4.04.2020
Buchtipp

Richard Rohr: "Was die Bibel uns zu sagen hat"

Richard Rohr, 1943 in Kansas geboren, ist einer der bedeutendsten christlichen Mystiker und spirituellen Lehrer unserer Zeit. In "Was die Bibel uns zu sagen hat" legt der Franziskanerpater Rechenschaft ab über den eigenen Zugang zur Bibel, über seine "Hermeneutik". Ein lesenswerter und erhellender, ein inspirierter und inspirierender Text – wie alle Bücher Rohrs. Zu seinen Gaben gehört, komplex zu denken und verständlich zu sprechen.
adamsreturn.at / Peter Fiala
Der bayerische Pfarrer Andreas Ebert (re.) ist nicht nur Autor des bekannten "Kindermutmachlieds", er auch hat Richard Rohr (li.) in Deutschland bekannt gemacht. 1979 holte er den US-Franziskaner erstmals ins Land von dessen Vorfahren. Seither hat er unzählige Texte und Bücher Rohrs ins Deutsche übersetzt und begleitet den modernen Mystiker auf seinen Vortragsreisen durch die deutschsprachigen Länder. Das Foto entstand im Sommer 2018 in Wien.

Unter Hermeneutik versteht man das Muster, die Methode, die jemand benutzt, um Texte zu erschließen und auszulegen, insbesondere religiöse Texte. Das Wort leitet sich vom griechischen Verb hermēneúein ("erklären, übersetzen, verstehen") ab.

"Nur der Liebe kann man die Wahrheit anvertrauen", bringt Rohr es auf den Punkt. Denn es ist so eine Sache mit den heiligen Texten von Juden und Christen: "Wenn man sie Ich-süchtigen, lieblosen oder machtbesessenen Zeitgenossen ausliefert oder Leuten, die niemals wirklich gelernt haben, mit spirituell inspirierter Literatur sachgerecht umzugehen, endet das fast immer in einem Desaster", sagt er und verweist auf Ketzerverbrennungen, Kreuzzüge, Sklaverei, Apartheid und weitere Abgründigkeiten, die man meinte, mit ausgewählten Passagen aus der Bibel begründen zu müssen.

Die Versuchung der Konservativen, die Versuchung der Liberalen

Was also leitet uns, wenn wir die Bibel zur Hand nehmen? Die Karten offenzulegen über eigene Vorverständnisse (und unvermeidliche Begrenztheiten), mit denen sie an die Bibel herangehen, das tun allerdings die wenigsten Prediger und Predigerinnen. Ihre Hermeneutik vermittelt sich sozusagen als Hintergrundrauschen. Das Publikum neigt dazu, die unausgesprochene Hermeneutik ihrer Geistlichen unbewusst für die Norm oder das Ideal zu halten.

Rohr: "Irgendwann sucht man sich Lieblingsprediger, die dieselbe Gemengelage von Vorurteilen pflegen wie man selbst – ohne sie überhaupt als Vorurteile zu erkennen. Das gilt für Progressive wie für Konservative gleichermaßen."

Die "linke" und die "rechte" Versuchung im Umgang mit der Bibel liegen in der einseitigen Hingabe an Wille oder Intellekt. Beides führt zu einem toten Glauben. "Im Allgemeinen machen Leute, die sich konservativ nennen, den Glauben zu einer Sache der Anpassung und Unterwerfung; und die, die sich progressiv nennen, machen den Glauben zu einer bloßen Angelegenheit ihrer subjektiven Vernunft."

Was die Bibel uns nicht sagt

Was also sagt die Bibel – nicht? Auch dieser Frage widmet Rohr ein eigenes Kapitel.

Zum Beispiel sage sie nicht: "Es gibt nur eine einzige unfehlbare Weise, die Wahrheit mitzuteilen." Bester Beleg dafür, so Rohr, ist die Tatsache, dass mit den Evangelien vier Berichte derselben Ereignisse überliefert sind – und diese Berichte in wesentlichen Punkten erheblich voneinander abweichen.

