15.05.2020
Gastbeitrag

Besuchsverbot in Pflege- und Altenheimen: Bitte kein Überbietungswettbewerb bei den Erleichterungen!

Zum Muttertagswochenende ist das seit Anfang März geltende Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen, das in der Corona-Krise zum Schutz der Senioren beschlossen wurde, gelockert worden. Pädagoge Jan Steinbach, der das Evangelische Pflegezentrum "Lore-Malsch" im Südosten von München leitet, fühlte sich von der Politik überrumpelt. Ein Gastbeitrag.
Begegnung im Lore-Malsch-Haus in München
Im Pflegezentrum Lore-Malsch-Haus in München können sich Bewohner und Besucher dank einer Glaswand trotz Corona-Gefahr wieder treffen.

Der vergangene Dienstag, 12.00 Uhr: Das Leitungsteam des Pflegezentrums sitzt vor dem Fernseher. Dass wir uns Zeit nehmen für die Pressekonferenzen des Ministerpräsidenten ist neu. Aber in Zeiten von Corona ist jedes Wort von Markus Söder wichtig für uns. Denn was er ankündigt, müssen wir konkret umsetzen.

"Wir gehen in Bayern weiterhin einen sehr sicheren Weg", waren seine ersten Worte.

Das klang beruhigend, doch dann folgte die Ankündigung: "Wir werden zum Muttertag wieder unter bestimmten Voraussetzungen Besuche in den Alteneinrichtungen zulassen." In fünf Tagen tritt also bereits eine Lockerung des Besuchsverbots in Kraft? Unser Team erschrickt. Wir greifen sofort nach den Dienstplänen und unseren Privatkalendern: Denn mit der an Wochenenden üblichen einen Person an der Rezeption können wir eine verantwortungsvolle Umsetzung dieser Lockerung nie und nimmer gewährleisten.

Also müssen wir jetzt schnell Mitarbeitende finden, die Überstunden machen und spontan einspringen.

Neue Besuchsregelung zum Muttertag

Letztes Jahr gab es am Muttertag mehr als fünfzig Familienbesuche in unserer Einrichtung. Alle konnten natürlich mit ihren Blumen auf die Zimmer oder ins Café gehen. Heuer ist das undenkbar! Fünfzig Menschen, die unbegleitet durch unser Haus laufen? Dass das nicht geht, da sind sich der Ministerpräsident, die Heimaufsicht und unsere Mitarbeitenden einig.

Es gibt gute Gründe, an einem sehr restriktiven Rahmen für Besuche festzuhalten. Doch seit Söders Pressekonferenz steht das Telefon nicht mehr still und viele Angehörige fragen: "Ich habe gehört, dass ich jetzt wieder ins Haus kommen darf?"

Ich habe volles Verständnis, dass Begegnungen möglich sein müssen.

Aber zugleich wünsche ich mir, dass die Pflegezentren die notwendige Zeit bekommen, sich auf die neue Situation einzustellen. Eine Begleitung der Besuche, die den vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen entspricht, erfordert viel mehr Personal als üblicherweise.

Geeignete Räume müssen vorbereitet, die Bewohner dorthin gebracht werden. Konkrete Besuchstermine müssen vereinbart, Mundschutz und Kittel ausgeteilt und der sachgemäße Umgang damit überwacht werden. Mit einer normalen Wochenendbesetzung ist dies alles nicht zu leisten.

Nicht aufs Reagieren beschränken!

Ich erlebe als Einrichtungsleiter während der Coronakrise, dass wir uns als Pflegezentrum nicht aufs Reagieren beschränken können. Wir kommen nur dann gut durch die Krise, wenn wir proaktiv zukünftige Entwicklungen vorwegnehmen. So haben wir zum Beispiel schon einige Tage vor der letzten Pressekonferenz des Ministerpräsidenten damit begonnen, einen "Raum der Begegnung" einzurichten. In diesem Raum gewährleisten eine Plexiglasscheibe und andere Hygienemaßnahmen Besuche ohne Ansteckungsrisiko. 

Wir haben auch schon unmittelbar im Zuge der Schließung des Hauses für Besucher einen Mailservice angeboten. Angehörige können uns Grußbotschaften, Fotos oder Videos schicken, die wir dann den Bewohnern zeigen. Dieses Angebot wird gut angenommen. Zusätzlich haben wir durch regelmäßige Infobriefe Kontakt zu den Angehörigen gehalten und aus dem Haus berichtet. Das alles trägt dazu bei, dass die Angehörigen verständnisvoll, wohlwollend und kooperativ die Maßnahmen mittragen.

Besuchsraum für Begegnungen

Wir sind davon überzeugt, dass der angebotene Besuchsraum für unsere Einrichtung auch für die vor uns liegende Zeit die beste Lösung ist. Hier sind Begegnungen ohne Mundschutz und Schutzkittel möglich.

An dem Tag, als der Raum in Betrieb genommen wurde, habe ich sowohl die Bewohner als auch die sie besuchenden Angehörigen nach ihren Erfahrungen gefragt. Unsere Bewohnerin Frau Heilmeier war spürbar berührt, dass sie endlich ihre Tochter und ihre Enkelin wiedersehen konnte.

Und die beiden Damen erklärten am Ausgang: "Wir verstehen, dass nicht gleich wieder jeder durchs Haus ins Zimmer laufen kann. Und wir sind froh, dass wir uns unvermummt sehen konnten."

Gemeinsam das rechte Maß finden

Ich nehme wahr, dass viele Menschen bereit sind, an verantwortungsvollen Lösungen mitzuarbeiten. Jetzt geht es darum, dass wir gemeinsam das richtige Maß zwischen Öffnung und Schutz unserer Bewohner finden. Dabei muss die Politik auch mitbedenken, dass die Alteneinrichtungen Zeit und Ressourcen brauchen, um das verantwortungsvoll umzusetzen, was an Lockerungen möglich ist. 

Ein Überbietungswettbewerb bei den Erleichterungen und eine Überforderung der Einrichtungen könnten den gemeinsamen Erfolg schnell gefährden - bitte nicht!

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sterbebegleitung in Zeiten des Coronavirus

Trauer
Seit Wochen geht es in Deutschland ums Überleben. Doch gestorben wird trotzdem: an Krebs, Herzinfarkt, Alterschwäche; in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Hospizen. Wer begleitet die Sterbenden in Zeiten von Corona?

Besuchsverbot wegen Coronavirus

Seniorin Hände Stock Pflege
Autor
Nach dem mehrwöchigen Besuchsverbot in Altenheimen können die hochbetagten Bewohner des Evangelischen Pflegezentrums Lore-Malsch der Inneren Mission München jetzt wieder ihre Angehörigen treffen - danke einer cleveren Idee der Betreiber.

Corona-Krise

Crossmedia Mi, 29.04.2020 - 15:58
Michael Bammessel Diakoniepräsident Bayern
Statt Covid-19-Tests für Profi-Fußballer fordert der bayerische Diakonie-Präsident Michael Bammessel Tests für Beschäftigte und Bewohner in sozialen Einrichtungen. Was er zudem von den Krankenkassen erwartet.

Hilfsbereitschaft während Corona-Pandemie

Monika Biehmelt ist examinierte Altenpflegerin und arbeitet für einen mobilen Pflegedienst. Als ihr vor einigen Tagen klar wurde, dass die Mundschutze ihrer Station in Corona-Zeiten unter Umständen nicht mehr lange reichen würden, kam ihre eine kreative Idee – und sie wurde selbst aktiv.