Wenn Leonhard F. Seidl schreibt, dann betreibt er Aufklärung zur Menschlichkeit mit literarischen Mitteln – ob das in gesellschaftspolitischen Historien- oder Gegenwartsromanen geschieht oder in eindringlichen Naturbetrachtungen.

Seidl recherchiert er schon einmal im Kloster, begibt sich wochenlang in die Waldeinsamkeit oder spricht bei Schul-Projekten mit Jugendlichen offen über die eigene anarchistische Jugend und über Möglichkeiten des gewaltlosen Widerstands. Seine jüngsten Ausflüge in die essayistisch-reflexive Gattung des "Nature Writing" – gefördert durch Stipendien in Nationalparks wie Thayatal oder Bayerischer Wald – schlagen eine kontemplativere, aber nicht weniger politische Tonlage an. Hier geht es unterschwellig um den Verlust von Landschaft, um den Schutz des Nicht-Menschlichen, um neue Wege des literarischen Zugangs zur ökologischen Situation. Und manchmal auch an das Spirituelle, Göttliche.

"Wenn der Wind durch die Pappeln zieht und die Blätter rauschen, klingt das nach dem Heiligen Geist", beschreibt er eine seiner Assoziationen. Um diese zu erleben, muss er nur fünf Minuten aus seiner Wohnung in der Fürther Innenstadt hinaus in den "Wiesengrund". Und nicht gleich auf eine Burg wie die in Abenberg, wo er 2020 als "Turmschreiber" weilte, oder in ein Kloster wie das in Frauenzell, wo Seidl während einer mehrwöchigen Schreibklausur auch über Glaube und Spiritualität in der Literatur und die "Intimität zwischen Gott und Mensch" reflektierte.

Heilende Selbstfürsorge

Literatur zu schaffen ist für Seidl nicht nur eine Frage des Geists, sondern auch des Körpers. Seine mehrwöchige Erfahrung, während einer Recherche das sechs Kilometer lange Schandtaubertal bei Rothenburg ob der Tauber täglich durchschritten zu haben, "selbst, wenn mir die Kraft zu fehlen schien", macht seinen Text "Das Tal" umso eindringlicher. "Ich suche den Schmerz, um mich zu spüren. Das kann auch heilende Selbstfürsorge sein", sagt er. Manchmal auch, um Trennungsschmerz zu überwinden, wie den von seiner langjährigen Partnerin, den er schonungslos offen in seinem Werk thematisiert.

Zwischendurch aber immer wieder die Momente des Staunens und der Hoffnung – wie der Anblick des Eisvogels, der in einem weiteren Essay genau auf der Flussgrenze zwischen Österreich und der Tschechei immer wieder dahinschießt, als wolle er sagen: "Grenzen gelten einfach nicht." Eine Zeichnung von Katsushika Hokusai ziert den Buchtitel des neuen Werks. Dessen bekanntestes Bild "Die Welle" kann man als Tattoo auf Seidls Körper sehen – neben einem Zen-Kreis, in dem auch die beiden Kinder verewigt sind und – ganz neu – eine Bergkulisse.

Schöne Natur, soziale Härte

Geboren 1976 in München, aufgewachsen in der ländlichen Abgeschiedenheit des Isentals, kommt Seidl früh mit zwei Welten in Berührung: der Stille der Natur und der Härte sozialer Realität. Er arbeitet als Krankenpfleger, studiert Sozialpädagogik, wird später Dozent für kreatives Schreiben. Seit 2016 lebt er in Fürth – eine Stadt, die ihm Heimat geworden ist und literarischer Resonanzraum zugleich.

"Ich will dorthin schauen, wo andere wegsehen", sagt Seidl in einem Interview. Und er tut es. Ob in "Mutterkorn", seinem Romandebüt über einen jungen Neonazi, oder in "Fronten", das die absurde und gefährliche Welt der Reichsbürger ausleuchtet – Seidls Prosa ist ein literarisches Frühwarnsystem. Lange bevor das Thema NSU in den Fokus rückte, hatte er bereits die Erzählung über rechte Gewalt geschrieben, die niemand hören wollte.

Seidl bewegt sich zwischen den Genres. Seine Bücher sind Krimis, sie sind gesellschaftliche Studien, ohne belehrend zu wirken. Stattdessen lässt er seine Figuren in Regionen sprechen, die man zu kennen glaubt – und legt doch etwas darunter frei: Angst, Wut, Herkunft, Geschichte. "Vom Untergang", sein historischer Kriminalroman über das Fürth der Weimarer Republik, verwebt Antisemitismus, Umbruch und Stadtgeschichte zu einem dichten Stück Zeitliteratur. Man merkt dem Text an: Seidl forscht, beobachtet, schreibt nicht aus der Ferne, sondern aus der Nähe – mit dem Blick des Reporters und dem Ohr des Romanciers.

Doch Seidl ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Teil der Literaturszene: Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Mittelfranken, PEN-Mitglied, Mitgestalter regionaler Kulturveranstaltungen. Er organisiert Symposien, hält Workshops in Nationalparks, bringt Schreibende und Lesende zusammen. 2022 erhält er den Kulturpreis der Stadt Fürth. Gewürdigt wird "sein herausragendes literarisches Werk, das sprachlich wie formal überzeugt und gesellschaftliche Verantwortung nicht scheut". Auch der Literaturpreis Isen, mehrere Stipendien und Nominierungen zieren seinen Lebenslauf – doch wichtiger als die Preise ist ihm, dass seine Texte gelesen werden.

Beim "StadtLesen" liest Seidl am 8. August in Fürth im Garten des Bund Naturschutz aus seinem neuesten Band "Beim Anschüren des Eisvogels" von 19 bis 20 Uhr.