8.05.2019
Musik & Glaube

Familiengeschichte Billy Joels: eine fränkisch-jüdische Tragödie

Ob Billy Joel am 9. Mai auch mal ein bisschen an Nürnberg denkt? Der US-amerikanische Megastar wird an diesem Tag 70 Jahre alt. Und auch wenn der in der Bronx aufgewachsene jüdische Sänger, Pianist und Songwriter dann vielleicht eher seine Karriere als seine Familiengeschichte Revue passieren lässt – hat sie Joel nie losgelassen. Die Wurzeln Joels lassen sich bis ins frühe 19. Jahrhundert in Mittelfranken nachweisen. Am Schicksal der Familie spiegelt sich die traurige Geschichte der Juden im frühen 20. Jahrhundert in Deutschland wider. In Nürnberg, Ansbach und Colmberg sind die Spuren der Joels immer noch sichtbar.
Billy Joel
Billy Joel.

Der Nürnberger Journalist und Buchautor Steffen Radlmaier hat die Wurzeln Billy Joels in Nürnberg Mitte der 1990er-Jahre wiederentdeckt. Damals sei er Gerüchten gefolgt, nach denen die Ursprünge der Familie in Franken liegen sollen, erklärt er dem Sonntagsblatt. In der einschlägigen Rock-Presse war bis dahin behauptet worden, die Joels stammen aus dem elsässischen Colmar. Augenscheinlich hatten die Biografen des "Piano Man" aber Colmar mit dem mittelfränkischen Colmberg verwechselt, einem 2000-Einwohner-Ort zwischen Rothenburg und Ansbach. Dort war bereits Urgroßvater Feist Joel (1806-1895), Schneidermeister von Beruf, zu Hause. Radlmaier, der 2017 bei einer Tagung des Regierungsbezirks Mittelfranken auf Burg Colmberg über seine Recherchen zu den Joels referierte, war nach eigenen Worten "geradezu angefixt" von der Idee, dass der Musiker, dessen Langspielplatten sich bei ihm zu Hause stapelten, Verbindungen zur eigenen Heimat habe.

Parallelen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte

In den Archiven fand er auch Spuren zu Feist Joels Sohn Julius, der 1850 in Colmberg geboren wurde, dort ein Haus "Am Markt 12" besaß und 1916 in Ansbach gestorben ist. Der gelernte Schneider hatte die Ansbacherin Sara Schwab geheiratet, das Paar hatte fünf Kinder. Darunter Billys Großvater Karl Amson Joel, der 1889 in Colmberg das Licht der Welt erblickt hatte. Seine Schwester Melitta schlug ebenfalls einen musikalischen Weg ein und arbeitete bis zu ihrer Emigration 1938 als Musikpädagogin. Und Bruder Leon Joel besaß ein Wäschegeschäft in der Nürnberger Straße in Ansbach. Spuren fand Radlmaier auch von einer Ernestine Joel, die in einem Konzentrationslager gestorben ist.

"Das Faszinierende an der Geschichte der Joels ist einmal ihre Beispielhaftigkeit, zum anderen ihre Vielschichtigkeit. Erschreckend sind die Parallelen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte. Tröstlich ist, dass die Joel-Story trotz allem eine Art Happy End hat: Billy Joel ist ein nach wie vor erfolgreicher Weltstar, sein Halbbruder Alexander ein international gefragter Dirigent", erklärt Radlmaier, der seit der ersten Veröffentlichung seines Buchs "Billy & the Joels" in mehreren Lesungen und Konzerten von seinen Recherchen berichtet hat.

Das Restaurant "Cantina" in der Nürnberger Uhlandstraße.
Das Restaurant "Cantina" in der Nürnberger Uhlandstraße. In den 1920er-Jahren wohnten dort Billy Joels Großeltern mit seinem Vater Helmut.

