17.04.2018
Urlaub und Reisen

Viele Europäer entdeckten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Reiselust - und Verleger witterten mit handlichen Reiseführern das große Geschäft. Einer der bekanntesten ist Leo Woerl aus Würzburg. Sein Todestag jährt sich nun zum 100. Mal.
Reiseführer
Reiseführer aus "Woerls Reisebücherverlag"

Was für Reiselustige heute "Baedeker", "MarcoPolo" und "DuMont" sind, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der "Woerl". Die Büchlein aus "Woerls Reisebücherverlag" waren beliebt und wirtschaftlich der größte Erfolg des Verlegers Leo Woerl (1843-1918). Während die Reiseführer aus seinem Hause auch heute noch in Antiquariaten gehandelt werden, weiß man über den gebürtigen Freiburger nur wenig - er ist fast wie ein Phantom. Und das, obwohl Woerl extrem umtriebig war. Neben seinen Reiseführern im Taschenformat verlegte er weitere Buchreihen, gründete Zeitungen, handelte mit Kunst, war Würzburger Stadtrat und betrieb zudem ein Vermittlungsbüro für katholische Arbeitnehmer.

Verbrieft ist, dass Leo Woerl der Neffe des Besitzers der Herder'schen Verlagsbuchhandlung in Freiburg, Benjamin Herder, war. Dort erlernte er zwischen 1858 und 1862 den Buchhandel - für Herder war er in den Jahren 1863 bis 1866 unter anderem in Leipzig, Prag und Wien tätig. Während des Deutschen Krieges zwischen Preußen und Österreich lebte Woerl in Zürich, ehe er 1868 plötzlich in Würzburg auftauchte und sich dort niederließ. Im "Bürgerblatt", eine Art Melderegister der damaligen Zeit, wird Woerl mit der Berufsbezeichnung "Verleger" des "Fränkischen Volksblatts" geführt, sagt Eva Pleticha-Geuder, Leiterin der Abteilung Fränkische Landeskunde an der Würzburger Universitätsbibliothek.

Woerl war also Gründungsherausgeber der katholischen Tageszeitung, die es als Kopfblatt der Würzburger "Main-Post" bis heute gibt. Aus den Anfangszeiten der Zeitung hat die Bibliothek keine Exemplare - allerdings vom sogennanten belletristischen Beiblatt "Hausschatz", das der Zeitung regelmäßig beilag. Aus dem "Volksblatt" zog er sich bald zurück, im Jahr 1876 gründete er nochmals eine Zeitung, die "Bavaria" als "Würzburger Abendblatt". Daneben verlegte er katholische Literatur über die heilige Familie, über die "40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands" im August 1893 in Würzburg, verkaufte nebenbei Paramente und Kunst für Kirchen, zum Beispiel metergroße Christusfiguren für 120 Mark.

Zeitung "Bavaria"
Die von Leo Woerl 1876 als "Würzburger Abendblatt" gegründete Zeitung "Bavaria"

Der Verleger tanzte unternehmerisch auf vielen Hochzeiten, gründete Niederlassungen in Wien und Leipzig, er wurde Kaiserlich und Königlicher Hofverlagsbuchhändler und begann kleinere und größere Reiseführer zu verlegen. Die handlichen Kleinformate beschäftigen sich in deutsch und auf englisch mit auch heute noch beliebten Touristenzielen wie Frankfurt am Main, Würzburg oder Rothenburg ob der Tauber - eigene Hefte gibt es aber auch zum Beispiel zu Neustadt an der Saale oder Dettelbach bei Kitzingen. "Diese Heftchen sind vielen Lesern nachhaltig in Erinnerung geblieben und wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein verlegt", sagt Eva Pleticha-Geuder: "Die Reisebüchlein waren Woerls Markenzeichen."

Wie es zu der sonderbaren Auswahl der porträtierten Orte kam, lässt sich angesichts mangelhafter Quellenlage nur vermuten, sagt Pleticha-Geuder. Sie vermutet, dass Woerl für seine verlegerischen Aktivitäten Sponsoren hatte - für die katholischen Zeitungen mächtige Katholiken, für seine Reisebüchlein die jeweiligen Gemeinden: "Das wäre ein extrem modernes Geschäftsmodell - sich für Bücher von den Städten bezahlen zu lassen." Später verlegte Woerl Reiseberichte des Erzherzogs Ludwig Salvator von Österreich-Toskana: "Los Angeles in Südcalifornien", "Eine Yacht-Reise an den Küsten von Tripolitanien und Tunesien" sowie eine gekürzte "Volksausgabe" des Erzherzog-Prachtwerks "Die Balearen".

Wirtschaftlich ging es Woerl viele Jahre wohl nicht schlecht, allerdings blieb ihm der - auch finanzielle - Durchbruch als Verleger verwehrt. 1896 soll er mehr oder weniger schnell Würzburg verlassen und sich mit seiner Familie dauerhaft in Leipzig niedergelassen haben - der damals zentralen deutschen Buchhandelsstadt. Aus dieser Zeit weiß man noch weniger über sein Leben als aus Würzburg, sagt Pleticha-Geuder. Sein Verlag soll kurz nach Woerls Tod übernommen worden sein - jedenfalls wurden bis in die Nazi-Zeit hinein Woerl-Reiseführer verlegt, etwa über "Nürnberg. Die Stadt der Reichsparteitage". Gestorben ist Leo Woerl am 1. Juli 1918 in Leipzig, vor 100 Jahren.

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