommen müssen?

Für Waßink war die Veranstaltung deshalb mehr als ein Austauschabend. Sie sollte Gemeinden konkret entlasten, indem sie Ideen, Beispiele und Kontakte bündelt. Und sie sollte ein Signal setzen: Auch Bürgermeister und kommunale Akteure sehen kirchliche Gebäude als wertvoll, besonders im ländlichen Raum, wo zentrale Treffpunkte rar werden. Dass trotz laufendem Kommunalwahlkampf mehrere Bürgermeister Zeit fanden, wertet Waßink als deutliches Zeichen.

Hauptproblem: Überforderung und ein Abschied, der noch nicht begonnen hat

Was bremst Gemeinden am meisten? Waßink nennt es ohne Beschönigung: Ohnmacht, Hilflosigkeit, Überforderung. Viele Ehrenamtliche stecken parallel in Regionalisierungsprozessen, sollen Nachbarschaftsräume gestalten, Kooperationen aufbauen, Profilfragen klären und dann auch noch Gebäudeentscheidungen vorbereiten.

Dazu kommt etwas, das sich nicht mit Tabellen lösen lässt: Kirchen und Gemeinderäume sind oft Identitätsorte. Waßink spricht von einem notwendigen "Change-Management"-Prozess: Es brauche Räume, in denen Frust ausgesprochen werden darf, in denen Abschied überhaupt erst einen Platz bekommt, und in denen neue Zielbilder entstehen können. Erst wenn klar ist, wohin eine Gemeinde in zehn Jahren will, lassen sich Nutzungsideen sinnvoll entwickeln, auch gemeinsam mit Menschen, die nicht jeden Sonntag im Gottesdienst sitzen oder nicht einmal Kirchenmitglied sind.

Was beim "richtigen Spinnen" herauskam

Das Format am Donnerstag war bewusst niedrigschwellig: viele Tische, große Blätter, gemeinsam denken. Waßink erinnert sich besonders an eine Idee aus einer Landgemeinde: ein Therapiezentrum, das Ruhe, Meditation, Spiritualität und weiterhin auch Raum für Gebet verbindet, und das zusätzlich im Alltag präsent sein soll. Dazu kam ein sehr konkreter sozialer Baustein: dreimal pro Woche ein gemeinsames Essen, organisiert mit Unterstützung aus der Kommune, als regelmäßiger Treffpunkt für ältere Menschen, auch für Alleinstehende. Nicht als einmalige Aktion, sondern als Routine, ähnlich der Idee der Vesperkirche, nur eben regional und dauerhaft angepasst.

Gleichzeitig zeigte der Abend, wie unterschiedlich Gemeinden innerlich stehen: Manche sprudeln vor Visionen, andere sagen offen, dass sie gerade nicht einmal wissen, wo sie anfangen sollen, weil sie nicht wissen in welcher Form sie als Gemeinde weiterbestehen. Auch das ist ein Ergebnis. Waßink hofft, dass daraus Konsequenzen folgen: mehr Fortbildungen, mehr Begleitung, mehr praxisnahe Unterstützung, damit aus Unsicherheit wieder Handlungsfähigkeit wird.

Unterstützung, Fördermittel, nächste Schritte

Für Waßink endet das Thema nicht nach diesen Abend. Er hat bereits Gespräche mit Wirtschaftsförderern geführt und verweist auf Fördermöglichkeiten, etwa über Programme des Heimatministeriums und die europäische LEADER-Initiative, bei denen es in manchen Regionen noch Mittel bis Ende 2027 gebe. Ziel: Gemeinden aktiv ansprechen, Konzeptprozesse anstoßen, Leitbilder entwickeln und dafür auch Drittmittel einwerben. Bildungswerke könnten eine gestaltende und moderierende Rolle übernehmen, gemeinsam mit externen Fachleuten, die solche Prozesse kennen. Und so ein Rückgrat der kirchlichen Transformation werden.

Ein Satz bleibt hängen

"Spinnen, aber richtig" klingt nach Humor, ist aber im Kern eine Strategie gegen Resignation. Kulmbach zeigte: Wenn Kirche, Kommune, Vereine und Zivilgesellschaft sich an einen Tisch setzen, entstehen Ideen, die weder romantisch noch zynisch sind, sondern schlicht praktikabel. Und vielleicht ist das gerade die eigentliche Nachricht dieses Abends: Nicht jeder Raum muss so bleiben wie früher, damit er für Menschen wertvoll bleibt.