Und die graben sich ab 1927 immer tiefer in die Stadtgeschichte ein, als der als Vertreter arbeitende Jude Karl Amson Joel 1928 nach amerikanischem Vorbild einen Versandhandel für Textilien und Kleidung in Nürnberg eröffnet und in der Uhlandstraße mit der Produktion von Bettwäsche sowie Stoff- und Meterware beginnt. Bald floriert das Geschäft und wird auf mehrere Standorte in der Stadt erweitert. Karl Joel erweist sich als ein echter Pionier, der sich im Lauf weniger Jahre als vom Lande stammender Geschäftsmann in der Stadt Nürnberg hocharbeitet und bald zu den größten Unternehmern seiner Zunft zählt, als er mit seiner kleinen Familie bald ein neues, nobleres Heim in der Sigenastraße 4 in Nürnberg bezieht.

"Wäschejude Joel"

Unglücklicherweise zählt ausgerechnet Julius Streicher zu den schärfsten Feinden der Juden im damaligen Deutschland. Der NSDAP-Gauleiter Frankens diffamiert den "Wäschejuden Joel", wie er ihn gerne nennt, in der von ihm herausgegebenen antisemitischen Wochenzeitung "Der Stürmer", und regelmäßig auch in aller Öffentlichkeit – obwohl die Joels ihren jüdischen Glauben kaum praktizieren. Die Joels verlegen aufgrund des immer stärkeren gesellschaftlichen Drucks in einem immer judenfeindlicher werdenden Umfeld nach der Machtergreifung Hitlers bereits 1934 den Hauptgeschäftsbetrieb nach Berlin. 160 Eisenbahnwaggons werden gebraucht, um Ware und Inventar aus den Geschäftsräumen der Wäschemanufaktur in der Singerstraße sowie einem Ladengeschäft in der Landgrabenstraße umzusiedeln.

1936 mietet Karl Joel jedoch noch Geschäftsräume in der Muggenhofer Straße 28 an. Es entsteht eine Näherei der Wäschemanufaktur Karl Joel mit drei Fließbändern und 200 Nähmaschinen. Die Mitglieder der "Geschichtswerkstatt Muggenhof" arbeiten seit 2009 Alltags- und Gegenwartsgeschichte im Nürnberger Stadtteil Muggenhof auf – so auch die Vergangenheit des Gebäudes und ihrer Besitzer. "Von den Joels wissen wohl die wenigsten der neuen Bewohner des Anwesens. Aber immer mehr Menschen hier interessieren sich zumindest dafür, wie sich unser Stadtteil verändert hat", meint Gerd Oertel von der Geschichtswerkstatt. In zwei Bänden haben die Ehrenamtlichen bereits die Historie ihres Viertels aufgearbeitet – so auch die der "Mugge 28", wie das Projekt mit 29 Wohnungen heißt. In dem imposanten Gebäude gestaltete die Südpark Fürth WK Wohnbau GmbH in den vergangenen Jahren moderne Stadtwohnungen in verschiedenen Größen und Lagen für Familien mit Kind, Paare oder Singles in einer "Hülle aus Geschichte und Denkmal". "Man kann spüren, dass dieses Haus etwas ganz Besonderes ist, viel zu erzählen hat und in den Wänden ganz viel besondere Energie, Schutz und Ehrwürdigkeit steckt", erklärt Kristin Waland von der Immobiliengesellschaft. 1923 war das Gebäude als Neubau der "Vereinigten Spiegelfabriken" entstanden, im Nürnberger Volksmund ist es aber als ehemaliges Fabrikgebäude der Triumph-Werke bekannt, die allerdings erst 1958 einzogen.

Der Grabstein der Joels auf dem neuen jüdischen Friedhof in Nürnberg.
Der Grabstein der Joels auf dem neuen jüdischen Friedhof in Nürnberg.

1938, als die "Arisierung" in Deutschland vorangeschritten war und Juden das Leben und das Arbeiten immer schwerer gemacht wurde, entschlossen sich die Joels, ihre Heimat zu verlassen. Sowohl der Betrieb in Berlin als auch die Näherei und Wäschemanufaktur in Nürnberg werden verkauft. Was für einen Juden 1938 allerdings bedeutete, ein Spielball von Spekulanten zu sein. Vier Millionen Reichsmark soll der Betrieb damals wert gewesen sein, um den sich etliche "Bewerber", darunter auch Gustav Schickedanz, Gründer des Versandhauses Quelle, förmlich reißen. Der Versandhändler Josef Neckermann – Parteimitglied seit 1937 – erhält letztlich den Zuschlag, will vom ursprünglich vereinbarten Kaufpreis von 2,3 Millionen Reichsmark letztlich aber nur die Hälfte zahlen – und nutzt Joels Not schamlos aus. Das Geld überweist Neckermann auf ein Treuhandkonto beim Bankhaus Hardy & Co. in Berlin und setzt sich selbst als Bevollmächtigten ein – die Joels sehen keinen Heller mehr davon. Auf die wiederholte Nachfrage Joels aus dem späteren Exil antwortet Neckermann sarkastisch, er könne ruhig vorbeikommen und sich sein Geld holen. Nebenbei übernahm Neckermann auch den Mietvertrag von Joels Villa in der Tannenbergallee im Berliner Westend, die er mit seiner Frau Annemarie bezog.

