Mit einer Predigt und einem Vortrag über Wahrheit, Freiheit und Demokratie hat der bayerische Landesbischof Christian Kopp in der American Cathedral of the Holy Trinity Mitte Oktober in Paris gesprochen. Der Auftritt war historisch: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg stand wieder ein deutscher Geistlicher auf der Kanzel der früheren Wehrmachtkirche des 1940 bis 1944 besetzten Paris. Damals war Rudolf Damrath Heerespfarrer der Wehrmacht.
Mark Edington, Leitender Bischof der Episkopalkirche in Europa, hatte seinen Amtsbruder Kopp eingeladen, in Paris zu predigen. Die Einladung kam nicht von ungefähr, am Vorabend des Pfingstfests dieses Jahres hatten die amerikanische Episkopalkirche und die bayerische Landeskirche eine Vereinbarung zur vollen Kirchengemeinschaft besiegelt. In der Welt des Christentums sei diese Kirchengemeinschaft eine "kleine Sensation", sagte Edington und begrüßte Kopp als "Bruder im Glauben und Freund der Freiheit".
Neben dem partnerschaftlichen Austausch hat der Besuch des bayerischen Bischofs jedoch noch eine ganz andere Dimension. Edington offenbarte der Gemeinde, dass Kopp der erste Deutsche seit 1944 sei, der in der Kathedrale predige. Zuletzt hatte dort Wehrmachtspfarrer Rudolf Damrath auf der Kanzel gestanden.
"Deutsche Evangelische Wehrmachtkirche"
Während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 nutzte das deutsche Militär die geräumige neugotische Kirche als "Deutsche Evangelische Wehrmachtkirche". Die Kathedralgemeinde erinnert heute offen an diese dunkle Zeit; Walter Baer, Diakon der American Cathedral, hat sie in einer historischen Dokumentation aufgearbeitet.
Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 galten die in Paris lebenden Amerikaner den deutschen Besatzern als "feindliche Ausländer". Viele wurden von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und interniert, etwa im berüchtigten Internierungslager Vittel in den Vogesen, das speziell für britische und amerikanische Zivilisten eingerichtet war. Dort waren rund 2500 Menschen inhaftiert, darunter auch Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die Bedingungen waren zwar besser als in Konzentrationslagern, aber trotzdem entbehrungsreich: beengt, kalt, mit schlechter Versorgung und der ständigen Angst vor Deportation. Einige Amerikaner konnten durch diplomatische Abkommen gegen in den USA internierte Deutsche ausgetauscht werden.
Die amerikanischen Einrichtungen in Paris waren nun aus deutscher Sicht nicht mehr neutral. Für ihr Überleben mussten sie kreativ sein. Das amerikanische Hospital stellte sich unter die Aufsicht des Französischen Roten Kreuzes, die amerikanische Bücherei wurde eine Filiale des French Information Center in New York, und die protestantische American Church am Quai d’Orsay schloss sich dem Französischen Protestantischen Konsistorium an.
Die episkopale Holy Trinity Church als Teil der anglikanischen Gemeinschaft war ohne derartigen Schutz. Der seit 1918 amtierende Dekan, Reverend Frederick Beekman, war im Juni 1940 in die USA zurückgekehrt und hatte die Kirche mit ihren 20 Gemeindegliedern dem Organisten Lawrence Whipp übergeben. Whipp wurde nur eine Woche nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 von den Deutschen in der Kathedrale verhaftet. Als die Gestapo kam, hörte er gerade eine verbotene BBC-Sendung. Er hatte mit ihrem Erscheinen gerechnet. Seine Koffer und eine Fingerübungsmaschine für Pianisten standen gepackt bereit. Zehn Monate verbrachte er in relativem Komfort im amerikanischen Abschnitt des Internierungslagers Compiègne in Nordfrankreich.
Damrath wurde zum leitenden Heerespfarrer für alle Besatzungstruppen in Frankreich ernannt
Am 27. August 1942 beschlagnahmten die Deutschen die Kathedrale. Der evangelisch-lutherische Pfarrer Rudolf Damrath, 1905 in Westpreußen geboren, zog mit zwei Hilfspfarrern, zwei Organisten und einem Küster in das Dekanat ein. Die französische Sekretärin und der Mesner durften ihre Arbeit fortsetzen.
