17. April 2021
Kommentar

Stephan Bergmann: Warum die Kirche bei Reformen bewusst auf alle Mitglieder setzen sollte

Mit dem landeskirchlichen Reformprozess PuK und verschiedenen anderen Projekten möchte die Kirche formal wie inhaltlich neue Räume auch jenseits der gewohnten Gemeindeaktivitäten erschließen. Dabei nicht nur auf bestimmte Gruppen zu setzen, sondern alle Mitglieder im Blick zu haben, wird über die Zukunftsfähigkeit von Kirche mitentscheiden. Ein Kommentar von Stephan Bergmann.

Mal was wagen! Die bayerische Landeskirche hat ein 3-Millionen-Projekt namens MUT für "kirchliche Start-ups" zur Erprobung neuer Glaubenszugänge kreiert. Formal wie inhaltlich neue Räume auch jenseits der gewohnten Gemeindeaktivitäten zu erschließen, entspricht ja durchaus dem landeskirchlichen Reformprozess PuK.

Mit Blick darauf sollte es freilich nicht nur bei mehr Gestaltungsfreiheit vor Ort und der Vernetzung mit den Angeboten anderer Kirchengemeinden oder der vielgepriesenen Digitalisierungsoffensive bleiben.

Berührungsangst zwischen Kirche und Diakonie überwinden

Das Evangelium als Frohe Botschaft über die Gemeindegrenzen hinauszubringen und dabei soziale Milieuschranken und Sprachbarrieren, aber auch so manche Berührungsangst zwischen Kirche und Diakonie zu überwinden, ja, sogar neue zivilgesellschaftliche Bündnisse zu schmieden: Das wird über die Zukunftsfähigkeit von Kirche mitentscheiden.

Diese sollte eben nicht wie eine Thermoskanne sein, die nur nach innen wärmt (Heinz Zahrnt). Viel zu viele Kirchenmitglieder haben immer noch eine gehörige Schwellenangst, wenn sie etwa an ihre Gemeinde mit deren eingefahrenen "Kreisen" denken. Und manche Gemeindeglieder wiederum wollen am liebsten alles beim Alten lassen.

Das Neue wagen, ohne das Alte sein zu lassen: diesen Spagat muss die Kirche zwangsläufig schaffen.

Genauso wie eine sorgsamere Mitgliederpflege gerade auch für ihre treuen, aber oft gemeindedistanzierten Kirchensteuerzahler. Diese lassen sich nicht zuletzt durch glaubhaftes Engagement für das christliche Menschenbild zum Verbleib in der Kirche motivieren: Diakonie und Kasualien sind hier wichtige "Werbeträger".

Leichter haben es Kirche und Diakonie mit ihren zusammen fast 200.000 Ehrenamtlichen, die in der Mehrzahl als gläubige Christen Wort und Tat zusammenbringen und selbst jetzt in der Corona-Krise viele Hilfs- und Seelsorgeprojekte am Laufen halten. Nachhaltig Trost spenden und Mut machen, die Liebe und Barmherzigkeit Gottes an die Menschen weitergeben, das beinhaltet gelebter Glaube.

Von der Hospizbegleitung über die Flüchtlingshilfe bis hin zur digitalen Gottesdienstgestaltung: Die Ehrenamtlichen sind ein unverzichtbarer Aktivposten für Kirche und Diakonie. Diese als "Botschafter des Evangeliums" auch nach dem pandemiebedingten Ausfall vieler Projekte weiter zu motivieren, ja sogar noch mehr engagierte Menschen zu gewinnen, sollte zu den vordringlichen Aufgaben der Kirche gehören.

Ebenso übrigens wie der Appell an ihre Mitglieder, auch unter Arbeitskollegen und Freunden zu ihrem Glauben zu stehen und entsprechend zu handeln. Christen mit Vorbildfunktion und Bekennermut auch im Alltag sind für die Kirche überlebenswichtig.

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MUT

Autor
Drei Millionen Euro in drei Jahren, um "kirchliche Startups" zu fördern und Kirche und Glaube in lebendigen Formen zu erproben: Mit dem Projekt MUT will die bayerische evangelische Landeskirche Initiativen fördern, die mutige Schritte gehen, Menschen einen neuen Zugang zur Liebe Gottes zu ermöglichen. Die drei Buchstaben sind Programm: M steht für missional, U steht für unkonventionell, T für Tandem. Projektleiter Michael Wolf erklärt, was sich dahinter verbirgt.
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