Ein Plagiat, eine Fiktion, eine Fälschung, Schundliteratur – so lautete das Urteil, als man den berüchtigten "Protokollen der Weisen von Zion" ab 1933 in Bern im Rahmen eines aufsehenerregenden Verfahrens den Prozess machte.
Auch in der Schweiz gab es damals viele Faschisten, und aus Deutschland schwappten neue Auflagen der antisemitischen Hetzschrift ins Land. Denn die angeblichen "Protokolle" sind eine Verschwörungserzählung in der Form einer erfundenen Selbstbezichtigung. Die Texte legen nahe, es gebe eine "jüdische Verschwörung" gegen den nicht-jüdischen Rest der Menschheit. Bei den "Protokollen" handle es sich um Aufzeichnungen einer freimaurerisch-jüdischen Geheimversammlung, in der jüdische Mächtige, die "Weisen von Zion", ihre Strategien für die angestrebte Weltherrschaft erläutern.
Abgeschrieben und gefälscht
Die jüdischen Gemeinden der Schweiz klagten. Auf der Grundlage eines Gesetzes gegen "Schundliteratur" strebten sie einen Musterprozess an, um die Lügenhaftigkeit des Machwerks zu entlarven. Der deutsche Antisemit und Verleger Ulrich Fleischhauer, Sohn eines evangelischen Diakons, versuchte als "Experte" der Beklagtenseite, die Echtheit der von ihm auch selbst verlegten Protokolle zu beweisen.
Das Berner Urteil 1935 war glasklar in der Erkenntnis der Fälschung mit bösen Absichten, aber es war auch lächerlich mild. In einer Revision mit Unterstützung aus Nazi-Deutschland wurde es 1937 wegen eines Formfehlers sogar aufgehoben: "Schundliteratur" sei kein auf "politische Publikationen" anzuwendender Rechtsbegriff.
Die Akten des "Berner Prozesses" sind gleichwohl bis heute eine wichtige Quelle für die Historiker. Wer also war der, wer waren die Urheber des folgenreichen Machwerks? Das steht auch nach bald 100 Jahren Forschung zu den "Protokollen" nicht sicher fest. Viel deutet darauf hin, dass die Propagandaschrift in Paris entstand, irgendwann zwischen 1897 und 1902 – also in der Zeit der ersten Zionistenkongresse in Basel. Aber wurde sie auf Russisch oder auf Französisch verfasst? Die ältesten Exemplare der "Protokolle" sind russisch, doch in der französischen Nationalbibliothek hat man französische Bücher mit Anstreichungen gefunden, aus denen die Autoren kopierten. Zum Beispiel lange Passagen aus einer satirischen Kampfschrift gegen den französischen Herrscher Napoleon III. mit dem Titel "Dialogue aux enfers" (Gespräche in der Unterwelt, ein Streitgespräch zwischen Machiavelli und Montesquieu). Das Buch trug seinem Autor, Maurice Joly (1829-1862), 15 Monate Gefängnis ein. Antisemitische Interessen hatte Joly aber nicht.
Wie wurde daraus eine der hartnäckigsten Propagandalügen des 20. Jahrhunderts? Einiges spricht dafür, dass der Text von Leuten der auch an der Pariser Botschaft aktiven zaristischen Geheimpolizei "Ochrana" zusammengestellt und mit seinem antisemitischen Dreh versehen wurde. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls der Berner Prozess. Aber: Es gibt auch gewichtige Einwände gegen diese Theorie.
Wer immer der Autor war: Parteienzank und Klassenkampf, Unruhen, Kriege, Revolutionen, Hunger und Seuchen – das sind seinen "Protokollen" zufolge die teuflischen Ingredienzien, mit denen sich die Juden die Weltherrschaft sichern wollen. Das klingt wie das alte Lied vom Kinder (und Christus) mordenden, vom Brunnen vergiftenden, für alles Übel verantwortlich zu machenden Juden. Und es fiel wohl auch deswegen in den Umbrüchen der unruhigen ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auf so fruchtbaren Boden.
Rasend schnell waren die "Protokolle" in alle Weltsprachen übersetzt
Der Autopionier Henry Ford war von ihrer "Wahrheit" ebenso überzeugt wie anfangs Winston Churchill. Heute inspirieren sie sogar in China und Japan antisemitische Verschwörungserzählungen.
