Am Anfang stand eine Begegnung auf einer Party. Carsten Brall, Vorsitzender des Trägervereins des Bayreuther Kinder- und Spatzenchors an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik, traf die Autorin Hanna Schott, deren Kinderbuch „Fritzi war dabei“ längst weit über die Buchseiten hinaus bekannt ist. Aus dem Stoff wurde ein Kinofilm, später eine Serie. Irgendwann stand die Frage im Raum: Wäre diese Geschichte nicht auch etwas für ein Kindermusical?
Am 20. Juni 2026 gibt es darauf eine Antwort. Dann wird "Fritzi war dabei" als eigens komponiertes Musical im Zentrum Bayreuth uraufgeführt. Eine Produktion, die in mehrfacher Hinsicht größer ist als ein gewöhnliches Chorprojekt – nicht nur, weil rund 60 Kinder und Jugendliche beteiligt sind, sondern weil sie dieses Musical nicht einfach einstudiert haben. Sie haben daran mitgedacht, mitgeredet, und an zentralen Stellen selbst komponiert.
Beteiligung statt Bravheit
Chorleiterin Magdalena Kilian arbeitet mit den Kinder bereits seit Sommer 2025 mit dem Stoff. Sie lasen das Buch, diskutierten Figuren, Gefühle und Beziehungen, und überlegten gemeinsam, welche Charaktere ein Musical überhaupt braucht. Aus diesen Überlegungen entwickelte Konstanze Ebel das Libretto. Dann ging es an die Musik: Die Kinder kommentierten Liedtexte, sprachen über Melodien, Tempo und Atmosphäre, manche schickten sogar Audioaufnahmen mit eigenen Ideen ein.
"Das hat natürlich mehr Zeit gebraucht, als wenn ich als Einzelperson sage: Ich schreibe da jetzt einfach mal was", sagt Kilian. Aber genau darin liegt der besondere Charakter dieses Projekts. Die Kinder wurden nicht pro forma beteiligt. Ihre Fragen, Zweifel und Einfälle sind im fertigen Stück erkennbar geblieben.
Dazu kommt, dass die Jugendlichen ab zehn Jahren einen Song vollständig selbst komponiert. Kilian erzählt, dass ein Liedtext vorlag, zu dem noch keine Melodie feststand. Also fragte sie spontan, ob die Jugendlichen das nicht allein versuchen wollten. Sie arbeiteten in kleinen Gruppen, entwickelten Melodievorschläge und konnten sich am Ende zwischen zwei nicht entscheiden – weil beide gut waren. Also blieben beide, und aus zwei konkurrierenden Ideen wurde eine Zweistimmigkeit.
Für Kilian war das ein Schlüsselmoment: "Die Kinder merkten, dass es nicht immer nur um richtig oder falsch geht. Manchmal passen zwei Ideen zusammen, weil alle am selben Gedanken arbeiten."
Der Stoff und seine Reichweite
Die Geschichte von "Fritzi war dabei" spielt im Herbst 1989. Erzählt wird die friedliche Revolution aus der Perspektive eines achtjährigen Mädchens. Fritzi erlebt die Veränderungen in der DDR nicht als historisches Großereignis, sondern als Kind: durch das plötzliche Verschwinden einer Freundin, durch Angst, durch Unverständnis – und schließlich durch die Nacht, in der alles anders wird.
Dass diese Zeit für die heutigen Kinder keine eigene Erinnerung ist, wurde in den Proben nicht zum Problem, sondern zum Gesprächsanlass. Viele merkten, dass Eltern oder Großeltern die Wende selbst als Kinder erlebt hatten. Beim Abendessen tauchten plötzlich Fragen auf: Was ist Sozialismus? Warum gab es eine Mauer? Was bedeutet es, wenn man einfach nicht ausreisen darf? Das Musical wanderte aus dem Probenraum in die Familien.
Kilian erzählt von Momenten in den Proben, die sie überraschten: sehr junge Kinder, die beim Nachdenken über die geteilte Familie im Stück plötzlich sagten, sie seien froh, ihre Oma einfach besuchen zu können. Nicht als geübte Antwort – sondern als echtes Begreifen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Brall ergänzt eine historische Dimension, die gerade nach Bayreuth passt: Die friedliche Revolution ist ohne die Kirchen kaum zu erzählen. Die Montagsgebete in Leipzig waren eine Keimzelle der Demonstrationen. Im Musical kommt dieser kirchliche Raum vor – und Brall zitiert einen Satz eines DDR-Spitzenpolitikers, der ihm wichtig ist: "Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten."
Struktur und Aufwand
Auf der Bühne stehen ausschließlich Kinder und Jugendliche. Erwachsene wirken in der Band mit oder helfen hinter den Kulissen. Die Hauptrolle ist doppelt besetzt: zwei Mädchen, beide zehn Jahre alt, spielen abwechselnd die Fritzi. Das entlastet die Kinder und gibt zwei Sängerinnen gleichermaßen die Chance, in die Rolle hineinzuwachsen.
Die Struktur des Chors selbst spielt dabei eine tragende Rolle. Die Jüngsten singen bei den Spatzen, es folgen Kinderchor und Jugendchor. Für das Musical werden die Gruppen an Workshoptagen zusammengeführt, auch auf der Bühne im Zentrum. Die Älteren helfen den Jüngeren, die Jüngeren schauen zu den Älteren auf. "Das Miteinander macht Chorsingen aus. Es ist kein Chor, wenn ich nur alleine singe", sagt Kilian.
Der Aufwand ist beträchtlich. Musik, Arrangement und Libretto entstanden in enger Beteiligten Zusammenarbeit von Ebel (Libretto), Kilian (Liedmelodien) und Christian Mietke (Bandarrangement). Jetzt, kurz vor der Aufführung, kommen Eltern hinzu, die bei Bühnenbild, Requisiten, Kostümen und Organisation mithelfen. Gerade bei den Kostümen liegt ein besonderer Reiz: Es geht nicht um eine Fantasiewelt, sondern um die späten 1980er Jahre. Manche Familien haben noch Kleidungsstücke aus dieser Zeit – auch das macht das Projekt persönlich.
Regionale Verankerung
Brall findet, dass dieses Stück besonders gut nach Bayreuth und Oberfranken passt. Die Region lag im Westen, aber die Grenze war nicht weit. Viele Menschen hier haben noch eigene Erinnerungen an 1989. Nach der Aufführung ist deshalb ein Ausflug nach Mödlareuth geplant – das sogenannte "kleine Berlin", das einst geteilt war und heute ein Gedenkort ist. Dort sollen die Kinder sehen, was Teilung konkret bedeutete.
Dass Brall nicht nur als Vereinsvorsitzender beteiligt ist, sondern auch als Vater dreier Kinder, die selbst im Chor singen, gibt dem Projekt eine zusätzliche persönliche Dimension. Seine Familie hat deutsch-deutsche Bezüge; die Kinder kannten Teile dieser Geschichte bereits von zu Hause.
Restkarten gibt es noch
Zwei Schulaufführungen sind bereits ausverkauft. Für die öffentliche Vorstellung am 20. Juni 2026 um 16 Uhr im Zentrum Bayreuth gibt es noch Restkarten. Die Schirmherrschaft haben Regionalbischöfin Berthild Sachs und Regierungspräsident Florian Luderschmid übernommen. Hauptförderer ist der Bayerische Kulturfonds. Eine Crowdfunding-Kampagne des Fördervereins brachte Anfang 2026 über 5.000 Euro zusammen – das Geld fließt unter anderem in professionelle Headset-Mikrofone, die bei der Premiere erstmals eingesetzt werden.