Nach neun Jahren Pause führt der Wunsiedler Dekanatskantor Reinhold Schelter wieder die Kantaten I bis III des Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach in der Wunsiedler Stadtkirche auf. Mit dabei sind der Wunsiedler Katharinenchor, der Chor und der Jugendchor der Kantorei St. Veit, die Vogtlandphilharmonie sowie vier Solistinnen und Solisten.
Warum das Weihnachtsoratorium bis heute fasziniert
Für Schelter ist es ein bewusster Schritt, das traditionelle Adventsingen in diesem Jahr auszusetzen und stattdessen das Oratorium in den Mittelpunkt zu stellen.
"Nach so langer Zeit wollten wir wieder einmal dieses große Werk aufführen", sagt er.
Die Resonanz zeigt, dass die Entscheidung richtig war. Der Vorverkauf laufe gut, "es ist ein Publikumsrenner", sagt Schelter.
Die Faszination, die das Weihnachtsoratorium seit Jahrhunderten begleitet, erklärt Schelter mit seiner Geschlossenheit und einer besonderen Energie. Vor allem der Choral "Er ist auf Erden kommen arm", der von Kindern und Jugendlichen gesungen wird, gehe ihm jedes Mal nahe.
"Das ist ein besonders stiller Moment, vom Text her wie vom Klang. Da geht mir immer das Herz auf."
Drei Chöre, ein Klang: Die Herausforderung der Probenarbeit
Eine der großen Herausforderungen der Aufführung liegt darin, aus verschiedenen Ensembles einen gemeinsamen Klang zu formen. Drei Chöre unterschiedlicher Größe und Altersstruktur, dazu ein professionelles Orchester – das braucht Detailarbeit.
"Es ist tatsächlich die große Aufgabe, die drei Chöre zu einem zu machen, klanglich, von der Artikulation, von der Art zu singen", erklärt Schelter.
"Geübt haben wir es alle, aber man muss den Chor trotzdem zu einem Ganzen formen." Auch die Zusammenarbeit mit dem Orchester erfordert Feingefühl: "Ich habe eine Probe vorher und muss mich auf das Orchester einstellen, das Orchester auf mich – und dann wird das zusammen sicher eine schöne Einheit."
Mit der Vogtlandphilharmonie hat Schelter seiner beruflichen Anfangszeit eine enge Verbindung. "Als ich 1989 in Kirchenlamitz meine erste Stelle hatte, kam die Wende – und kurz danach stand der Konzertmeister der Philharmonie mit seinem Trabi vor der Tür", erzählt er lachend.
Damals suchte das Orchester Auftrittsmöglichkeiten im Westen. "Er fragte mich, ob sie nicht einmal bei uns spielen könnten." Aus dieser Anfrage wurde eine Kooperation, die nun in Wunsiedel fortgeführt wird. "Jetzt schließt sich der Kreis für mich wieder."
Der Jugendchor als Herzstück der Aufführung
Ein entscheidender Baustein der Aufführung ist die Beteiligung des Jugendchors. Für Schelter und seine Frau, die selbst Chöre leitet, ist das mehr als ein pädagogisches Anliegen.
"Es ist uns wichtig, dass die Jugendlichen auch solche Musik singen", sagt er.
Die Proben seien anspruchsvoll – Text, Sprache, Phrasierung –, aber die Jugendlichen brächten Engagement mit. "Wenn das Orchester dabei ist und Oma und Opa im Publikum sitzen, sind sie glücklich. Das werden sie nie vergessen. Solche Momente prägen."
Musikalische Höhepunkte der drei Kantaten
Die erste Kantate beginnt mit dem bekannten "Jauchzet, frohlocket" – festlich, mit Trompeten und Pauken, voller Glanz. "Sie hat diesen Anbetungscharakter", sagt er.
Die zweite Kantate dagegen ist tonal tiefer, ohne Trompeten, geprägt vom Wechsel der Holzbläser und Streicher: "ganz wunderschön", sagt Schelter. In ihr stehen Hirtenmusik und Verkündigung im Vordergrund. Der Chorsatz "Ehre sei Gott in der Höhe" verlangt dem Ensemble einiges ab.
Die dritte Kantate führt die Hirten weiter: "Lasset uns nun gehen gen Bethlehem" – ein Chor von hoher Schwierigkeit, bevor das Werk mit einem dankbaren Lob schließt.
Für Schelter selbst hat die Musik auch abseits der Proben eine Bedeutung. Fast täglich sitzt er an der Orgel der Stadtkirche.
"Je länger ich spiele, desto mehr sortieren sich meine Gedanken", sagt er. "Man kommt zur Ruhe und merkt, wie schön es ist, Musik machen zu dürfen."
Er ist überzeugt, dass viele Besucherinnen und Besucher genau das suchen, denn "schöne Musik ist einfach erhebend. Das ist mehr denn je nötig."
Ein Wunsch nach innerer Fröhlichkeit
Was er sich wünscht, wenn der letzte Ton verklungen ist? Seine Antwort fällt knapp aus und sagt doch viel: "Eine innere Fröhlichkeit."
Information: Das Konzert findet am Sonntag, 30. November, um 17 Uhr in der Stadtkirche St. Veit in Wunsiedel statt. Restkarten sind noch erhältlich.