Der antisemitische Wahn ist nie bloß Spinnerei. Er hat schon immer blutige Folgen. Der Mörder des deutschen Außenministers Walter Rathenau (1867-1922) hatte die "Protokolle" gelesen. Er war überzeugt, Rathenau sei einer der "300 Weisen von Zion" und Teil der konspirativen jüdischen Weltverschwörung. Das Attentat im Jahr vor dem Hitler-Putsch war ein Vorbote dessen, was Deutschland und seinen Juden bald blühen würde.
Besondere Wirkung entfalteten die "Protokolle" ab 1925 in der arabischen und überhaupt in der muslimischen Welt. Ein christlicher Priester übersetzte sie in Kairo ins Arabische. Es dauerte nicht lange, bis die Schrift auch unter Muslimen zirkulierte.
Die Hamas und die "Protokolle"
Amin al-Husseini, ein entfernter Verwandter von Jassir Arafat, war seit 1929 Großmufti von Jerusalem und ab 1940 bei Hitler im Asyl in Berlin. Für seinen Judenhass waren die "Protokolle" eine Offenbarung. Er transportierte die NS-Ideologie erfolgreich in die arabische Welt – und berief sich dabei immer wieder auf die angeblichen "Protokolle" einer jüdischen Weltverschwörung.
Artikel 32 der Hamas-Charta nimmt bis heute ausdrücklich Bezug auf die "Protokolle": Er wirft dem "Weltzionismus" eine Verschwörung gegen die Palästinenser und zur Eroberung der Länder "vom Nil bis zum Euphrat" vor – als Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft: "Ihr Komplott wurde in den Protokollen der Weisen von Zion niedergelegt: Ihr derzeitiges Verhalten ist der beste Beweis für das, was dort gesagt wurde", so die Überzeugung der Hamas.
Erst vor diesem Hintergrund ist das Massaker des 7. Oktobers 2023, der mörderischste Pogrom an Juden seit dem Holocaust, als vermeintlicher "Widerstand" und "Befreiungskampf" der Täter verständlich. Auch die Nationalsozialisten hielten, was sie taten, nicht für ein Menschheitsverbrechen, sondern für Notwehr gegen die vermeintliche Verschwörung des "internationalen Weltjudentums".
Palästinensische Geschichtsbücher für die Schule geben bis heute – finanziert mit EU-Mitteln – die "Protokolle" als glaubwürdige Quelle an. Die 2002 wiedereröffnete "Bibliotheca Alexandrina" in Kairo stellte die arabische Erstausgabe der "Protokolle" unkommentiert als besonderen Bibliotheksschatz aus. Den eigentlichen Skandal löste in Ägypten dann weniger der internationale Protest aus, sondern dass der Direktor das Buch mit der Begründung entfernen ließ, es handle sich um eine "Fiktion aus dem 19. Jahrhundert, um antijüdische Gefühle zu schüren."
Kritisch auseinandergesetzt mit den "Protokollen" haben sich auch im Westen nur wenige Kulturschaffende. Der Comiczeichner Will Eisner (1917-2005) war einer von ihnen, doch seine Graphic Novel "Das Komplott" ist voller historischer Fehler. Umberto Eco (1932-2016) war ein anderer: In seinem Roman "Der Friedhof in Prag" setzt sich Eco mit der Legende auseinander, dass das, was die angeblichen "Protokolle" als Verschwörung verzeichnen, auf dem uralten jüdischen Friedhof in Prag verabredet worden sei.
Es geht um die Frage, wie alte Feindbilder recycelt werden
"Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?", fragte 1961 die Lyrikerin Nelly Sachs (1891-1970) in einem Gedicht. Um eben diese Frage kreist auch Felix Moellers Film "Weltkarriere einer Lüge". Die Antwort, die doch keine ist, liegt im Wahn des Judenhasses, im Antisemitismus, wie er auf geradezu musterhafte Weise in den "Protokollen" zum Ausdruck kommt.
Multitalent Felix Moeller, Sohn der Filmemacherin Margarethe von Trotta, ist Dokumentarfilmer, Schauspieler und promovierter Historiker. "Weltkarriere einer Lüge" ist gewissermaßen die inhaltliche Fortsetzung seines letzten Projekts "Jud Süß 2.0: Vom NS- zum Online-Antisemitismus" (2022). Auch darin ging es um die Frage, wie alte Feindbilder recycelt werden. Welche Rolle Verschwörungsideologien dabei spielen, sei dabei aber zu kurz gekommen, sagt Moeller.
