Kommentar
Noch vor ein paar Wochen kämpften Pflegekräfte, Lkw-Fahrer und Kassiererinnen um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Ansehen. Seit der Corona-Krise sind sie plötzlich Helden. Wie länge hält das an und verbessert sich nun was für sie? Ein Kommentar von Susanne Schröder.
Lkw-Fahrer

Es sind merkwürdige Zeiten. Wer noch vor sechs Wochen prophezeit hätte, dass 1.) die Bundeskanzlerin in einer Fernsehansprache Kassiererinnen rühmt, dass sich 2.) der Bundesverkehrsminister zum Schutzpatron der Brummifahrer aufschwingt und dass 3.) Bayerns Innenminister die Regeln zur Arbeitserlaubnis von Asylbewerbern lockert, der wäre als Träumer verlacht worden.

Doch das Coronavirus stellt Deutschland – und fast jeden anderen Staat – auf den Kopf, sodass alte Gewissheiten wie Kleingeld aus den Taschen purzeln.

Unverzichtbar sind, das hat die Krise gezeigt, Berufe mit geringem Einkommen oder Prestige: Pflegekräfte, Ärzte, Landwirte, Lkw-Fahrer, Kassiererinnen, Polizisten, Lokführer, Müllmänner.

Jene, die laut Bundeskanzlerin "den Laden am Laufen halten". Finanzminister Olaf Scholz regte deshalb an, dass in diesen Berufen nach der Krise "auch bessere Löhne gezahlt werden".

Die Leidenschaft der Mitarbeitenden

Diesen Satz werden sich vor allem Pflegekräfte gut merken. Sie gehen seit Jahren für mehr Personal und höhere Löhne auf die Straße – mit überschaubarem Erfolg.

Doch auch das zeigt die Krise: Ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheitswesen hat als Puffer nur noch die Leidenschaft der Mitarbeitenden. Wenn die selber erkranken, fehlt die zweite Reihe.

Neue Helden sind auch die Lkw-Fahrer, ohne die jeder Warennachschub zum Erliegen käme. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer macht für sie, die wegen Corona statt neun Stunden täglich bis zu elf Stunden hinterm Steuer sitzen, die Brust breit: Er werde es nicht mehr akzeptieren, dass Lkw-Fahrer "teilweise echt schlecht behandelt" würden.

Saubere Sanitäreinrichtungen, Möglichkeiten zum Ausruhen, kostenfreie Verpflegung? Über solche neuen Standards würden sich Berufskraftfahrer sicher auch nach Corona freuen.

180-Grad-Wende des bayerischen Innenministers

Und dann ist da noch die Sache mit Spargel & Co. Rund 300 000 Erntehelfer, vorwiegend aus Osteuropa, sorgen laut Bauernverband jedes Jahr dafür, dass in Deutschland die Äcker bestellt und abgeerntet werden. Jetzt sind die Grenzen dicht.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wies deshalb die Ausländerbehörden an, "Asylbewerbern eine Erntehelfertätigkeit nach Möglichkeit ab sofort zu erlauben".

Der Bayerische Flüchtlingsrat sieht in dieser 180-Grad-Wende "eine ungeheuerliche opportunistische Ausbeutung". Denn Geflüchtete könnten – und wollen sehr häufig – auch ohne Viruskrise einen Beitrag zum Funktionieren ihres Gastlandes leisten.

Die Krise zeigt, was geht. Man kann nur hoffen, dass jemand all diese merk-würdigen Erfahrungen notiert – für die Zeit nach Corona, wenn manche vielleicht nur noch ungern an ihre Worte erinnert werden.

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