12.07.2016
Kunst in Kirchen

Kulturkirchen in Bayern: Andersort für alle

In Bayern gibt es zwei Kulturkirchen, die durch die Verbindung von Religion und Kunst herausstechen. Deutschlandweit entwickelt sich das Konzept Kulturkirche zum Verhandlungsort für die Zukunft von Kirche und schafft neue Bindungen zwischen Bürgern und ihrer Gemeinde.
St. Egidienkirche Nürnberg

Die EKD bestimmte für Bayern zwei Kulturkirchen: St. Egidien in Nürnberg und St. Lukas in München. Beide Kirchen machen aufwendige und auch von Profis akzeptierte Kulturarbeit. In der fränkischen Metropolregion ist die Kulturkirche St. Egidien mit ihren szenischen Inszenierungen kirchenmusikalischer Werke und der kreativen Umsetzung vorbarocker Kirchenmusik zur eigenen Marke geworden. Die Ausstellungen bildender Kunst im besonders charakteristischen Kirchenraum setzen einen ästhetischen Standard. Seit kurzem gibt es in der Arbeitsbeschreibung des Pfarrers einen eigenen Auftrag zur Kulturkirchenarbeit.

Die Münchner Lukaskirche hat in beispielhafter Zusammenarbeit von Kirchenmusikern und Theologen neben der herkömmlichen Gemeindearbeit gestalterische Konzepte entwickelt. Im Jahr 2011 hat die Gemeinde mit ihrem Projekt "Passage" an der Biennale in Venedig teilgenommen.

Beide Kulturkirchen erhalten für ihre Arbeit keine Sonderzuweisungen. D.h. dass Kirchenvorstände aus dem Haushalt Mittel freigeben müssen. Drittmittel müssen über Netzwerke, Zuschussanträge, Fördervereine und Stiftungen angeworben werden. Damit steht und fällt die Kulturkirchenarbeit.

Zwei evangelische Kulturkirchen in Bayern

In Deutschland dürfen sich 33 evangelische Kirchen "Kulturkirche" nennen. Zumindest sind sie der EKD Kulturbeauftragten Petra Bahr vor Jahren auf einer Reise durch das Land als exemplarische Orte für die Begegnung von Kirche und Kunst/Kultur aufgefallen und tragen seitdem ein Label, von dem manche der Betroffenen selbst nicht wissen, was es bedeutet. Die Landeskirchen gehen unterschiedlich mit diesem Status um. Die hannoversche Kirchenorganisation fördert vier herausragende Kulturkirchen mit insgesamt 200.000 Euro. In anderen Landeskirche gibt es Funktionspfarrstellen ausschließlich für kulturkirchliche Arbeit und in Hildesheim wurde eine Pfarrstelle mit einem Kulturwissenschaftler besetzt.

Kulturkirchen wollen mehr. Gerade in urbanen Ballungsräumen machen sie oft in der Doppelfunktion als City und Passantenkirchen kirchliche Musik für die "religiös" Unmusikalischen, dienen als Labor für neue Methoden und erreichen im besten Fall bisher vernachlässigte Besucher. Dies geschieht durch Einladungen an Künstler, überraschenden Aufführungen, Ausstellungen, Poetry-Slams oder auch mit einem Tango Gottesdienst.

Lukaskirche München, Installation Sibylle Kobus

Hohe Sensibilität für die gesellschaftliche Realität

Voraussetzung für Kulturkirchenarbeit ist eine hohe Sensibilität für das, was in der Gesellschaft passiert. Gefragt sind theologische Kompetenz und Sprachfähigkeit, um kirchliche Themen zu übersetzen und Schnittstellen für die Begegnung von Kirche und Gesellschaft zu gestalten. Außerdem sind Betreiber von Kulturkirchen "Macher", die nicht nur eine Reihe praktischer Probleme (Geschäftsführungen etc.) zu bewältigen haben, sondern auch eine Veranstaltung nach der anderen planen müssen. Da bleibt wenig Zeit für theologische Grundsatzfragen.

Was aber macht diese Arbeit zur kirchlichen Arbeit? Was unterscheidet Kulturkirchen von der Industriebranche, dem leerstehenden Bahnhof oder Festspielhäusern? Werden Verbindungen möglich zum "ganz normalen" kirchlichen Leben? Was ist die Botschaft? Oder ist die Kombination von Kirche und Kultur und Kunst nicht schon in sich widersprüchlich?

Was macht Kulturkirchenarbeit aus?