Damrath, der zuvor unter General Erwin Rommel im Afrikakorps gedient hatte, war von General Carl-Heinrich von Stülpnagel, dem Befehlshaber des Großraums Paris, in die französische Hauptstadt berufen worden. Stülpnagel kannte ihn als Pfarrer der Potsdamer Garnisonkirche und als Vertreter eines konservativen und militaristischen deutschnationalen Christentums, wie es in der Zeit der Weimarer Republik noch weit verbreitet war. In Paris wurde Damrath zum leitenden Heerespfarrer für alle Besatzungstruppen in Frankreich ernannt.
In der Wehrmachtkirche organisierte Damrath Bibelkreise, Chorproben und Kameradschaftsabende für die evangelischen Soldaten. "Die Seelsorge in diesem Pfarrhaus wurde sehr rege genutzt, da die Menschen große Probleme hatten – wegen der familiären Trennungen, der schrecklichen Gräueltaten der deutschen Truppen, die sie miterlebten, und wegen des grauenhaften Verlaufs des Krieges", schrieb Walter Bargatzky (1910-1998), ein damaliger deutscher Offizier in Paris und nach dem Krieg Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, in seinen Memoiren.
Durch seine Recherchen hat Diakon Walter Baer eine andere Seite von Damrath ans Licht gebracht. So schrieb er in seinen Tagebüchern und über 600 erhaltenen Briefen über die Zweifel und die seelischen Qualen, die er in seinem Dienst empfand. Er begleitete zum Tode Verurteilte im Gefängnis von Fresnes, war bei deren Hinrichtung dabei und richtete die Beerdigung aus. Es waren Mitglieder der Resistance oder einfach Menschen, die sich der Kollaboration mit den Besatzern verweigerten.
Damrath gehörte trotz seiner deutschnationalen Prägung zur Bekennenden Kirche, jener Bewegung, die sich 1934 in der "Barmer Theologischen Erklärung" gegen die Vereinnahmung des Evangeliums durch den Nationalsozialismus wandte. Seine Predigten waren ein Balanceakt, denn unter den Zuhörern waren auch Mitglieder der Gestapo. Seine Predigt "Jesus vor den Gerichtshöfen" über Johannes 18-19 am Karsamstag 1944 deutete den Prozess Jesu als Spiegel der Gegenwart – eine kaum verhüllte Kritik am NS-Staat. "Pilatus wird viele Nachfolger haben", sagte Damrath, "sie werden Gott ans Kreuz nageln und sich die Hände waschen."
Es gebe nur einen wahren Führer, sagte er, und das sei Jesus Christus
In einer Predigt im April 1944 über Jesus als den guten Hirten wurde er noch deutlicher. Er warnte vor den "Mietlingen", die das Evangelium politisch missbrauchten. Es gebe nur einen wahren Führer, sagte er, und das sei Jesus Christus. Ein lebensgefährlicher Satz in der NS-Zeit. In seinen Predigten klang das an, was Dietrich Bonhoeffer und andere in den Widerstand trieb: die Überzeugung, dass die christliche Wahrheit niemals in den Dienst einer Ideologie gestellt werden darf.
Carl-Heinrich von Stülpnagel, Militärbefehlshaber in Frankreich, warnte Damrath mehrfach, dass er im Visier der Gestapo stünde. In Stülpnagels Umfeld bildete sich nach dessen Amtsantritt 1942 die sogenannte "Georgsrunde", benannt nach deren Treffpunkt im Pariser Hotel "George V", der unter anderem der Schriftsteller Ernst Jünger angehörte. Mit dabei waren auch Cäsar von Hofacker, Claus Schenk von Stauffenbergs Cousin und späterer Mitverschwörer des 20. Juli 1944, damals im Stab Stülpnagels tätig – und Oberst Hans Speidel, Chef des Kommandostabs der Militärverwaltung.
