In einem internen Arbeitspapier entwerfen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Katholische Kirche eine Seelsorge für den Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall.

Es trägt den Namen "Ökumenisches Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall" und beschreibt, wie die evangelische und die katholische Kirche ihre Seelsorgestrukturen auf drei mögliche Szenarien vorbereiten wollen: einen bevorstehenden Krieg (Spannungsfall), einen Angriff auf einen Nato- oder EU-Partner (Bündnisfall) sowie einen direkten Angriff auf Deutschland (Verteidigungsfall).

Verwundete, Gefallene, Kriegsgefangene, eine traumatisierte Zivilbevölkerung und Fluchtbewegungen werden durchgeplant. Theologisch berufen sich die Verfasser:innen auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: das Naheliegende tun, dem Nächsten beistehen, auch wenn man selbst betroffen ist.

Sehr viel Expertise

In seinen praktischen Abschnitten versammelt das Papier sehr viel Wissen. Jahrzehntelange Erfahrungen aus Auslandseinsätzen, Katastrophenschutz, Notfallseelsorge, Krankenhausbegleitung sowie der Flüchtlingsarbeit von 2015 und 2022 fließen hier zusammen. Es beschreibt, wie Seelsorgende mit Todesnachrichten umgehen, wie Massentraumatisierungen aufgefangen werden können und wie die eigene Belastung der Helfenden professionell begleitet werden muss.

Das Konzept benennt die in der Krisenforschung als zentral geltenden Aspekte: die Vermittlung von Sicherheit, Beruhigung, Selbstwirksamkeit, sozialer Anbindung und Hoffnung. Es erinnert daran, dass Seelsorgende in einem Verteidigungsfall selbst Teil der betroffenen Zivilbevölkerung sind – eine Rollenambiguität, die real ist und die das Papier ernst nimmt.

Und, was den Kirchen hoch anzurechnen ist, es denkt auch an Kriegsgefangene, Menschen, die Angehörige vermissen, Desertierende und Wachpersonal in Gefangenenlagern. Das sind Personengruppen, um die sich Seelsorge kümmern muss und die in staatlichen Planungsdokumenten meist nicht oder zu wenig berücksichtigt werden.

Was liegt den Plänen zugrunde?

Beim Lesen dieses Arbeitspapiers stellt sich allerdings eine Frage: Wessen Lageeinschätzung übernehmen die Kirchen, wenn sie ihre Strukturen darauf ausrichten, möglichst bald – wie es Neudeutsch heißt – kriegstüchtig zu werden? 

"Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen."

Dieser Satz legitimiert die gesamte Planung. Er findet sich auf Seite 2 des Papiers im Kontextabschnitt und fungiert quasi als Prämisse für alles Folgende. 

Daran ist zweierlei problematisch: Erstens sind Militär und Nachrichtendienste per definitionem keine neutralen Akteure und somit keine objektiven Quellen. Ihre Lagebilder entstehen unter Geheimhaltungsbedingungen, sind selektiv, interessengeleitet und öffentlich nicht überprüfbar. Dass sie mitunter falsch liegen – und dies mit folgenschweren Konsequenzen –, ist historisch gut dokumentiert und aktuell im Krieg gegen den Iran gut zu beobachten.

Zweitens sind keineswegs alle relevanten Forschenden ("Wissenschaft") zum Thema Sicherheitspolitik einig, dass Russland plant, die Nato anzugreifen – auch wenn man diesen Eindruck nach drei Sendungen "Markus Lanz" möglicherweise gewinnen kann. 

Es gibt keine einheitliche wissenschaftliche Prognose zu dieser Frage. Stattdessen arbeiten Sicherheitsforschung, Militäranalysen und strategische Institute mit Szenarien und Einschätzungen, die von sehr unwahrscheinlich bis mäßig denkbar in der mittleren Zukunft reichen – immer abhängig von aktuellen Entwicklungen in Politik, Militär, Technologie und globalen Allianzen.

Eine eigenständige Stimme

Es wäre unredlich, den Verfasser:innen des Papiers schlechte Absichten zu unterstellen. Ihre Sorge um Menschen in Notlagen ist real, ihre Kompetenz in der Seelsorge ist real und die Möglichkeit, dass Deutschland in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen wird, ist nicht von der Hand zu weisen.

Das Papier betont, dass die friedensethischen Grunddokumente beider Kirchen unangetastet bleiben. Das ist richtig. Und doch könnte man sich darüber hinaus eine eigenständige kirchliche Stimme zur Frage vorstellen, ob die zugrunde liegenden Bedrohungsszenarien tatsächlich das wahrscheinlichste Zukunftsbild sind.

Gerade Kirchen haben eine besondere Verantwortung: Sie sollten nicht einfach mitplanen, wenn der Staat etwas plant, sondern auch mal einen Schritt zurücktreten und fragen, welche Prämissen diesem Plan eigentlich zugrunde liegen und wie überzeugend diese sind. Kriege entstehen oft nicht aus realen Bedrohungen, sondern aus Eskalationsdynamiken. Diese rechtzeitig und kritisch zu hinterfragen, ist eine Rolle, die den Kirchen gut zu Gesicht steht.