30.03.2020
Kommentar

Wie die Corona-Krise Politik entlarvt und Kräfte in den Gemeinden weckt 

Die Corona-Krise treibt manche erstaunliche Blüte: Sie entlarvt Politik(er) und setzt in der Kirche schlummernde Potenziale frei, findet Sonntagsblatt-Redakteur Timo Lechner.
Digitale Vernetzung der Gemeindemitglieder

Deutschland 1945 contra 2020: Vor 75 Jahren wurde "bis zur letzten Patrone" gekämpft, heute "bis zur letzten Rolle". Klopapier ist das weiße Gold des 21. Jahrhunderts. Virologen, Ärzte und Behörden sind jetzt die Autoritäten. Die Merkel-Erben in spe versuchen es zumindest zu sein: Markus Söder mimt den Staatsmann am erfolgreichsten. Seine Beschreibung der Corona-Pandemie als "Charaktertest für unsere Gesellschaft" ist angesichts leer geräumter Regale im Supermarkt absolut zutreffend. Die Kanzlerin dagegen pflegte in ihrer Fernsehansprache weiter Worthülsen und schien kraft- und hilflos. "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst" lautete die Botschaft. Ein "Wir schaffen das" würde man sich eher wünschen. Aber das Wort scheint nach 2015 für alle Zeiten vergiftet.

Als Soforthilfe gerade für von der Krise extrem konfrontierte Berufsgruppen versuchen Politiker derzeit, die richtigen Antworten zu finden. Da werden vor allem Kredite angeboten. Die müssen aber eines Tages bezahlt werden. Menschen, deren Existenz nun bedroht ist, sind nach der Krise fest in den Armen der Banken. Eine unkompliziertere Hilfe wäre wünschenswert. Schön wäre es, wenn für bestimmte Berufsgruppen jetzt eine neue Wertschätzung sich in den Köpfen verankert. Allen voran die, die trotz Krise weiter machen, weil sie plötzlich als "systemrelevant" gelten. Und das sind neben den Arbeitskräften in den Arztpraxen, Krankenhäusern oder Pflegeheimen derzeit auch vom Kassenpersonal bis zum Kraftfahrer alle, die sich um die Versorgung kümmern. Ein Held, wer im Supermarkt die Regale einräumt? Vor wenigen Wochen noch undenkbar.

Systemrelevanz

Auch anderswo macht die Politik keine allzu gute Figur. So entbehrt es nicht einem Schuss bitterer Ironie, wenn Politiker, die monatelang eine Pandemie-Gefahr nicht ernst nehmen, Bürger nun maßregeln, die Verbote deswegen nicht ernst nehmen. Am Kommunalwahlsonntag, 15. März, sollten die Bayern noch brav alle zur Urne schreiten. Auch die vielen Wahlhelfer kamen in Kontakt mit zig potenziellen Virenträgern. Doch sowohl Wähler als auch Auszähler scheinen weniger systemrelevant zu sein als die Volksvertreter. In vielen bayerischen Städten fanden am 29. März Stichwahlen statt – per Briefwahl. Geht anscheinend doch.

Dabei müssen wir uns immer wieder klar machen: Das Virus ist in erster Linie der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen könnte - nämlich wenn die Krankenhäuser überfordert sind und keine Betten mehr für Unfallopfer oder Herzinfarktpatienten haben, weil diese mit coronainfizierten Menschen belegt sind. Das kaputt gesparte Gesundheitssystem geht in die Knie und offenbart die Abhängigkeit des gesamten europäischen Marktes von China. Eine erste Lehre, die wir aus der Krise ziehen müssen ist, dass unser unbändiger Konsum und unsere Freiheit in vielen Lebensbereichen Spitz auf Knopf stehen und das Kartenhaus zusammenbricht, wenn der ferne Osten hustet.

Glaube rückt in den Fokus

In Krisenzeiten sind die Kirchen, ist der Glaube wieder in den Fokus gerückt. Gerade schweigen alle modernen heilsversprechenden Stimmen von Greta bis zur AfD. Eine riesen Chance für die Kirche, weil die gute, zeitlose Botschaft Trost spendet und ein Lichtblick in dunklen Zeiten ist. "Vielleicht kann uns das viel bewusster leben lassen und viel bewusster wahrnehmen lassen, wie kostbar bestimmte Dinge sind", beschrieb Heinrich Bedford-Strohm das Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Dabei geht es nicht nur darum, wieder schätzen zu lernen, dass es Freizeitangebote gibt oder man reisen kann. Alleine die Erfahrung zu zögern, ob man beim Gratulieren zum Geburtstag jemandem die Hand gibt, oder dass Kinder ihre Großeltern nicht mehr sehen dürfen, um diese vor sich selbst zu schützen, das schneidet tief ein.

Viele Kirchengemeinden werden kreativ bei der Frage, wie sie ihre Mitglieder erreichen. Vielleicht werden die neuen Formen der Ansprache, sei es über soziale Medien oder andere Formen des seelsorgerischen Angebots und der Verkündigung jenseits des sonntäglichen Gottesdiensts, auch Schule machen für die künftige Arbeit. Corona knallt die EKD rein ins digitale Zeitalter.

Und auch wenn man vielleicht in diesen Zeiten als Christ belächelt wird, wenn man sich deutschlandweit auf den Balkon stellt und "Der Mond ist aufgegangen" singt oder ein Windlicht in den Abendstunden vor die Tür stellt: Es ist letztlich die Hoffnung auf die Liebe Gottes, die uns zusammenrücken und vertrauen lässt. Diese kann ein starker Halt sein, auf sie sollten wir uns wieder besinnen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

EKD-Ratsvorsitzender bei "Hart aber fair"

Bedford-Strohm im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses.
Die Talkshow "hart aber fair" wollte am Montagabend die Corona-Krise beleuchten. Eine Landespolitikerin, ein Landrat, ein Theologe, ein Rechtsexperte, ein Virologe und eine Krankenpflegerin kamen zu Wort. Doch am Ende blieb vieles unterbelichtet.

Politik & Ethik

Markus Söder Landessynode Bamberg
Sind die Corona-Beschränkungen vereinbar mit der Liberalität? Um die Maßnahmen ethisch zu spiegeln, will Ministerpräsident Söder ein Monitoring auflegen - unter Beteiligung der ehemaligen Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.
Sonntagsblatt