Ernst Jünger, damals als Hauptmann beim Generalstab in Paris stationiert, schrieb: "Es gibt einen Kreis um Stülpnagel, der mit größtem Misstrauen betrachtet wird. Besonders undurchsichtig und verdächtig, wie Hofacker sagte, sind Pastor Damrath und ich."
Diese und andere Verbindungen legen nahe, dass Damrath dem militärischen Widerstand gegen Hitler nahestand. Offenbar half Damrath, Stülpnagel und Oberst Speidel zu überzeugen, den populären Generalfeldmarschall Erwin Rommel zum Beitritt zur Walküre-Verschwörung mit dem Ziel der Ermordung Hitlers zu bewegen. Am 15. Mai 1944 taufte Damrath einen Sohn von General Karl-Richard Koßman im westlichen Stadtteil Marly-le-Roi, eine private Feier, bei der die anwesenden Generäle – als Paten geladen – unbeobachtet sprechen konnten.
Bei der Tauffeier hatte Rommel einer Verhaftung Hitlers zugestimmt, falls sich bei einem Besuch des "Führers" an der Westfront die Gelegenheit ergäbe. Adolf Hitler umzubringen, kam für ihn nicht infrage. Die Pläne scheiterten, weil Hitler vor der Invasion der Alliierten in der Normandie nicht mehr nach Frankreich kam.
Das ungeklärte Verschwinden des Lawrence Whipp
Stülpnagel war in Paris die treibende Kraft der Verschwörung gegen Hitler. Er ließ am 20. Juli 1944 die wichtigsten Funktionäre und Führer der Schutzstaffel, des Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS und der Geheimen Staatspolizei festnehmen. Insgesamt wurden in Paris 1200 Angehörige des NS-Regimes verhaftet. Nach dem gescheiterten Attentat wurden sie wieder freigelassen. Jünger notierte: "Die Riesenschlange im Sack gehabt und wieder herausgelassen."
Stülpnagel wurde verhaftet, versuchte auf dem Weg nach Berlin Selbstmord und wurde nach einem Schauprozess vor Roland Freislers Volksgerichtshof im August 1944 – schwer verletzt – in Plötzensee gehängt. Erwin Rommel, dessen Name in Unterlagen des Leipziger Oberbürgermeisters und Kopfs des zivilen Widerstands Carl Goerdeler gefunden wurde, beging auf Drängen Hitlers Selbstmord, mehr als 5000 Deutsche wurden als Unterstützer der Verschwörung hingerichtet.
Landesbischof Kopps Predigt in der ehemaligen Wehmachtkirche
Der bayerische Landesbischof Christian Kopp predigte als erster Deutscher seit 1944 in der ehemaligen Wehrmachtkirche des besetzten Paris – und sprach über Wahrheit, Freiheit und Demokratie.
In seiner Predigt nahm Kopp den alttestamentlichen Text Josua 2,1-21 in den Blick. Kopp rief dazu auf, den christlichen Glauben in einer unruhigen Welt glaubwürdig zu verkörpern und Gottes Liebe im Alltag sichtbar werden zu lassen. Im Anschluss hielt er einen Vortrag unter dem Titel "Called to Freedom – The Church in Service of Democracy and Dialogue". Darin warnte er vor der Erosion von Wahrheit durch gezielte Desinformation und Fake News. Nur wo Wahrheit geachtet werde, könne Freiheit und damit Demokratie wachsen, so Kopp. Wahrheit sei keine Waffe, sondern verlange Treue, Zuhören und Dialog.
Er rief dazu auf, dass die Kirche Orte des ehrlichen Gesprächs und der Verständigung fördern müsse. Angesichts gesellschaftlicher Spaltungen und populistischer Bewegungen, auch in Deutschland, sei der Einsatz für Wahrheit ein "geistlicher Dienst an der Demokratie". Sein Fazit: "Freiheit ist zerbrechlich, aber sie hat eine göttliche Quelle." Christliche Freiheit heiße, in Beziehung zu leben, nicht in Angst – und täglich für Wahrheit, Dialog und Demokratie einzutreten.
