Die Demokraten haben bei den US-Zwischenwahlen beide Kammern des Kongresses erobert. Für Präsident Donald Trump ist das eine schwere Niederlage – und ein Zeichen dafür, dass seine politische Strategie an Grenzen stößt. 

Der Amerikanist Michael Hochgeschwender von der Ludwig-Maximilian-Universität München erklärt in Sonntags-Interview, warum wirtschaftliche Sorgen wichtiger waren als Kulturkampfthemen, weshalb die MAGA-Bewegung an Rückhalt verliert und was die evangelische Kirche aus den Entwicklungen in den USA lernen kann.

Die Demokraten haben beide Kammern des US-Kongresses gewonnen. Ist das eine persönliche Abrechnung mit Donald Trump oder erleben wir eine größere politische Zeitenwende?

Michael Hochgeschwender: Es ist tatsächlich auch eine persönliche Abrechnung mit Trump. Er hat die Erwartungen jener Wechselwähler enttäuscht, die ihm bei der letzten Präsidentschaftswahl zum Sieg verholfen hatten. Besonders deutlich zeigt sich das bei Latinos, jüngeren Menschen und katholischen Wählern. Die strammen MAGA-Anhänger halten zwar zu ihm, aber sie reichen nicht aus. Trump hat die Republikanische Partei und die MAGA-Bewegung politisch ins Abseits geführt. Erfüllt hat er seine Versprechen kaum – abgesehen von seiner harten Einwanderungspolitik. Und selbst wenn die Wirtschaft insgesamt funktioniert, kommt das bei vielen Menschen nicht im Geldbeutel an.

"Wenn Menschen sich kaum noch eine Tankfüllung leisten können, keine Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz haben oder als junge Familien kein Haus kaufen können, haben Regierung und Präsident ein Problem"

Die Verbraucherpreise sind stark gestiegen. Waren die wirtschaftlichen Sorgen der entscheidende Punkt? 

Ja. Und auch die Demokraten müssen daraus lernen: Diesmal ging es kaum um die sogenannten Culture Wars, also um Fragen von Homosexualität, Transsexualität oder anderen gesellschaftspolitischen Konflikten. Im Mittelpunkt standen handfeste wirtschaftliche Interessen.

Wenn Menschen sich kaum noch eine Tankfüllung leisten können, keine Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz haben oder als junge Familien kein Haus kaufen können, haben Regierung und Präsident ein Problem. Hinzu kommen die Folgen des Iran-Kriegs, Ängste vor KI und den dafür benötigten Rechenzentren sowie die Korruption. Die schamlose Selbstbereicherung, mit der Trump und sein Kabinett sich umgeben, hat auch viele seiner Wähler abgestoßen.

Wie stark sich die Niederlage gegen Trump persönlich richtet, zeigen die Ergebnisse jener Kandidaten, die er gegen Widerstände in der eigenen Partei unterstützt hatte. In Texas etwa erlitt sein Wunschkandidat Ken Paxton deutliche Einbußen. Trumps Zugriff auf die Republikanische Partei wird schwächer.

Beginnt damit das Ende der Ära Trump?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Eine dritte Präsidentschaft ist verfassungsrechtlich ausgeschlossen. Die Frage ist deshalb, wen die Republikaner 2028 aufstellen. Die MAGA-Basis ist weiterhin da. Aber welcher Kandidat kann sie mit den Wechselwählern verbinden, die Trump jetzt verloren hat?

Das wird für mögliche Kandidaten wie Marco Rubio oder JD Vance entscheidend sein. Rubio hat sich sehr eng an Trump gebunden, Vance etwas mehr Abstand gehalten. Beide müssen sich überlegen, wie viel Nähe zu Trump ihnen künftig noch hilft.

Auch bei den Demokraten gab es Konflikte zwischen progressiven und zentristischen Kräften. Wer hat sich dort durchgesetzt?

Insgesamt eher die Moderaten. James Talarico in Texas hat sich im Wahlkampf deutlich zur Mitte bewegt und verstanden, dass er am linken Rand keine Mehrheiten gewinnen kann. Jon Ossoff in Georgia und Josh Shapiro in Pennsylvania haben ebenfalls sehr gute Ergebnisse erzielt. Shapiro ist kein Linker. Auch in Kansas haben die Demokraten mit einem zentristischen Kandidaten gewonnen.

Das eröffnet Perspektiven für Kandidaten, die auch in republikanisch geprägten Staaten Stimmen gewinnen können. Die Demokraten müssen allerdings erst noch zeigen, dass sie mehr zu bieten haben als eine Gegenbewegung zu Trump.

Zur Person: Michael Hochgeschwender

Michael Hochgeschwender (Jahrgang 1961) ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Religionsgeschichte der USA, insbesondere der amerikanische Katholizismus, sowie die Geschichte des US-amerikanischen Konservatismus. 2007 veröffentlichte er das Buch „Amerikanische Religion. Evangelikalismus, Pfingstlertum, Fundamentalismus“.

Ist das Wahlergebnis also weniger eine grundsätzliche politische Veränderung als eine Abrechnung mit Trump und seinem Politikstil?

