2.02.2019
Von Klimawandel bis Eventtourismus

So entwickelt sich der Alpenraum

Bei den Alpen denken die meisten Menschen an Weite, Einsamkeit und Ruhe. Tatsächlich sind die bewohnbaren Flächen jenseits der Steilhänge einer der am dichtesten besiedelten Räume Europas. Platzmangel, Tourismus und Klimaveränderungen stellen die Gemeinden zwischen München und Bozen vor große Herausforderungen. Die Allianz in den Alpen (AidA) dient ihnen dabei als unterstützendes Netzwerk. Projektkoordinatorin Gabriele Greußing erklärt im Interview, was die Alpenregion beschäftigt und wie jeder von uns zu ihrem Schutz beitragen kann.
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Frau Greußing, wie haben sich die Alpen zu diesem beliebten Lebensraum entwickelt?

Ein starker Motor der Besiedlung war die Industrialisierung. Wo Wasser war und damit Strom erzeugt werden konnte, entstanden Zentren der Metall- und Textilproduktion. Und auch entlang der Hauptrouten zur Überquerung der Alpen von München bis Venedig entwickelte sich ein dichtes Band der Verstädterung mit Wirtschaftsbetrieben, die auf schnelle Transportwege angewiesen sind. Der ländliche Raum hingegen dünnte sich nach und nach aus.

Welche Rolle spielt der Tourismus bei der Verdichtung?

Es gibt Regionen, die sind so stark touristisch erschlossen, dass sie schon fast urbane Strukturen haben – allerdings in einer sehr einseitigen Wirtschaft, etwa in den großen Wintersportorten. Viele ländliche Gemeinden sind auf den Alpentourismus wirtschaftlich angewiesen, weil ihnen Einkünfte aus anderen Gewerben weggebrochen sind. Für sie geht es also um den Erhalt von Lebensqualität und damit um ihr Überleben im alpinen Raum.

Wie unterstützt das Netzwerk AidA die Gemeinden dabei?

Wir helfen ihnen, den Alpentourismus "sanft" zu gestalten, das heißt vielfältig, ohne Massenbewegungen, basierend auf den Ressourcen der Region, aber zugleich ohne große Umwelteinwirkungen. Denn die größte Ressource ist die Natur und gerade die wird oft durch zu heftigen Tourismus zerstört.

Was können die Gemeinden tun, um ein Gleichgewicht zwischen Umwelt, Wirtschaft und sozialer Situation zu finden?

Die Entscheidungen in diesem Schnittfeld sind oft schwer zu treffen. Aber das Bewusstsein vieler Gemeinden hat sich in den vergangenen Jahren dahingehend verändert, dass alle drei Faktoren bedacht werden und nicht nur der Wirtschaftsfaktor im Vordergrund steht. Wir sind keine Organisation, die immer gleich aufschreit, wenn ein Umweltprojekt geplant ist. Viel mehr unterstützen wir die Gemeinden, dass sie alles im Blick haben, wenn sie touristische Entwicklungen anstreben und dass es durch sie möglichst wenig Umweltgefährdung gibt.

Wie sieht die Begleitung durch die Alpenallianz in der Praxis aus?

Das Wichtigste sind unsere viersprachigen Treffen der Mitgliedsgemeinden aus den großen Ländern mit Alpenanteil: Österreich, Italien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Slowenien und Liechtenstein. Wir schaffen ihnen einen Raum, in dem ihre Vertreter voneinander lernen und sich von ihren Schwierigkeiten erzählen können. Die Gemeinden sind so unterschiedlich und stehen doch alle vor denselben Herausforderungen. Diese über die Landesgrenzen hinweg gemeinsam anzugehen macht Mut.

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Können Sie dafür Beispiele nennen?

In Slowenien ist etwa das Bewusstsein für nachhaltiges Handeln noch am Wachsen. Da ist es für die Kollegen vor Ort wichtig, Kraft aus den Treffen mitzunehmen, um in dieser Richtung weiterzumachen. Ein anderes Beispiel sind die Modelle in Liechtenstein, Jugend strukturell in politische Arbeit einzubinden, damit sie gerne im Alpenraum wohnen bleiben. Wenn wir über die Jugend sprechen – das Alpenraum-Thema 2019 – geht es häufig ums Älterwerden und den demografischen Wandel. Dabei sind die Bedürfnisse der Jugendlichen das eigentliche Thema. Auf sie wird gerade in Touristenregionen zu wenig eingegangen.

Welche Auswirkungen des Klimawandels nehmen die Gemeinden wahr?

Die Erwärmung im Alpenraum ist höher als der globale Durchschnitt. Die Gletscher verschwinden viel schneller als bisher angenommen. Was das für unseren Wasserhaushalt bedeutet, ist noch nicht klar. Wenn der Dauerfrostboden auftaut, halten viele Hänge nicht mehr. Heute noch bewohnbare Regionen, sind dann nur noch Geröll. Die Vegetationsperioden verlängern sich und verändern die Land- und Forstwirtschaft. Womöglich gedeihen andere Pflanzen und neue Produkte können angebaut werden. Bäume wie die Fichte könnten jedoch aussterben und als Schutzwald und zentraler Rohstoff der Holzwirtschaft ausfallen.

Ist die Politik aus Ihrer Sicht auf dieses Szenario vorbereitet?

Das Thema Klimaveränderung wird in Diskussionen oft an den Rand gedrängt und zu wenig bewusst gemacht. Die bewohnten Alpentäler benötigen sehr viel Geld für Schutzmaßnahmen oder Umsiedlungen. Aber den Grund und Boden aufzugeben ist auch nicht einfach.

Welche Veränderungen erwarten Sie durch den Klimawandel für den Alpentourismus?

Da gibt es vielleicht eine Nische. Die Hitze im Mittelmeerraum könnte die Alpenregion für Touristen aus dem Süden immer interessanter machen und für sie zum Ziel der Erholung im Sommer werden.

Was kann jeder Einzelne tun, um den Alpenraum zu schützen?

Den Alpenraum nicht als Fun-Park sehen, sondern als einmaliges Naturschutzgebiet, das ohnehin schon vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Es betrifft nicht nur den Alpenraum, aber gilt hier besonders: Was die Alpenvereine an Müll aus den Bergen holen, ist enorm! Und diese schizophrene Mentalität, die Natur in Einsamkeit erleben zu wollen, aber jeden Winkel mit dem Auto erreichen zu müssen. Wir haben in vielen Regionen eine gute Verkehrsinfrastruktur, die den Verzicht darauf möglich macht.

 

Alpenallianz und Alpenkonvention

Die Allianz in den Alpen (AidA) dient Gemeinden im Alpenraum seit 1996 als Netzwerk für Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung bei Projekten. Ihr gemeinsames Leitbild und Ziel ist die lokale Umsetzung der Alpenkonvention – ein internationaler Staatsvertrag der acht Alpenländer Österreich, Italien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Slowenien, Liechtenstein und Monaco mit der EU für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraums. In aktuellen Projekten geht es etwa um den Schutz von Bienen und Naturräumen, aber auch um den demografischen Wandel und die Integration von Migranten in Alpengemeinden. Gabriele Greußing betreut innerhalb der AidA die Gemeinden in Österreich und Liechtenstein und ist Betreuerkoordinatorin für alle Gemeindeberater der anderen Alpenländer.

 

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