Der Gottesdienst in Paris war für die Gemeinde 80 Jahre nach Kriegsende ein versöhnlicher Akt. Bill Tompson, ein leitender Mitarbeiter der Gemeinde, schrieb an Kopp, er sehe in Damrath und Kopp Männer, die für die Liebe Gottes stünden – selbst in Zeiten, die sie sich nicht ausgesucht hätten.
Hofacker, der den Umsturzversuch in Paris leitete, wurde nach dessen Misslingen verhaftet und gefoltert. Damrath, Speidel, Bargatzky und Jünger blieben verschont – vermutlich, weil der gefolterte Hofacker keine Namen preisgab.
Als die Alliierten Mitte August 1944 Paris erreichten, floh Damrath mit dem deutschen Generalstab nach Reims, kehrte aber am 24. August nach Paris zurück, um verwundete deutsche Soldaten im Hôpital de la Pitié zu versorgen. Nach der Befreiung der Stadt übergab er die Verwundeten an das Internationale Rote Kreuz, wurde von den Amerikanern gefangen genommen und im nun alliierten Lager von Compiègne interniert. Dort wurde er ausführlich vom US-amerikanischen Geheimdienst OSS verhört; die inzwischen freigegebenen Protokolle bestätigen laut Diakon Walter Baer die Details aus den Kathedral- und Familienunterlagen seiner Tochter Maria Luise Damrath, die heute 86-jährig in Berlin lebt. 1946 kehrte Damrath nach Potsdam zurück und half beim Wiederaufbau der evangelischen Kirche in Deutschland.
Der Organist Lawrence Whipp war im Oktober 1942 aus dem Lager Compiègne entlassen worden. Er taufte während der Besatzung sechs Kinder, wirkte als Seelsorger und bestattete 40 Mitglieder der Gemeinde. Nach der Befreiung von Paris am 25. August 1944 leitete er den ersten englischsprachigen Gottesdienst in der Kathedrale seit 1941. Nach der Rückkehr von Dekan Beekman kurz vor Weihnachten übernahm er wieder seine Arbeit als Organist und Chorleiter.
Am Sonntag, dem 11. Februar 1945, spielte er im Morgengottesdienst, sprach kurz mit Beekman, traf sich mit Freunden zum Mittagessen – und verschwand spurlos. Seine Leiche wurde am 17. April 1945 in der Seine gefunden. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. In einer Kapelle der Kathedrale erinnert eine Gedenktafel an seinen Dienst während der Besatzungszeit.
Paris unter deutscher Besatzung 1940-1944
Nach der Kapitulation Frankreichs wurde Paris zum Sitz der deutschen Militärverwaltung. Die Wehrmacht, Gestapo und SS kontrollierten das städtische Leben bis in die kleinsten Bereiche. Presse, Rundfunk und Theater unterlagen strenger Zensur. Die deutsche Propaganda inszenierte die Besatzung als "ordnungsgemäße Verwaltung", doch für die Bevölkerung bedeutete sie Überwachung, Angst und Willkür.
Ein zentraler Bestandteil der Besatzungspolitik war die systematische Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Französische Behörden arbeiteten dabei mit den Deutschen zusammen. Die einst lebendige jüdische Gemeinde der Stadt wurde nahezu ausgelöscht.
Das tägliche Leben in Paris war geprägt von Entbehrungen. Lebensmittel und Kohle waren rationiert, der Schwarzmarkt blühte. Die deutschen Offiziere beschlagnahmten Hotels, Restaurants und Wohnungen. Beliebte Treffpunkte wie das Hôtel Lutetia wurden zu Hauptquartieren der Besatzungsmacht. Gleichzeitig blieben Cafés, Theater und Kinos geöffnet – ein Versuch, den Alltag aufrechtzuerhalten.
Trotz der Besatzung blieb Paris ein Zentrum der Kultur. Schriftsteller, Künstler und Musiker arbeiteten weiter, manche passten sich an, andere widersetzten sich still. Jean-Paul Sartre inszenierte Theaterstücke mit unterschwelligen politischen Botschaften, Pablo Picasso verbarrikadierte sich in seinem Atelier. Das kulturelle Leben bewegte sich zwischen Anpassung, Opportunismus und verdecktem Widerstand.