Es ist eine Abrechnung mit der Politik Trumps der vergangenen zehn Jahre. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in den USA, die keine radikalen Anhänger sind – und das ist nach wie vor die Mehrheit –, ihn einfach leid sind. Auf ihre berechtigten Fragen bekommen sie keine Antworten. Auch Trumps Auftritte und Reden haben zuletzt gezeigt, wie sehr er den Kontakt zur politischen und gesellschaftlichen Realität verloren hat.

Das ist jetzt die Aufgabe der Demokraten: Sie müssen eine echte Alternative anbieten. Sie können nicht einfach zu den politischen Konzepten der 2010er-Jahre zurückkehren. Die Menschen erwarten Antworten auf konkrete Fragen, vor allem auf wirtschaftliche. Und genau dafür müssen die Demokraten Lösungen entwickeln.

"Trumps Unterstützung in evangelikalen Kreisen bröckelt"

Welche Rolle spielt dabei die Religion? Haben die weißen Evangelikalen Trump weiterhin geschlossen unterstützt?

Nicht mehr in dem Maße. Seine Unterstützung in evangelikalen Kreisen bröckelt. Das war in Umfragen schon seit etwa einem Jahr zu erkennen. Auch seine Selbstinszenierung hat dazu beigetragen. Das von ihm verbreitete KI-generierte Jesusbild ist in evangelikalen Kreisen nicht gut angekommen.

Zugleich versuchen die Demokraten, religiöse Wähler wieder stärker anzusprechen. James Talarico etwa tritt ausgesprochen fromm auf. In Kansas wurde ein Pastor gewählt. Dahinter steht eine Hinwendung zu einer liberalen protestantischen Frömmigkeit, die auch für bestimmte katholische Milieus anschlussfähig ist. Die Demokraten verabschieden sich damit ein Stück weit von ihrem zeitweise sehr religionskritischen Kurs.

Welche Lehre sollte die evangelische Kirche in Deutschland daraus ziehen, wenn sie dem Zusammenspiel von Nationalismus, Religion und Populismus etwas entgegensetzen will?

Zunächst zeigt sich: Die populistische und radikal-evangelikale Welle ist nicht unaufhaltsam. Diese Kräfte greifen durchaus reale Probleme auf. Ihr inhaltliches Angebot und ihre Lösungskompetenz sind aber begrenzt.

Ich habe der Brandmauer immer skeptisch gegenübergestanden. Wenn solche Kräfte von der Regierungsverantwortung ferngehalten werden, können sie Mythen über ihr vermeintliches Lösungspotenzial aufbauen. Das tatsächliche Versagen in der Regierungsarbeit bleibt ihnen erspart. Man sollte sich deshalb von einer Politik der vollständigen Ausgrenzung verabschieden und sich sachlich mit ihren Angeboten auseinandersetzen.

Zugleich hat sich gezeigt, dass die demokratischen Institutionen in den USA stärker sind, als manche Liberale befürchtet hatten. Es ist kein faschistisches Regime entstanden, sondern ein semi-autoritäres. Die Wahlen wurden nicht verhindert. Auch das Geld von Elon Musk lief ins Leere, wo die Bereitschaft fehlte, seinen politischen Vorstellungen zu folgen. Trump hat diese Bereitschaft durch sein eigenes Verhalten weithin zerstört.

Für Kirche und Politik gilt gleichermaßen: Man muss die Probleme der Menschen ernst nehmen und konkrete, realistische Lösungen anbieten. Und man muss auch offen sagen, wenn etwas nicht lösbar ist oder man sich auf bestimmte Entwicklungen einstellen muss. Ich glaube, man kann Menschen sehr viel mehr zutrauen, als es momentan in der Politik, aber auch in der Kirche getan wird.

"Trump muss Mehrheiten organisieren, und ich bin nicht sicher, ob ihm das gelingt"

Was kann die neue demokratische Mehrheit im Kongress gegen Trump ausrichten? Muss er seine Politik ändern?

So weitermachen wie bisher kann er nicht. Der Kongress hat das Budgetrecht. Bisher haben die Republikaner Trumps Vorhaben weitgehend durchgewunken, etwa das sogenannte "Big Beautiful Bill". Das wird jetzt schwieriger. Trump muss Mehrheiten organisieren, und ich bin nicht sicher, ob ihm das gelingt.

Auch die Zollpolitik könnte zum Streitpunkt werden. Die Verfassung weist dem Kongress die Zuständigkeit für Zölle zu. Der Präsident kann nur auf Grundlage begrenzter, vom Kongress übertragener Befugnisse handeln. Die neue Mehrheit könnte versuchen, Trumps Zollpolitik einzuschränken. Außerdem kann sie Untersuchungsausschüsse einsetzen und damit die Arbeit seiner Regierung behindern.

Größeren Spielraum hat Trump in der Außenpolitik. Dort sehe ich zwei Möglichkeiten: Er könnte sich zurückhalten, weil der Iran-Krieg in den USA unpopulär ist. Oder er versucht gerade jetzt, Stärke zu demonstrieren, weil ihm die eigene Partei zunehmend egal ist. Die zweite Möglichkeit halte ich momentan für etwas wahrscheinlicher.