Die Spur der Familie verliert sich 1942

Nachdem sie Nürnberg den Rücken gekehrt hatten, lebte Karl Joel mit seiner Frau Meta und Sohn Helmut zuerst in einer Zürcher Einzimmerwohnung. Als ihnen 1938 auch noch die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt wird, flieht die Familie über Frankreich und England nach Kuba. Im Hafen von Havanna kommt es zum letzten Wiedersehen mit Karl Joels Bruder Leon, der inzwischen Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Ansbach war. Leon Joel hatte sich mit Frau Johanna und Sohn Günther ebenfalls auf die Emigration vorbereitet und ein Ticket für das berüchtigte Flüchtlingsschiff "St. Louis" ergattert, das letztlich doch nicht in Kuba anlegen darf, weil die Machthaber dort plötzlich eine andere Politik im Umgang mit den Reisenden beschließen. Die Geschichte, die heute an die Irrfahrten der "Sea Eye" erinnert, wurde 1976 sogar mit internationaler Starbesetzung als "Die Reise der Verdammten" verfilmt.

Die Spur der Familie Leon Joels verliert sich im Jahr 1942. Irgendwann hatte die St. Louis in Antwerpen anlegen dürfen, von wo aus sich die Joels weiter nach Frankreich durchschlugen. Sohn Günther gelingt mithilfe einer französischen Untergrundorganisation die Flucht über die Schweizer Grenze ins sichere Genf. Das letzte Lebenszeichen von Leon und Johanna Joel fand Steffen Radlmaier auf einer Liste eines Sammeltransports von Drancy nach Auschwitz. Eine weitere Spur von Billy Joels Onkel führt in die Stadtbibliothek Nürnberg. Dort lagern die rund 10 000 Bücher, die sich Julius Streicher aus jüdischem Besitz unter den Nagel gerissen hatte, in der Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde – darunter auch eine Broschüre aus dem Besitz Leon Joels.

Karl Amson Joel in seinem Berliner Büro im Februar 1935.
Karl Amson Joel in seinem Berliner Büro im Februar 1935. Der Unternehmer war vor der extrem judenfeindlichen Stimmung in Nürnberg geflüchtet.

Karl Joel und seine Familie schaffen es dagegen, in die USA einzureisen, wo sie langsam wieder Fuß fassen. Sie verkaufen von Hand produzierte Haarschleifen an Kaufhäuser. Karl nennt sich fortan Carl, Helmut Joel erhält den "unauffälligeren" Vornamen Howard und lebt sich in der neuen Heimat gut ein. 1943 wird er in die US-Army eingezogen und kommt nach dem Krieg sogar wieder kurz in die alte Heimat Nürnberg. Im Oktober 1945 wird er ausgemustert und startet ein Ingenieursstudium für Fernsehtechnik. 1947 heiratet Helmut Billys Mutter Rosalind, die ihn auch zu seinem 1978 erschienenen Song "Rosalind’s Eyes" inspirieren wird. Billy Joel kommt 1949 als zweites Kind der jungen Familie zur Welt.

