Alkoholmissbrauch ist wahrlich kein Komödienstoff. Mit Moral wegen der gesundheitlichen und sozialpolitischen Folgen braucht heute aber niemand mehr zu kommen. Also ging der dänische "Dogma"-Filmemacher und Autor Thomas Vinterberg das Thema komödiantisch-persiflierend an.
Sein Film "Rausch" wurde vor ein paar Jahren mit dem Oscar als bester internationaler Film ausgezeichnet und lockte weltweit ein großes Publikum in die Kinos. Jetzt ist am Münchner Metropoltheater die Bühnenfassung zu sehen. Kongenial inszeniert als Tragikomödie.
Mitmachtheater im Klassenzimmer
Das fängt ja schon mal gut an. Wie in der Schule. Fragen ans Publikum: "Wie viele Ehe- oder sonstige Paare sind hier? Und wie viele von euch haben sich kennengelernt, ohne dass Alkohol im Spiel war? Und wie viele kennen Paare, die sich nüchtern kennengelernt haben?" Einige Finger gehen hoch, der "Lehrer" tadelt: "Viele sind das ja nicht gerade." Und schon sind wir mittendrin im Mitmachtheater. Zumindest das Premierenpublikum summt auf Kommando, macht rhythmisch mit: "Bah-bah-Bah", steht auf, streckt die Arme hoch, setzt sich, wenn es "der Lehrer" auf der Bühne anordnet.
Von Beginn an wird so direkte Betroffenheit beim Publikum hergestellt, ein psychologischer Regiekniff, der am Ende zu emotionalem Jubel mit Standing Ovations führt.
Das Setting drängt sich im kleinen Metropoltheater, wo das Publikum fast hautnah am ebenen Bühnenrand sitzt, geradezu auf. Die Bühne zeigt ein schmuckloses Klassenzimmer im Look der 80er-Jahre. Sieben Schultische mit sieben Stühlen, alle zum Frontalunterricht aufgestellt, an der Seite ein Klavier. Das Ganze links und rechts eingerahmt von Batterien von Flaschen. Kennzeichnend für den Minimalismus am Metropoltheater ist das ein Bühnenbild von hoher Symbolkraft. Die Flaschen spiegeln die permanente Präsenz und Verlockung der Droge Alkohol im Kopf der Protagonisten. Wenn einer der vier Schauspieler den Lehrer spielt, sitzen die anderen drei gebückt auf den kleinen Schulbänken, mit Pudelmützen von hinten zu sehen. Sozusagen als Dummies, weil das Publikum umstandslos zu Schülerinnen und Schülern mutiert. Es hat etwas von Impro-Theater. Oder "Dogma"-Film.
Vier Lehrer und ein gefährliches Experiment
Vier befreundete Gymnasiallehrer sind in ihrem Alltagstrott regelrecht versackt und haben sich innerlich wie äußerlich immer mehr isoliert. Authentische Typen wie aus dem Schulbuch, die von den vier männlichen Protagonisten sehr überzeugend gespielt werden: der verstrubbelte Musiklehrer Peter im Cordsakko, der bei den Schülern gar kein Gehör mehr findet und den die Eltern gern mobbend loswerden würden. Der glatzköpfige, untersetzte Sportlehrer Thommy, mit angefressenem Dickbauch ausgestattet, in abgewohnter Jogginghose, der seinen Schülern (und dem Publikum!) nur noch müde Auf-und-ab-Anweisungen gibt. Der lässig angezogene, aber schwer deprimierte und resignierte Geschichtslehrer Martin, "der früher unser Held war", kreativ und wild, der sogar "Jazztanz" aufgeführt hat, jetzt aber nur noch wirr Namen und Daten durcheinanderwirft. Der schnieke Nikolaj, im Dreiteiler mit blasslila Hemd, der vor seiner Schulklasse mit psychologischen Versatzstücken auftritt. Im Hintergrund: eine wohlhabende Ehefrau und drei Kinder, die "ständig ins Elternbett pissen".
Auf seiner 40. Geburtstagsfeier überredet Nikolaj seine drei Kumpel zu einem "Experiment". Sie wollen die These eines norwegischen Psychiaters "wissenschaftlich" überprüfen, dass der Mensch von Geburt an ein Defizit von 0,5 Promille hat. Zwei Glas Wein täglich sollen den Alltag besser, lustiger und leichter machen, das Sozial- und Liebesleben aktivieren, die Arbeitsmotivation und das Selbstbewusstsein stärken – kurz: das Leben wieder lebendig werden lassen. Eine Schnapsidee, die nach anfänglichen Erfolgsmeldungen genauso ausgeht, wie man es sich denken kann. Mit Sprüchen wie "lieber fünf vor zwölf als keins nach eins" und "lieber nachschenken als nachdenken" kippen die vier anfangs nur edle Champagner, Wodkas und Weine. In der Erfolgsphase werden alle selbstbewusster, setzen sich durch, finden wieder Spaß am Lehrersein. Dann wird die tägliche Dosis erhöht. Der Alkohol als soziales Ventil entlarvt sich als Täuschung. Der "Rausch" wird zum Vollrausch, der Absturz heftig.
Begeisternde Inszenierung mit kleinen Längen
Auch hier ist der Ausstattungsminimalismus unübertroffen: Er setzt eine unglaubliche Vorstellungskraft frei. Aus den Schulbänken wird der Geburtstagstisch, der Sportplatz, das Klassenzimmer mit dem Musikunterricht, das Chaos der demolierten Einrichtung im Vollrausch und schließlich der Hafen mit dem Boot, in dem Thommy ertrunken ist. Das Fazit kommt ohne Moralkeule aus: Am Ende ist einer tot, die anderen haben noch die Kurve gekriegt und trinken deutlich gemäßigter. Sie sind wieder im sprichwörtlichen Sinn zu sich gekommen. Darauf singen sie "What a Wonderful Life" und, tja, stoßen darauf an.
Bei aller Begeisterung über die begeisternde Inszenierung bleibt ein kleiner – pardon – Wermutstropfen. Es hätte nicht zweieinhalb Stunden dafür gebraucht. Etwas kompakter, etwas mehr Tempo, etwas stringenter – es wäre noch süffiger.