8.03.2018
Kommentar

"Reli" - das Fach mit der Sonderrolle

Eine aktuelle bayerische Umfrage zum Religionsunterricht lässt viele Fragen offen. Kommentar von Gabriele Ingenthron
Kinder an der Tafel im Mathematik Unterricht Schule

Diese Umfrage lässt mehr Fragen offen, als sie erhellt: Religionsunterricht ist in Bayern noch unbeliebter als Mathematik. Das ergab eine repräsentative Befragung von 1000 bayerischen Bürgern. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hatte die Umfrage im Auftrag der evangelischen Landeskirche durchgeführt. Beim Ranking landete Religion mit 38 Prozent hinter Mathe auf dem vorletzten Platz. Nur Physik schnitt mit 32 Prozent noch schlechter ab. Trotzdem sprachen sich zwei Drittel für Religionsunterricht in der Schule aus. Jeder Vierte aber fand, dass Religion grundsätzlich nicht mehr zeitgemäß sei.

Sicher, Umfragen sind nicht sehr differenziert, sie malen schwarz oder weiß. Wie aber ist dieses Ergebnis zu interpretieren? Es gab doch einmal eine Zeit, in der dem Religionsunterricht im Fächerkanon eine Sonderrolle zukam, wie eine Kurzumfrage im Kollegenkreis bestätigt. Da war Religion nicht nur Wissensvermittlung, sondern ein Fach von komplett anderer Relevanz. Es war Schule, und doch auch wieder nicht Schule – und deshalb so beliebt. Wenn man also nicht der selbst gemachten Verzwergung dieser Umfrage erliegen will, müsste man dagegenhalten und sagen: Religionsunterricht will überhaupt nicht mit Mathematik, Physik, Englisch oder Latein in Konkurrenz treten oder verglichen werden.

Religion war eine Oase der Menschlichkeit. Das heißt: ein Fach, in dem Schüler, die normalerweise unter Leistungsdruck standen, erst einmal durchatmen konnten. Der Fokus lag auf dem Schüler als Mensch: Welche Fragen ihn bewegten, darauf wurde eingegangen. Und trotzdem gab es den Parforceritt durch die Philosophie-, Theologie- und Religionsgeschichte.

Dabei blieb vieles hängen - fürs Leben, und nicht nur für die nächste Klausur. In lebhafter Erinnerung ist zum Beispiel eine Diskussion, warum man als Christ nicht für die Todesstrafe sein kann. In solchen Phasen wurde die Frage nach Leid und Tod in der Welt bewusst in den Raum gestellt.

In dieser Hinsicht war Religionsunterricht werte- und identitätsstiftend. Man bekam Hilfestellung, sich selbst zu erkennen. Und dazu gehörte auch das christliche Bekenntnis. Daran konnten sich Schüler festhalten oder reiben, in jedem Fall aber wachsen.

Etwas Positives hat die Umfrage jedoch gebracht: 80 Prozent der Protestanten sprachen sich für Religionsunterricht an Schulen aus. Es kann also nicht alles schiefgelaufen sein. Spannend wird es im Herbst, wenn vorgestellt wird, wie der Religionsunterricht weiterentwickelt werden soll. Dazu wurden die Schüler befragt.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteurin Gabriele Ingenthron: gingenthron@epv.de

» Pressemitteilung der Evangelisch Lutherischen Landeskirche zur Emnid-Untersuchung als PDF.

 

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