Ein Film über die "Protokolle der Weisen von Zion" steht vor der Frage, wie viel von dem Gift, um das es geht, er selbst reproduzieren will. Felix Moellers Film ist da wohltuend zurückhaltend, aber ausreichend deutlich. Man kann und will sich trotzdem kaum ausmalen, welche Möglichkeiten die von KI geprägte Zukunft für den Antisemitismus mit sich bringt. Dem Geist der "Protokolle" steht heute die algorithmisch getriebene Vervielfältigung der Gerüchte über "die Juden" zur Verfügung. Wie erfolgreich sich dieser Geist auf TikTok und in den anderen sozialen Medien verbreitet in Gestalt von monströsen Aktualisierungen der Bildsprache des Judenhasses, lässt gerade vor dem Hintergrund des jüngsten Gazakriegs Schlimmes ahnen.
Die Doku führt die Zuschauer durch die wichtigsten Fragen rund um die "Protokolle"
Moeller verwendet in seinem Film selbst teilweise KI-Animationen zur Illustration. Aus der Nummer komme man heute nicht mehr heraus, ist er überzeugt, wolle man jüngere Zuschauer bei der Stange halten. In seinem Film kommen renommierte Experten zu Wort: der Historiker und Slawist Michael Hagemeister, der Politikwissenschaftler Jakob Baier (Universität Bielefeld), die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin), der französische Journalist Rudy Reichstadt von Conspiracy Watch sowie Hanna Veiler vom Vorstand der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Trotz der vielen "Talking Heads" ist Moeller eine fesselnde Doku gelungen.
Sie führt die Zuschauer durch die wichtigsten Fragen rund um die "Protokolle". Und lässt sie schier verzweifeln am gigantischen Erfolg dieser "Weltkarriere". Erkennt man das Wahnhafte des Antisemitismus, begreift man, dass seine Opfer tun können, was immer man sich vorstellen kann – sie können diesem Wahn nicht entgehen. Jedes Argument, das den Wahn bedroht, dient diesem zur Bestätigung seiner selbst, auch das zeigt die Geschichte der ungebrochenen Wirksamkeit der "Protokolle".
Unter den Nazis war man sich übrigens nicht einig, was es mit den "Protokollen" auf sich hatte. Hitler war von ihrer Authentizität felsenfest überzeugt. Goebbels zweifelte. Einigen konnte man sich auf die "innere Wahrheit" dessen, was die "Protokolle" behaupten. Diese Zirkelschluss-Projektion, man müsse sich ja nur in der Welt umsehen, dann sei die Wahrheit über die Juden erkennbar, man findet sie bei Faschisten und Sozialisten, bei Rechten und Linken, Christen und Muslimen. Judenhass verrät viel über seine Vertreter – aber nichts über seinen Gegenstand.
Über Hiphop und Popmusik erreichen antisemitische Verschwörungserzählungen ein Millionenpublikum
Von den "Protokollen" zumindest mitgeformte antisemitische Verschwörungsvorstellungen prägen das Denken des Tech-Milliardärs Elon Musk, wenn er hinter dem philantropischen Milliardärskollegen George Soros eine ("liberale", "zersetzende", "antinationale") Weltverschwörung wittert. New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani sieht hinter Polizeigewalt in den USA die israelische Armee am Werk. Und auch über Hiphop und Popmusik erreichen antisemitische Verschwörungserzählungen ein Millionenpublikum: Soul-Popper Xavier Naidoo ist ebenso in diesen Kaninchenbau hinabgestiegen wie US-Rapper Kanye West.
"Lern die verbotenen Schriften kennen, und du weißt, was war", raunt der deutsche Rapper "Kollegah" in seinem Song "Apokalypse": "Ich las den Geheimvertrag, den sonst keiner sah / Den man im engsten Kreis verbarg und nur dort weitergab." Kollegah heißt mit bürgerlichem Namen Felix Blume und ist zum Islam konvertiert. Im Video zu seinem Song ("Doch jetzt sieht man die Gefahr, von Palästina bis Katar / Was geschrieben stand, ist wahr, im Talmud, im Qur’an") lässt er keinen Zweifel, wen er meint: Ein finsterer Strippenzieher trägt den Davidstern als Ring. Und eine Illustration – eine Teufelsgestalt mit nackten Brüsten – hat es von der ältesten russischen Ausgabe der "Protokolle" bis in das Rap-Video aus dem Jahr 2016 geschafft.
Filmtipp
Weltkarriere einer Lüge. Die Protokolle der Weisen von Zion.
Buch & Regie: Felix Moeller.
Im Kino in einer Langfassung ab dem 4. Dezember; die 52-minütige TV-Fassung ist Anfang 2026 auf arte zu sehen.