Kommentar
Momentan ist es nicht gerade rosig um die evangelische Kirche in Bayern bestellt. Sparen heißt das Zauberwort. Zu viele und zu große Gebäude für immer weniger evangelische Christen. Eine Möglichkeit, der Entwicklung zu begegnen, ist die kirchliche Nachnutzung, kommentiert Redakteur Micha Götz.

Hautnah konnte man am vergangenen Sonntag in Coburg miterleben, was es heißt, ein Gebäude aufzugeben. Das Gemeindezentrum mit der integrierten Kirche St. Lukas war ein letztes Mal gefüllt, als Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigte.

1969 bei der Einweihung herrschten noch andere Zeiten. Der Landesbischof erinnerte sich, dass damals manch ein Enkel in der Kirche bleiben musste, aus Angst, sonst das Erbe der Oma zu verlieren. 2021 gibt es keinen "Glaubenszwang" mehr.

Kirchliche Nachnutzung: Warum Kirchenräume verwaisen

Auch in Coburg ist nicht zu übersehen, wie die Gemeinden immer älter werden. Woran liegt es, dass es der Kirche einfach nicht gelingen will, junge Leute für eine der coolsten Geschichten überhaupt zu begeistern? Ein Typ, der übers Wasser gehen und Kranke heilen kann! Eigentlich müsste Jesus mit solchen Moves ein Mega-Star und Influencer sein, doch die Wahrheit ist eine andere. Die Bibel gehört nicht mehr zur Lektüre von jungen Menschen. Der Gang in die Kirche ist alles andere als cool.

In den 80er- und 90er-Jahren verschlief man, auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Jungen einzugehen. Sonntagfrüh um 9 Uhr in die Kirche? So verwaist ein Kirchenraum. Die tröstenden Worte des Landesbischofs, das Evangelium hänge nicht an einem Gebäude, kann nur bedingt den Schmerz der vielen Coburger lindern. Viele verlieren vielleicht nur ein Gebäude, aber eines mit vielen Erinnerungen und Geschichten. Manch einer verknüpft ein ganzes christliches Leben mit dem Haus – Taufe, Konfirmation, Hochzeit. Dennoch ist man dankbar, dass es keinen Abriss, sondern eine Nachnutzung gibt. In der Kirche sollen Büros entstehen.

Wie also sieht die kirchliche Nachnutzung aus?

Der Coburger Dekan Stefan Kirchberger vertraute mir nach der Entwidmung an: "Ich habe mir gestern einen Ordner auf meinem Computer angelegt mit dem Titel 'Entwidmung Kirche'. Ich hoffe, es bleibt bei dieser einen Datei." Wie also sieht die kirchliche Nachnutzung aus?

Christen könnten wieder hinausgehen auf die Straßen, in die Schulen, da wo die Menschen sind. Das könnte ein Ansatz sein. Sich nicht mehr hinter Kirchenmauern verstecken, sondern wieder mutig und selbstbewusst das zeigen, was man wirklich hat – den Glauben an Gott und ein offenes Ohr für Probleme, Seelsorge mit Ratschlägen oder einer Schulter zum Anlehnen. Kurz: Influencer zum Anfassen.

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Interview

Christian Frühwald
Christan Frühwald ist 52 Jahre alt, im Erstberuf Pfarrer, im Zweitberuf Unternehmer. Im Interview mit dem Sonntagsblatt spricht er unter anderem darüber, wie er mit seinem unternehmerischen Denken auch wieder Kirchen füllen möchte.

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