Im Juni 2016 diskutierten darüber auf der Kulturkirchentagung "Kunststück" mehr als 80 Teilnehmer. Pfarrer Wolfgang Leyk sagt zu der Debatte: "Ausgerechnet die visionäre Kulturkirchenarbeit beugt sich immer wieder der Normativität des Faktischen. Man richtet sich an Besucherzahlen aus, sammelt Events und Kulturprominenz. Kultursoziologische Überlegungen erfolgen oft in Hinblick auf die Rezeptionschancen, d.h. erfolgsorientiert. Als Kultur gilt, was sich im Kulturbetrieb etabliert hat. Aber ist es noch Kultur, wenn 300 Menschen nach einem Konzert der Donkosaken hochberührt und mit Tränen in den Augen ihre Kirche verlassen? Oder ist Kultur nur dann gut, wenn sie ein gewisses Maß an Widerstand, Ratlosigkeit oder sogar Unwillen bei den Besuchern erzeugt. (…) In einer solchen Reflexion liegt die große Chance einer kulturkirchlichen Arbeit und einer Profilierung, die spannende Formen mit Inhalt füllt."

Kulturkirchen als Labor für die Zukunft

Kulturkirchen bringen viele Themen auf und zwar auch diejenigen, die noch nicht im öffentlichen Diskurs gesetzt sind. Man kann in alter theologisch-politischer Tradition von einem prophetischen Auftrag der Kulturkirchenarbeit sprechen. Wenn Kirchenchöre armenisch singen, arabische Musiker in christlichen Kirchen spielen und sich eine Musik auftut, die religiös Musikalische und Unmusikalische erreicht, dann könnte das so ein Moment sein. Versöhnung, Sinnsuche, überraschende Erkenntnisse, Lebensfreude und Trauer sind die für Kulturkirchen gesetzten Themen. Künstler ermutigen zur eigenen Identität als "Kirche" oder "Christen" zu stehen, Konflikte zu riskieren und Risiken auszuhalten.

Und: aus den eigenen Quellen zu schöpfen. In Kulturkirchen gelingt das immer wieder. Deshalb entsteht neben der Ortsgemeinde eine zweite Gemeinde aus Besuchern und Interessierten. Zu ihnen zählen die Distanzierten, Randsiedler, Menschen, die sich außerhalb der Volkskirche mit Religions- und Sinnfragen beschäftigen. Die meisten Besucher sind älter als 50 Jahre. Bei vielen werden auch biographische Wunden aus der Begegnung mit Kirche geheilt. Laut Pfarrer Leyk erreicht man mit keinem kirchlichen Aktionsprogramm für Ausgetretene so viele Interessenten. Daher sind Kulturkirchen für eine Theologie, die Öffentlichkeit sucht, ein unverzichtbares Medium geworden.

Gemeinden erwachen wieder zum Leben

"Kulturkirchenarbeit ist ein Labor für die Zukunft", sagt Leyk. Unter städtischen Bedingungen entstehen neue Kontakt- und Bindungsmodelle, kulturaffine Gemeinden verdichten kirchliche Präsenz. Eine solche Forschungsarbeit ist laut Leyk unverzichtbar. Denn: Hier wird ausprobiert, was anderswo diskutiert wird und absterbende Gemeinden erwachen wieder zum Leben. Für Leyk wäre es wünschenswert, dass es an geeigneten Orten und in jeder Landeskirche solche explorativen "Andersorte" gibt, die unterstützt werden. Dort können neue Wege gegangen und Begegnungen ermöglicht werden. "Kulturkirchenarbeit ist keine lässliche Zusatzaktivität, sondern gehört in den Kern des kirchlichen Auftrags, den Menschen dort zu suchen, wo er sich (auch außerhalb der Kirche) befindet", sagt Leyk.

Wie Kulturkirchen entstehen

Kulturkirchen entstehen bevorzugt, wenn…

  • … die Ortsgemeinde/das Gemeindegebiet (im Kulturjargon genannt: Das Quartier) aktiv ist. Im besten aber auch seltenen Fall liegt die Kirche mitten im Künstlerviertel oder in Nachbarschaft des Schauspielhauses. Meistens ist es anders: Das Quartier verliert Kraft und Lebendigkeit und es bleibt die Frage, wie es mit dem Kirchengebäude weitergeht.
  • … Kirchen eine besondere kulturelle und künstlerische Biographie haben und als besondere Ort fest in der Stadt verankert sind, so dass sie auch von der nichtkirchlichen Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
  • … Verbindungen in die Kultur der umgebenden Zivilgesellschaft bewusst gepflegt werden. So entstehen im besten Fall Kooperationen und gemeinsame Konzepte. Kaum eine Kulturkirche kommt ohne Fördervereine und Kontakte zu Stiftungen aus.
  • … ihre Pfarrer nicht nur an Kultur interessiert sind, sondern eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit und Sprachfähigkeit in Sachen Kultur haben. Die Brücken von Kirche und Kultur werden meist von einzelnen, besonderen Personen (Pfarrern, Künstlern) gebaut.
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Autor
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