Auf Instagram hat ein Video der "Tagesschau" rund um das Thema Religion für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie kein anderes der Seite in den vergangenen vier Wochen. Über 7.500 Mal wurde das Reel, das am Samstag erschien, bereits kommentiert – 2,3 Millionen Male angeschaut und gut 30.000 Mal geliket. Dabei gehen die Meinungen weit auseinander.

Polarisierendes "Tagesschau"-Video auf Instagram

Als Einstieg werden in dem Kurzvideo Fußballer aus der Bundesliga eingeblendet, die die Hände betend zum Himmel recken oder T-Shirts mit Aufschriften wie "I belong to Jesus" tragen. "Sie beten auf dem Platz, danken Gott oder tragen Shirts mit Jesus-Aufschrift: Manche Fußballprofis leben ihren Glauben ganz offen", beginnt Moderatorin Amelie Marie Weber dann ihren Text. Einige gingen sogar an Schulen und redeten dort mit Jugendlichen über ihren Glauben. Dies sei auf den ersten Blick vielleicht harmlos, doch:

"Kritikerinnen und Kritiker sagen aber: Achtung, in manchen Fällen könnte dahinter auch gezielte Missionsarbeit stecken."

Dies sei vor allem im Evangelikalismus "ganz typisch". Anschließend wird Evangelikalismus kurz als "größtenteils konservative, protestantische Strömung innerhalb des Christentums" eingeordnet, deren Hauptziel es unter anderem sei, andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen.

Anschließend geht Weber im Instagram-Video auf eine Recherche der sogenannten ARD-faktenfinder ein, einem Format des Öffentlich-Rechtlichen Senders, das laut Webseite Falschmeldungen widerlegen, Hintergründe erklären und zum Nachdenken anregen möchte – basierend auf Fakten.

Kritik an Fußballern

Ergebnis der Recherche sei, dass einige Gruppen, mit denen diese Fußballer kooperierten, ein ultrakonservatives Weltbild verbreiteten: "Sie lehnen zum Beispiel Homosexualität ab, stellen Frauen unter Männer oder machen Angst vor der Hölle." Die Gefahr, dass gerade junge Menschen davon beeinflusst würden, sei vorhanden, da die prominenten Fußballer diese Werte in alle Bereiche tragen würden.

Auch den Deutschen Fußball-Bund befragten die ARD-faktenfinder – der antwortete schriftlich: "Man verurteile jegliche Form von Hass, Diskriminierung und persönlichen Angriffen. Gleichzeitig respektiere man die persönlichen Überzeugungen der Spielerinnen und Spieler."

Damit endet das kurze Video. Zwischendurch werden noch die Instagram-Accounts von einer Organisation namens "Ballers in God" eingeblendet und dem des BVB-Spielers Felix Nmecha, der auf dem gezeigten Foto ein "I belong to Jesus"-Shirt trägt.

Fokus auf Evangelikalismus

Als sich unter dem Reel auch kritische Kommentare häuften, schob die "Tagesschau"außerdem noch eine Einordnung hinterher: "Beim Evangelikalismus handelt es sich um eine Strömung innerhalb des Christentums. Kritik am Evangelikalismus richtet sich daher nicht gegen den christlichen Glauben an sich, sondern bezieht sich auf spezifische ultrakonservative Ausprägungen."

Reaktionen auf Instagram

Damit greift die Seite einen der Hauptkritikpunkte auf, der vielfach geäußert wurde, unter anderem von Online-Pfarrer Nicolai Opifanti, der mit seinem eigenen Instagram-Kanal "Pfarrer aus Plastik" aktiv ist:

"Ich finde es Mega schade, dass das jetzt durch den Kakao gezogen werden muss. Viele Fußballerinnen und Fußballer finden in ihrem Glauben halt und Kraft für ihren Job, der ja auch aufgrund der krassen Öffentlichkeit echt an die Nieren geht. Natürlich bin ich da als Pfarrer nicht objektiv, aber ich folge vielen Fußballern die Christen sind und bei den meisten sehe ich einfach nur wie gut ihnen der Glaube tut und wie es sie als Menschen nach vorne bringt. Natürlich gibt es immer auch Extreme, und niemand muss das ja für sich selbst auch so machen, aber ehrlich, ein Fußballer, der dank dem Glauben liebevoller mit sich und anderen umgehen kann ist mir echt lieber als einer der aufgrund des Drucks die ganze Zeit am Explodieren ist und sich andere Druckventile suchen muss."

