12.01.2020
Personen

Urgestein der Münchner Diakoniegeschichte: Schwester Ursula Hertel stirbt mit 98 Jahren in Ottobrunn

Es war eine der ältesten Diakonieschwestern in München: Ursula Hertel ist gestorben. Eine Erinnerung.
Diakonieschwestern in München vor Ruinen nach dem Zweiten Weltkrieg
Auf einem vergilbten Schwarz-Weiß-Foto stehen sieben junge Frauen, unter ihnen Ursula Hertel, vor einem zerbombten Haus in der Landwehrstraße in der Münchner Innenstadt. Das historische Foto bringt die Mission von Ursula Hertel und ihren Mitstreiterinnen auf den Punkt. Erschüttert vom Unrecht der Naziherrschaft und dem Elend der Nachkriegszeit gründeten die Frauen im Februar 1946 die "Ottobrunner Diakonieschwesternschaft", die durch ihr soziales Enagagement Diakoniegeschichte geschrieben hat.

Ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto von sieben jungen Frauen: Sie stehen vor einem zerbombten Haus in der Landwehrstraße in der Münchner Innenstadt. Alle Sieben tragen eine schmucklose Tracht, die an Nonnen erinnert. Eine der jungen Frauen ist Ursula Hertel, Mitbegründerin der Ottobrunner Diakonieschwesternschaft und Urgestein der Münchner Diakonie, die jetzt mit 98 Jahren gestorben ist. Die Beisetzung findet an diesem Montag (13. Januar 2020) auf dem Hohenbrunner Friedhof statt.

Das historische Foto bringt die Mission von Ursula Hertel und ihren Mitstreiterinnen auf den Punkt. Erschüttert vom Unrecht der Naziherrschaft und dem Elend der Nachkriegszeit gründeten die Frauen im Februar 1946 die "Ottobrunner Diakonieschwesternschaft". Durch ihr soziales Engagement wollte die evangelische Kommunität den christlichen Glauben wiederbeleben.

Die Schwestern schrieben ein Stück Diakoniegeschichte: Sie bauten das Pflegezentrum "Lore-Malsch-Haus" in Riemerling auf und setzten sich mit viel Elan für die Gründung eines Bildungshauses, einer Tagungsstätte und einer Kapelle für die Schwesternschaft ein.

Altenpflege, die Ausbildung von Pflegekräften, Seminare, die Bewirtung von Gästen und ein intensives geistliches Leben: Bis unmittelbar vor ihrem Tod konnte Schwester Ursula noch hellwach und beeindruckend präzise aus dieser Zeit berichten. Dabei haben sich ihre Backen vor Begeisterung gerötet: "Nach dem Krieg hätten wir uns nie vorstellen können, je so viel zu erreichen?!"

"Bis heute darf sich die Diakonie über Mitarbeitende freuen, die zu einem hohen Maß an Selbstlosigkeit bereit sind", betont Jan Steinbach, Leiter des Pflegezentrums, in dem Schwester Ursula gewirkt hat. "Aber was es heißt, unter diesen Bedingungen etwas aufzubauen und dabei lebenslang auf Familie und Privatleben zu verzichten, das können wir heute kaum mehr ermessen", ergänzt er mit einem Blick auf das alte Schwarz-Weiß-Foto.

Tatsächlich war es für Schwester Ursula schmerzhaft, diese Entscheidung zu treffen. Als 20-Jährige hatte sie einen Pfarrer geheiratet. Der junge Mann fiel nach nur drei Wochen Ehe im Krieg. Anfang der 1950er-Jahre hatte Hertel sich noch mal verliebt und einen Hochzeitsantrag bekommen. "Wenn sie jetzt die Schwesterntracht ausziehen und gehen", gab der damalige Leiter der Schwesternschaft, Pfarrer Hofmann, zu bedenken, "dann gehen drei oder vier junge Schwerstern mit ihnen und ich kann den Laden zu machen!" Also entschloss sich Ursula, Diakonieschwester zu bleiben.

Doch mit dem beginnenden Wohlstand der Nachkriegsjahre ließen sich immer weniger junge Frauen für Ehelosigkeit und Schwesterntracht gewinnen. Mangels Nachwuchs mussten die "Ottobrunner Diakonieschwestern" ihre Aktivitäten einschränken und Verantwortung abgeben.

Dass Schwester Ursula ihren Lebensabend bewusst und gerne im Lore-Malsch-Haus verbracht hat, zeigt, dass sie diese Entwicklung akzeptieren konnte. Wenige Tage vor ihrem Tod zog sie Resümee: "Die Zeiten haben sich geändert. Wie unsere Schwesternschaft so nach und nach ausstirbt, erlebe ich mit Wehmut. Aber wenn ich aus meinem Fenster sehe, dann sehe ich riesengroße Bäume. Und ich war dabei, als diese Bäume vor 40 Jahren gepflanzt wurden. Und den einen oder anderen habe ich vielleicht sogar selber gepflanzt."

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