Als Deniz Undav bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 gegen Curaçao sein erstes Tor schoss, zeigte der deutsche Nationalspieler einige Tanzschritte: Er beugte sich dabei leicht nach vorne und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Für viele Zuschauer:innen wirkte das wie eine spontane Einlage. Tatsächlich handelte es sich dabei um Elemente eines traditionellen kurdisch-jesidischen Tanzes und somit um ein öffentlich sichtbares Bekenntnis zu seinen kulturellen und religiösen Wurzeln.
Im Gegensatz zu manchen anderen Nationalspieler:innen spricht Undav öffentlich kaum über Religion. Demonstrative Glaubensbekenntnisse, Gebete oder andere religiöse Rituale sind von ihm nicht bekannt. Dennoch spielt seine Herkunft als Jeside für sein Selbstverständnis eine wichtige Rolle. Sein Torjubel bei der WM lässt sich somit als bewusster Ausdruck dieser Identität verstehen.
Ein Jubel mit Botschaft
Für die Journalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal, die selbst Kurdin und Jesidin ist, sind Undavs erfolgreiche Auftritte im DFB-Trikot historisch. Undav schreibe "als Kurde und Jeside Fußballgeschichte mit seinen Toren für Deutschland", erklärte sie auf Instagram. Für viele Angehörige der jesidischen Gemeinschaft gehe es dabei um weit mehr als Sport. Undav zeige, dass Menschen ihre Herkunft nicht verleugnen müssten, um Deutschland aus voller Überzeugung zu vertreten.
Der Stürmer des VfB Stuttgart wurde 1996 im niedersächsischen Varel geboren und wuchs in Achim bei Bremen auf. Seine Eltern stammen aus kurdisch-jesidischen Familien. Der Vater stammt aus der türkischen Provinz Şanlıurfa, die Mutter aus Syrien. Bereits sein Großvater wanderte zu einer Zeit nach Deutschland aus, als viele Jesiden aufgrund von Diskriminierung und politischem Druck ihre Heimat verließen.
Undavs Aufstieg zum Bundesliga- und inzwischen auch Nationalspieler hat etwas Außergewöhnliches. Während seine Eltern sich in Deutschland etwas aufgebaut hatten, schaffte ihr Sohn erst über Umwege den Sprung in den Profifußball. Vielleicht hat gerade das dazu beigetragen, dass er sich bis heute eine unverstellte, bodenständige Art bewahrt hat, die ihm so viele Sympathien einbringt.
Warum die jesidische Identität so bedeutsam ist
Dass Undavs Herkunft für viele Menschen eine besondere Bedeutung hat, hängt auch mit der Geschichte der Jesiden zusammen. Die religiöse Minderheit wurde über Jahrhunderte hinweg verfolgt. Zuletzt verübte die Terrormiliz IS im Jahr 2014 einen Völkermord an den Jesiden im Nordirak.
Weltweit gibt es schätzungsweise rund eine Million Jesiden. Ihre historischen Siedlungsgebiete liegen vor allem im Nordirak, in Syrien, der Türkei und im Iran. Die größte Diasporagemeinschaft befindet sich heute in Deutschland, wo 150.000 bis 200.000 Jesiden leben.
Das Jesidentum ist eine eigenständige monotheistische Religion mit sehr alten Wurzeln. Nach jesidischem Verständnis kann man dieser Glaubensgemeinschaft nur durch Geburt angehören. Beide Eltern müssen jesidisch sein, ein Übertritt ist nicht möglich. Viele Jesid:innen verstehen sich zugleich als Kurd:innen, andere betonen eine eigenständige Identität.
Zwischen Sichtbarkeit und Anfeindungen
Vor diesem Hintergrund erhielt Undavs Torjubel eine besondere Symbolkraft. Seine Tore bedeuten auch Sichtbarkeit für eine Minderheit, deren Geschichte von Verfolgung, Flucht und dem Wunsch nach Anerkennung geprägt ist. Doch diese Sichtbarkeit gefällt nicht allen. Immer wieder wurde Undav wegen seiner Herkunft angefeindet. Besonders nach einem Europa-League-Spiel des VfB Stuttgart bei Fenerbahçe Istanbul wurde er Ziel rassistischer Beschimpfungen. Laut Berichten kamen die Anfeindungen vor allem aus ultranationalistischen Kreisen. Auch die als rechtsextrem eingestuften "Grauen Wölfe" attackierten ihn in den sozialen Netzwerken.
Bereits zuvor hatte Undav öffentlich betont, dass er Kurde ist. Seine Entscheidung, für die deutsche statt für die türkische Nationalmannschaft zu spielen, machte ihn in Teilen der türkischen Öffentlichkeit zur Reizfigur. Beobachter:innen sprechen von antikurdischen und antijesidischen Ressentiments, die sich immer wieder gegen den Nationalspieler richten.
Umso bemerkenswerter war der Moment bei der WM, als sein Teamkollege Antonio Rüdiger sich dem Tanz spontan anschloss. Rüdiger, ein praktizierender Muslim, und Undav, ein Jeside, wurden zu einem Symbol dafür, wie unterschiedliche religiöse und kulturelle Identitäten selbstverständlich miteinander bestehen können – im Fußball wie im Alltag.