Die documenta gilt als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Seit ihrer Gründung im Jahr 1955 hat sie ihre Kraft immer auch aus ungewöhnlichen Orten und kulturellen Spannungsfeldern gezogen. Für die documenta 2027 wird einer dieser Orte besonders im Fokus stehen: die katholische Elisabethkirche in Kassel.
Ein beschädigtes Gotteshaus als Ort der Kunst
Die Kirche liegt mitten in der Kasseler Innenstadt – und dennoch ist sie seit dem 6. November 2023 ein Ort der Leere. An diesem Tag stürzte um 12.59 Uhr das gesamte Kirchendach ein. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Inzwischen sind die Trümmer beseitigt, statische Ursachen geklärt und die Gemeinde arbeitet gemeinsam mit dem Bistum an Zukunftsperspektiven.
"Das Ziel ist, dass Kirche an diesem zentralen Ort weiterhin mit pastoralen und kulturellen Angeboten für die Menschen präsent ist", betonte Pfarrer André Lemmer.
Diese Vision erhält nun eine zusätzliche künstlerische Dimension.
Orgelpfeifen als Erinnerung und Klangskulptur
Für die documenta 2027 ist ein außergewöhnliches Projekt geplant: Der Musiker und Komponist Jan Stephan Werner, Professor an der Folkwang Universität der Künste, wird die noch intakten Orgelpfeifen aus der zerstörten Orgel in eine neue Raummusik integrieren.
Damit wird der Unglücksfall nicht überdeckt – er bleibt hörbar: ein künstlerischer Ausdruck von Verletzlichkeit, Zeit und Neuanfang. Werner setzte sich mit seinem Konzept im Wettbewerb gegen sechs weitere Entwürfe durch.
Die Elisabethkirche, zu deren Begleitausstellungen traditionell tausende Besucher*innen kommen, wird so zu einem Ort, an dem Kunst und Kirche ein intensives gemeinsames Narrativ entwickeln: Verlust, Erinnerung, Transformation.
Wie die Stadt auf die Zukunft der Kirche blickt
Vorausgegangen war eine bundesweite Befragung im Sommer 2024. Damals machte die Kirchengemeinde eine Onlineumfrage zur Zukunft des Ortes. Das Ergebnis zeigt deutlich, wie stark die Kirche auch jenseits klassisch religiöser Bindungen wahrgenommen wird:
• 45 Prozent sehen die Elisabethkirche als religiösen Ort,
• 43 Prozent als kulturellen Ort,
• über die Hälfte hält sie für stadtbildprägend.
Vor allem jüngere Menschen zwischen 18 und 25 Jahren zeigten großes Interesse an dem Bau. "Spannend" und "einzigartig" waren Begriffe, die besonders häufig fielen. "Die Mehrheit sprach sich für eine multifunktionale Nutzung aus, die religiöse, kulturelle und soziale Aspekte verbindet", erklärte Miriam Zimmer von der Steuerungsgruppe, die eine eigene Webseite gestartet hat.
Erfahrungen einer belastbaren Kultur-Gemeinschaft
Die Kirchengemeinde Sankt Elisabeth erlebte nach dem Einsturz große Solidarität. Konzerte in der Karlskirche, Kooperationen mit Kulturschaffenden während der Corona-Jahre und der Wunsch nach einem gemeinsamen Ort für glaubens- und kulturbezogene Dialoge prägten die Stimmung.
"Viele Künstlerinnen und Künstler wünschen sich, dass die Elisabethkirche wieder ein Ort wird, an dem Kunst und Kultur mit Glauben und Leben der Menschen in Kontakt kommen", schreibt Marcus Leitschuh von der Steuerungsgruppe auf der Webseite.
Die documenta als Resonanzraum für Spiritualität?
Parallel zur Arbeit an der Zukunft des Kirchgebäudes laufen die Vorbereitungen für die documenta 2027 auf Hochtouren. Internationale Ausstellungen, Forschungsprojekte und Symposien begleiten das Jahr 2026 – doch die Einbindung der Elisabethkirche verleiht dem Gesamtprogramm eine besondere Dimension: Kirche wird nicht als musealer, abgeschlossener Raum verstanden, sondern als offener Ort, der sich in aktuelle gesellschaftliche Debatten einmischt.
Die künstlerische Bespielung der beschädigten Kirchenarchitektur zeigt, wie religiöse Räume in der Gegenwartskunst neue Bedeutungen entfalten können: als Orte der Erinnerung, der Gemeinschaft, des Suchens und Hörens.
Kirche als Ort zwischen Himmel und Gegenwart
Schon heute verweist die mannshohe Plastik von Stephan Balkenhol im Kirchturm auf die Verbindung von Kunst und Spiritualität. Mit dem Klangprojekt zur documenta 2027 wird diese Verbindung weiter vertieft – und zugleich die Frage gestellt, welche Kirche die Menschen in Kassel in Zukunft brauchen: Einen sakraler Raum, der hineinhört in die Stadt? Einen kulturellen Raum, der Glauben sichtbar macht? Vielleicht einfach einen Ort, der beides kann – und beides will.
Documenta 2027 in Kassel
Die documenta in Kassel ist eine der wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Seit 1955 zeigt sie alle fünf Jahre die aktuellen Tendenzen der Gegenwartskunst und bietet gleichzeitig Raum für neue Ausstellungskonzepte. Die "documenta 16" ist vom 12. Juni bis 19. September 2027.
Die Leitung der documenta hat Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin und Jennifer & David Stockman‐Chefkuratorin am Solomon R. Guggenheim Museum and Foundation in New York. Dort betreut sie Sammlungen, Ausstellungen, Publikationen, kuratorische Programme und Archive und verantwortet die strategische Ausrichtung innerhalb des internationalen Netzwerks der angegliederten Museen.
Alle Links auf einen Blick:
- Webseite der Documenta in Kassel
- Webseite zur Zukunft der Elisabethkirche in Kassel