16.12.2017
Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum

Die Sammlung neapolitanischer, bayerischer und anderer Krippen gehört zu den bekanntesten Schätzen des Bayerischen Nationalmuseums in München. Mit 60 figurenreichen Weihnachtsszenen, die im Alpenraum und in Italien zwischen 1700 und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden, gilt sie als die künstlerisch wertvollste und umfangreichste Krippensammlung der Welt. Den größten Teil verdankt das Museum einem Münchner.
Max Schmederer um 1900 mit einer Auswahl seiner Krippenfiguren und Krippenarchitekturen.
Max Schmederer um 1900 mit einer Auswahl seiner Krippenfiguren und Krippenarchitekturen.

 

In vielen Münchner Familien gehört der Besuch bei den Krippen im Bayerischen Nationalmuseum mit ihrer schier unendlichen Fülle an Details zum festen Vorweihnachtsprogramm. Aber wer war der Mensch, dem die bayerische Landeshauptstadt die wertvollste Krippensammlung der Welt zu verdanken hat? Wer war Max Schmederer, der von 1854 bis 1917 lebte?

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit machte der Bankier seine über Jahrzehnte erworbene Sammlung in seinem Münchner Privathaus öffentlich zugänglich. Anlässlich von Schmederers 100. Todestag geht das Bayerische Nationalmuseum dieser Frage in seiner aktuellen Studioausstellung mit dem Titel »Herr der Krippen. Max Schmederer. Sammler, Stifter, Visionär« nach. Gezeigt werden Fotos, Zeichnungen und Architekturversatzstücke, wie Ruinen aus Kork oder Häuser mit Puppenstubencharakter, die Leben, Person und Werk des passionierten Sammlers nachzeichnen.

Privatsammler, Kommerzienrat und Ehrenkonservator

Mit Fug und Recht kann Max Schmederer als früher PR-Stratege bezeichnet werden. Sein Motto: Tue Gutes und mache es öffentlich. Wie kein anderer hat er der Krippensammlung des Nationalmuseums nicht nur seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt. Der Privatsammler, Kommerzienrat und Ehrenkonservator hat mit seinem einzigartigen Vermächtnis auch sich selbst ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Max Schmederer war ein »Unikum«, Spross einer alteingesessenen Münchner Familie. Bereits mit 16 Jahren wurde er durch Erbschaft Mitinhaber der Paulaner-Brauerei. Nach dem Besuch der Gewerbeschule und einer Lehre im Bank- und Speditionskaufhaus seines Schwagers sammelte er Auslandserfahrung in London, Brüssel und Philadelphia. Anschließend übernahm er die Firma seines Schwagers. In seinem weitläufigen Geschäfts- und Wohnhaus in der Neuhauserstraße – gegenüber der St.-Michaelskirche – waren auch seine Sammlungsschätze untergebracht: Krippen aus ­Neapel, Sizilien und dem Alpenraum mit dem Prädikat »künstlerisch wertvoll« und »kulturhistorisch von Interesse«, wie die auf ihn aufmerksam gewordenen Publizistik titelte.

 

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    Figuren der Weihnacht

    Anbetungsszene der »Palastkrippe« im Bayerischen Nationalmuseum.
    Anbetungsszene der »Palastkrippe« im Bayerischen Nationalmuseum, einem von Schmederers Schätzen.

    Effekte in 3D

    Bereits in seiner Jugend widmete sich Schmederer der Krippenkunst – jener Erfindung in 3D des 16. Jahrhunderts und effektivem Machtinstrument der Jesuiten des durch die Reformation ins Wanken geratenen katholischen Glaubens. Die prunkvollsten Krippen schuf die Barockzeit. Berühmt für seine pittoresken Schöpfungen war das Königreich Neapel. Hier wurden die von Künstlern entworfenen Krippenfiguren in ihrer Freiluftpräsentation auf den Dächern der Fürstenhäuser von keinem Geringeren als von Johann Wolfgang von Goethe bewundert. Die Gesichter wie die gestenreich sprechenden Hände der Figuren aus Ton wurden von eigenen Manufakturen produziert. Die Beine wurden aus Holz, die Körper aus Werg und die kostbaren Kleider aus Seide und Brokat auf winzigen Webstühlen gefertigt.

    Die Aufklärung hatte der aufwendigen Krippenkunst zwar den Kampf angesagt und sie schlichtweg verboten; der neue Krippenaufschwung war damit aber schon programmiert. Die Krippen verschwanden zwar aus der Kirche, ihr Siegeszug in die biedermeierlichen Wohnzimmer ließ sich aber nicht mehr aufhalten.