Die im Land der Sieger lebenden Großeltern Karl und Meta lässt derweil aber die Vergangenheit im Land der Besiegten nicht los. 1959 gelingt es ihnen, nach einem jahrelangen, durch mehrere Instanzen zäh verlaufenden Rechtsstreit, von Josef Neckermann, der mittlerweile zum Versandhausriesen des Wirtschaftswunders avanciert ist, eine Entschädigung in Höhe von zwei Millionen D-Mark zu erstreiten. 1964 ziehen die beiden dann sogar wieder nach Nürnberg zurück – er mit 75, sie mit 71 Jahren. Ihnen bleiben noch ein paar wenige, schöne gemeinsame Jahre in ihrer Wohnung im Stadtteil Erlenstegen. Meta stirbt 1971, Karl Joel 1982. Sie sind gemeinsam mit Sohn Helmut, der 2011 starb, auf dem neuen jüdischen Friedhof in Nürnberg begraben, wo die drei Namen auf einem Grabstein verewigt sind. Der Nürnberger Verein "Geschichte für Alle" bietet Führungen auf dem jüdischen Friedhof an, bei dem auch auf die besondere jüdische Bestattungskultur aufmerksam gemacht wird.

Gedenkkonzert in Nürnberg

Jahrelang interessiert sich niemand mehr für die Geschichte der Familie Joel, während deren berühmtester Spross ein internationaler Superstar wird. Dann gibt Billy Joel 1994 ein Konzert auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg – unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit, da es exklusiv für amerikanische Soldaten stattfinden soll. Joel-Fan Steffen Radlmaier schafft es trotzdem rein – und wird Zeuge, wie Billy Joel seinen Landsleuten nicht nur seine Hits wie "Just the Way You Are", "Uptown Girl" oder "My Life" präsentiert, sondern auch freimütig erzählt, dass sein Vater Helmut in Nürnberg aufgewachsen sei und mit seiner Familie die Stadt wegen der Nazis verlassen musste. Der nächste Zufall: Auf Initiative eines Mitarbeiters des Presseamts der Stadt Nürnberg stellt Arno Hamburger, damals Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, den Kontakt zu seinem mittlerweile in Wien lebenden, ehemaligen Schulfreund Helmut Joel her, mit dem Hamburger das Real- und Reformgymnasium, heute Willstätter-Gymnasium besucht hatte. Und nicht nur der Vater, auch Billy Joel und sein Bruder Alexander aus Helmuts zweiter Ehe, heute ein angesehener Dirigent, kommen im Jahr darauf nach Nürnberg. Billy Joel spielt in der Meistersingerhalle ein Gedenkkonzert "50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs" und beantwortet Fragen aus dem Publikum. Zudem stiftet er seine Gage der jüdischen Gemeinde und für den Nürnberger Menschenrechtspreis, der 1995 erstmals verliehen wird.

Autor und Joel-Kenner Steffen Radlmaier im November 2017
Autor und Joel-Kenner Steffen Radlmaier im November 2017 vor dem Gebäude in der Muggenhofer Straße 28, wo Karl Joel seine Näherei betrieb.

Jetzt lernen sich Steffen Radlmaier und Billy Joel auch persönlich kennen. Ein Kontakt, der bei weiteren Treffen anlässlich von Konzerten in Deutschland sowie einem Besuch des Journalisten in New York intensiviert wird und 2009 im Buch "Die Joel-Story. Billy Joel und seine deutsch-jüdische Familiengeschichte" gipfelt, zu dem Joel das Vorwort geschrieben hat. Darin fasst er zusammen: "In gewisser Weise verdanke ich meine Existenz den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts."

Dass die Familie Joel einen Weltstar hervorgebracht hat, mache ihr Schicksal nicht bedeutsamer oder schlimmer als das vieler namenloser Nazi-Opfer. "Aber wenn dadurch ein paar Leute zum Nachdenken angeregt werden, wäre das schön", meint Radlmaier.

Billy Joel habe zu Deutschland auch heute noch ein zwiespältiges Verhältnis. Andererseits sage Joel auch, dass er die deutsche Musik und Kultur, die ihm sein Vater nahegebracht hat, überaus schätzt. All seine Lieblingskomponisten von Beethoven über Brahms bis hin zu Schumann und Wagner sind Deutsche. "Und nicht zu vergessen: Er mag Nürnberger Lebkuchen und Bier."

INFO

Beim Gesprächskonzert im "Südpunkt" in Nürnberg am Freitag, 10. Mai präsentieren Steffen Radlmaier und eine Band die Billy-Joel-Story mit Songs und Fotos aus dem Familienalbum der Joels.

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