BUCHTIPP

Richard Rohr: "Was die Bibel uns zu sagen hat". Übersetzung: Andreas Ebert. Originaltitel: What Do We Do with the Bible? Claudius Verlag 2020, 96 Seiten, 12 Euro. ISBN 978-3-532-62843-0

Was nachweislich auch nicht stimme: dass die biblischen Worte frei von menschlichen Irrtümern und Begrenztheiten seien. Rohr hat dabei nicht nur Paulus auf seiner Seite, der freimütig bekennt, dass unser »jetziges« Wissen unvollkommenes Stückwerk ist (1. Korinther 13, 12); sondern auch Petrus, der über eben jenen Paulus schreibt, in seinen Briefen seien »… einige Dinge schwer zu verstehen, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen werden, wie auch die andern Schriften« (2. Petrus 3, 16).

Die Jesus-Spur

Rohr folgt daher der Spur, wie es Jesus mit seiner eigenen Hermeneutik gehalten hat. Und stellt fest:

  • dass Jesus weit über jedes »Sola Scriptura« (das reformatorische »Allein die Schrift!« Luthers) hinausgegangen ist
  • dass er häufiger aus der eigenen Erfahrung redet, als sich auf frühere Quellen zu stützen
  • dass Jesus nichts geschrieben hat, was ihn überdauert hätte, er also die Gefahr und die Gesetzlichkeit von Leuten gekannt hat, die sich »nach dem Buch« richten
  • dass er ständig heilige Tabus aufs Korn nimmt und 
  • dass Jesus »derart grob vereinfachend und naiv ist, dass er die 613 eindeutigen Ge- und Verbote der Bibel gerade einmal auf zwei reduziert: Gottesliebe und Nächstenliebe (siehe Matthäus 22, 34‑40)«.

Aufklärung und Reformation haben für Rohr das Kind mit dem Bad ausgeschüttet, wo sie »Erkenntniswege praktisch auf einen einzigen – den angeblich rationalen/wörtlichen/historischen – reduziert und die Bibel jahrhundertelang weitgehend in diese eine Bedeutungskategorie gepresst« haben. »Solch ein eng geführter Ansatz führt in der Regel zu einer antiquierten Institution, die lieber Rückschau hält, anstatt nach vorn zu blicken.«

Verändern statt verwalten

Rohr plädiert für eine kontemplative Bibellektüre, die sich nicht auf nur einen Erkenntnisweg reduzieren lässt, für mehr »transformative Spiritualität« und weniger »transaktionale Religion«. Denn Letztere belohne eher »individuelle Anpassung und Gruppenzugehörigkeit als Liebe, Dienst an anderen oder eine tatsächliche Veränderung des Herzens«. Eine nicht-kontemplative Bibellektüre verhindere, »auf Tuchfühlung mit der Realität« zu kommen, sich von den Texten irritieren und infrage stellen zu lassen, und produziere stattdessen »egoistische und gruppenegoistische Ideologien«. Ohne Bewusstsein des eigenen Vorverständnisses und der eigenen Begrenztheiten steht eine fromme Lektüre in der Gefahr, immer wieder nur sich selbst zu finden und zu predigen.

Mehr Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen sollten Richard Rohr lesen und was er zu sagen hat beherzigen.

 

Center for Action and Contemplation

Besucherzentrum des "Center for Action and Contemplation" (CAC) in Albuquerque (NM), USA.

Richard Rohr lebt im spirituellen Zentrum "Center for Action and Contemplation" Albuquerque im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico.

Besucherzentrum: 
1823 Five Points Rd. SW
Albuquerque, NM 87105
USA

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Der Franziskanerpater, Mystiker und Erfolgsautor Richard Rohr im Interview mit dem Sonntagsblatt.
Richard Rohr wurde am 20. März 1943 in Topeka im ländlichen Kansas, also in den USA, geboren. Mit 14 ging er von zu Hause weg und zog nach Cincinnati. Dort trat er mit 18 in den Franziskaner-Orden ein. Er hat unzählige Bücher geschrieben und gilt heute als einer der bedeutendsten christlichen Mystiker und spirituellen Lehrer unserer Zeit. Der an Krebs erkrankte Theologe war noch einmal zu zwei Vorträgen in Bayern. Markus Springer hat ihn interviewt.
Sonntagsblatt