26.07.2017
CSD-Parade Berlin

Christopher Street Day: Superintendent mit Federboa

Etwa 10.000 Teilnehmer zogen beim 39. Christopher Street Day durch Berlins Innenstadt. Die LSBTTIQ-Parade (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell und Queer) zog laut Veranstalter "mehrere Hunderttausend" Schaulustige an. Erstmals mit einem eigenen Wagen dabei war die Berliner evangelische Kirche. idea-Reporter Karsten Huhn fuhr mit.
Wagen der evangelischen Kirche bei Christopher-Street-Day-Parade in Berlin 2017.
Hier griff - oh Gottchen - ein Bräutigam mit weißem Zylinder dem idea-Reporter an den Hintern: der Wagen der evangelischen Kirche bei der CSD-Parade in Berlin.

Wer den Wagen der evangelischen Kirche sehen will, braucht Geduld. Auf dem Berliner Kurfürstendamm zieht erst die Aids-Hilfe vorüber, als Nonne, Einhorn oder Teufel Kostümierte, Menschen nur im Slip oder mit Körperfarbe bemalt, in Lack und Leder, Ketten und Gurten, mit Bären-, Schweine- und Pferdemasken, Lesben und Schwule der Deutschen Bank und von Vodafone, von Linken, Grünen, Sozialdemokraten und den Unionsparteien. Im Schritttempo arbeitet sich die Partydemo vorwärts. Die Sonne brutzelt, am Straßenrand werden Bier und Sekt verkauft, die Bässe wummern. Jeder Wagen fährt mit eigenem DJ, die Musik vermischt sich zu einem ohrenbetäubenden Soundbrei.

Weit hinten, mit Wagennummer 43, fährt der doppelstöckige Truck der evangelischen Kirche. Er ist mit Luftballons geschmückt, auf Bannern steht "Trau Dich!". Der Slogan klingt harmlos; wenige Meter dahinter werben Liebhaber von Fesselspielen und Sado-Maso für ein "Recht auf Sex-Partys in allen Berufen" und proklamieren "Perverse regieren die Welt".

"Zur Liebe befreit"

Auf dem Kirchenwagen stehen Pfarrer und Pfarrerin, dazu Brautpaare, zum Beispiel zwei Männer mit weißem Zylinder, weißem Unterhemd und weißer Hose, der eine mit weißer, der andere mit pinker Fliege. Einige Mitfahrer tragen T-Shirts mit dem Slogan "Zur Liebe befreit" des Vereins "Homosexuelle und Kirche". Manche haben sich als weißer oder schwarzer Engel verkleidet, ein anderer trägt ein Kuhkostüm, und auch eine Dragqueen ist an Bord. Auf dem Truck gibt es Cola, Wasser und Sekt. Gespräche sind fast unmöglich, es dröhnt die ohrenbetäubend laute Musik der Wagen vor, neben und hinter einem.

Initiator des Wagens ist der Berliner Superintendent Bertold Höcker (59). Er ist ein großer, stämmiger Mann, trägt ein schwarzes Kollarhemd, um seinen Hals liegt zur Feier des Tages eine pinke Federboa. "Wir haben es erstmals geschafft, unseren Auftrag auch hier zu erfüllen", sagt er. Schon seit Jahren habe er am CSD teilnehmen wollen, es habe aber nicht genug Spenden gegeben. Diesmal sind 10.000 Euro zusammengekommen. Nun kann der Wagen rollen. "Die ganze Vielfalt des Protestantismus ist vertreten", sagt Höcker. "Wir wollen sichtbar werden mit unserem Angebot." Seit der Einführung der Trauung für gleichgeschlechtliche Paare habe seine Kirche etwa 40 Paare getraut.

"Hure*" und "Heiliger*"

Der Kirchentruck ist mulitireligiös unterwegs. Neben Höcker schwitzt Rabbiner Walter Homolka, und auch Seyran Ates, Gründerin einer liberalen Moschee in Berlin, ist dabei. Im Schritttempo geht es an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, ostwärts, zum Ziel am Brandenburger Tor. Die Sonne ist nun weg, eine dunkle Wolkenwand ist aufgezogen, dazu weht kräftiger Wind. Auf dem Wagen geht eine Spendenbox rum, um die Ausgaben der Fahrt zu decken. Plötzlich greift dem Reporter jemand an den Hintern. Ich drehe mich um, der Bräutigam mit weißem Zylinder zwinkert mir zu und lacht.

Auf dem Kirchenwagen fährt ein sehniger, nahezu nackter Mann mit, nur seine Lenden hat er mit einem Tuch bedeckt. Er hat sich einen Kopfschild gebastelt, mit Heiligenschein und der Aufschrift "EHE MIT ALLEM (statt Ehe für alle)". Auf der Rückseite steht "Dein Wille geschehe". Der Mann heißt Ron Dietze und ist "Trompeter für festliche Anlässe". Später soll er auf seiner Trompete den "Hochzeitsmarsch" von Felix Mendelssohn Bartholdy spielen. Er fürchtet, dass man seine Trompete in all dem Lärm kaum hören wird. Inzwischen regnet es leicht.

Die Pressesprecherin des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte wirft Konfetti, die Mitreisenden verteilen an die Passanten Gummibärchen, "Trau Dich!"-Armbänder und Aufkleber mit der Aufschrift "Hure*" und "Heiliger*" mit geschlechtsinklusivem Sternchen. Wer mehr wissen will, bekommt ein "Trau Dich!"-Faltblatt gereicht, das "Queere Angebote der Evangelischen Kirche" vorstellt und zur Trauung einlädt. Der Regen wird stärker und verwandelt sich in Sekunden in einen sintflutartigen Stark­regen. Die Berliner Feuerwehr verhängt den Ausnahmezustand.

Wie es weiterging auf dem Kirchenlaster? Der Reporter muss hier sein völliges Versagen bekennen: Er ergriff die Flucht.

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