    Kein Thema für Schmederer waren alle jene unzähligen Vorläufer der Krippe, die das Weihnachtsthema der Geburt Christi auf frühchristlichen Steinsarkophagen bereits schon im vierten Jahrhundert und auf mittelalterlichen Andachtsbildern und Krippenaltären darstellen, sowie das klösterliche Kindlwiegen oder geistliche Schauspiele.

    Besuchermassen in den Privatgemächern

    Schmederer, der sich aus gesundheitlichen Gründen ab 1897 aus dem Geschäftsleben zurück zog und sich voll und ganz seiner Sammelleidenschaft widmete, war ein Connaisseur mit sicherem Gespür für die kostbarsten Spitzenstücke der Krippentradition des 18. und 19. Jahrhunderts. Er war ein geschickter Geschäftsmann, der bei Verkaufsgesprächen im In- und Ausland den günstigsten Moment abwartete. Er unternahm Sammlerreisen und besuchte Nachlassauktionen. Bevor er seine Pretiosensammlung stiftete, lockte er alljährlich Besuchermassen in seine Privatgemächer. Seine große Kunst in Miniaturformat wurde zuerst in der Neuhauser-, später in der Briennerstraße ausgestellt.

     

    Portalarchitektur der Kirche Santa Maria del Presepio, signiert mit »Max Schmederer pinx[it]« über dem Portal.
    Portalarchitektur der Kirche Santa Maria del Presepio, signiert mit »Max Schmederer pinx[it]« über dem Portal.

     

    Mit seiner neuartigen Präsentation der theatermäßigen Inszenierung seiner Figuren vor gebauten und gemalten Kulissen setzte Schmederer neue Maßstäbe. Er schuf die ersten Dioramen mit ungeahnter Tiefenraumwirkung und gab damit nicht zuletzt dem Deutschen Museum eine Steilvorlage für die Präsentation der eigenen Sammlungen. Effekthascherisch operierte er mit elektrischem Licht und Spiegelreflexen. Es liegt nahe, dass der Mitbegründer und Förderer des Prinzregententheaters Schmederer hier insbesondere von den Kontakten zur Münchner Theaterwelt profitierte.

    Kein verschrobener Junggeselle

    Seine jüngst aufgedeckte Beziehung zu der königlich bayerischen Hofschauspielerin Josephine Menge revidiert heute das vermeintliche Vorurteil des verschrobenen Junggesellendaseins. Er war im Gegenteil dem geselligen Leben zugetan, nahm am ausgelassenen Treiben des Münchner Faschings teil und ließ sich vom benachbarten Hof-Fotografen gerne im schwarzen Anzug und im Ambiente seiner Krippenfiguren werbewirksam ins Visier nehmen. Bereits 1893 umfasste seine Kollektion weit über 2000 Figuren, Tiere, Zubehör – so genannte Finimenti, wie prall gefüllte Marktkörbe, Geschirr, Musikinstrumente, Taschen, Säbel, Stöcke usw. – und Bauwerke.

    Schmederer plante und arrangierte nach eigenen Entwürfen seine im Dachgeschoss des Museumsneubaus untergebrachte Krippenabteilung, für die der Architekt Gabriel von Seidl – aus heutiger konservatorischer Sicht höchst gefährlich! – direktes Tageslicht vorgesehen hatte.

    Heute ist seine weltberühmte Sammlung, angesichts deren Opulenz und Vielfalt einem vor Staunen der Mund offen steht (ganz ohne 3D-Brille!), in der labyrinthischen Weitläufigkeit des Kellergeschosses untergebracht.

    Es wäre wünschenswert, dieses auf vielen Schautafeln festgehaltene Hintergrundwissen der Studioausstellung in die Dauerausstellung zu übernehmen.

     

    INFO

    »Der Herr der Krippen. Max Schmederer. Sammler, Stifter, Visionär«, bis 4. März im Bayerischen Nationalmuseum München, Prinzregentenstraße 3.

    Eine kongeniale Ergänzung ist die Jubiläumsausstellung: »100 Jahre Münchner Krippenfreunde« in der Münchner Rathausgalerie. Gezeigt werden 100 Krippen aus 300 Jahren. Anlässlich des Reformationsjubiläums ist auch eine Vitrine zu Martin Luther zu sehen. Noch bis 26. Dezember 2017, täglich 10 bis 19 Uhr, geschlossen an Heiligabend, Eintritt frei.

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