Zahlreiche Kommentator*innen fühlen sich durch die Berichterstattung vor den Kopf gestoßen und als Christi*innen in einen Topf geworfen, machen sich teilweise auch über die Berichterstattung der ARD lustig à la: "Achja, die religiös-neutrale Berichterstattung des Rundfunks, liebe es". Immer wieder wird kommentiert, dass Deutschland doch ein christliches Land sei, Hunderte weitere schreiben einfach: "Jesus is King".

Nicolai Opifanti, Johannes Hartl, Nico Buschmann

Unter den Kritiker*innen ist auch der bekannte katholische Theologe Johannes Hartl, Gründer des Gebetshaus Augsburg, einer Initiative aus der charismatischen Bewegung, dem selbst immer wieder vorgeworfen wird, komplexe Zusammenhänge zu stark zu vereinfachen, teilweise populistisch zu agieren – insbesondere bei Themen wie Homosexualität oder der Rolle der Frau. Er schrieb unter das Reel:

"Schock! Christen, die also echt anderen von ihrem Glauben erzählen! Da muss dringend der ARD-Faktencheck nachforschen. Was für ein peinlicher Beitrag."

Seine Aussage findet überwiegend Zustimmung, allerdings wird auch differenziert, so schreibt eine Nutzerin: "Ich finde den Bericht auch einseitig. Allerdings sollten wir Christen auch selbstkritisch sein, wo wir Menschen ausgrenzen und glaube politisch instrumentalisiert wird."

"Gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen und Identitären"

Auch der evangelische Pfarrer Nico Buschmann aus Köln, auf Instagram als "einschpunk" bekannt, stützt den warnenden Ton der "Tagesschau": "Pfarrer hier: Ich merke in den letzten Jahren einen erheblichen Anstieg dieser christlich fundamentalistischen Szene. Die sich, basieren auf ihrem ultrakonservativen Weltbild (welches übrigens nichts mit verantwortlicher und reflektierter Theologie zu tun hat) auch nicht scheuen mit Rechtsradikalen und Identitären gemeinsame Sache zu machen. Dagegen braucht es aufgeklärte und wissenschaftliche Theologie, die diesen brutalen missbrauch biblischer Texte entzaubert und aufklärt."

Entstanden ist das kurze "Tagesschau"-Video auf der Grundlage eines deutlich ausführlicheren Berichts der ARD-faktenfinder. Darin wird unter anderem auch auf BVB- und Nationalspieler Felix Nmecha und dessen problematische Aussagen und Verbindungen eingegangen.

Kommentare

Florian Meier am Mo, 02.06.2025 - 18:52 Link

Einmal wieder viele Buzzwords: Ultrakonservativ - was soll das überhaupt sein und was hat Rechtsradikalismus mit Konservatismus und Evangelikalen zu tun? Das passt keineswegs nahtlos zusammen. Christen die missionieren - oh Schreck? Das klingt alles nach ziemlich viel Popanz. Hochbezahlte Fußballer, die eine etwas kindische Show abziehen sich wild bekreuzigen mit Kettchen behängen und glauben Gott sei eher mit ihnen als dem Gegner gibt es wohl fast so lange wie es Fußball gibt. Ich finde das zwar einerseits etwas kindsköpfig, aber andererseits keineswegs gefährlich. Statt sich hier künstlich aufzuregen, wäre es Aufgabe der Medien durch religiöse und ethische Bildung den Zusehern eine Einordnung solcher Riten und Aussagen zu ermöglichen. Evangelikale und sittenstrenge Katholiken stellen in Deutschland traditionell eher eine kleine Minderheit. Wenn man die Gefahr sieht, dass sich dies ändert, so haben wohl ganz andere ihre Hausaufgaben nicht gemacht.