6.06.2018
Beleidigt, gekratzt und gebissen

Partnerschaftliche Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema

Gewalt gegen Männer in der Partnerschaft - darüber wird kaum öffentlich gesprochen. Zu sehr kollidiert diese Vorstellung mit gängigen Rollenklischees. Und selbst in Beratungsstellen wird das Thema selten thematisiert.
Georg H.
Gewaltopfer Georg H.

Inzwischen gibt es ganze Tage, an denen Georg H. nicht mehr an das denkt, was sein Leben "zur Hölle" gemacht hat, wie er es nennt. Doch wenn seine Gedanken in die Vergangenheit zurückhuschen, erlebt er alles fast noch einmal so intensiv, als wäre es gestern gewesen. 28 Jahre war Georg H. mit einer Frau verheiratet, der er sich hilflos ausgeliefert fühlte. Sie demütigte ihn verbal. Machte ihn nieder. "Vor allem hat sie permanent versucht, mich zu dominieren", sagt der 61-Jährige aus Unterfranken.

Dass auch Männer in Paarbeziehungen Gewalt erleiden können, wird öffentlich kaum diskutiert. Zu sehr kollidiert diese Vorstellung mit gängigen Rollenklischees. Repräsentative Daten, wie viele Männer betroffen sein könnten, existieren für Deutschland nicht. Studien legen lediglich nahe, dass Männer, ebenso wie Frauen, mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch Bezugspersonen erleben. Dabei kann es sich um Lehrer und Betreuer, die eigenen Eltern - oder die Partnerin handeln.

"Sie zerfetzte den Strauß"

Als Georg H. mit seiner Frau zusammen kam, waren beide 20. "Sie war voll mein Typ", sagt er. Nach zwei Jahren heirateten die beiden. Das erste Ehejahr verlief großteils harmonisch. Danach ging es steil bergab. Einige Szenen wird Georg H. nie vergessen. Etwa einen Hochzeitstag, zu dem sich seine Frau Blumen gewünscht hatte. 50 Mark investierte er in einen üppigen Strauß. Doch die Blumen waren aus dem falschen Geschäft: "Sie nahm den Strauß, zerfetzte ihn und warf ihn in den Müll."

Zu jener Zeit, sagt Georg H., habe er ihr nichts mehr Recht machen können. Es gab ständig Nörgeleien. Ständig Kritik an dem, was er sagte und tat: "Vor allem wollte sie mich ununterbrochen erziehen." H.s Frau hatte zwischenzeitlich den Feminismus für sich entdeckt. Den wollte sie auch in ihrer Ehe durchsetzen. Georg H. sollte in weiblichen Formen reden. Der diplomierte Wirtschaftswissenschaftler weigerte sich. Was eine nicht enden wollende Kette an Konflikten auslöste.

Im Rückblick versteht Georg H. nicht, dass kein Außenstehender gesehen hatte, was in dieser Ehe los war. "Mein Bruder ist Psychologe, er hätte mir doch Hilfe anbieten können", sagt er. Irgendwann ging Georg. H. mit seiner Frau zur evangelischen Eheberatungsstelle. Doch auch hier sei im Einzelgespräch mit ihm niemand auf die Idee gekommen, die Gewalt zu thematisieren, der er ausgesetzt war. Sie sei ja auch fast "nur" psychisch gewesen: "Doch diese Gewaltform ist nach meiner Ansicht schlimmer als die körperliche, denn man vergisst sie nie."

Demütigung und Niedermachen als psychische Gewaltformen

Dass Männer unter ihrer Partnerin leiden können, bestätigt Dirk Pychynski vom Netzwerk "MainWohl" für psychische Gesundheit der unterfränkischen Arbeiterwohlfahrt (AWO). Aktuell hat er es mit einer schwer depressiven Frau zu tun, die sich wegen ihrer Antriebsschwäche zu fast nichts mehr aufraffen kann. Sie lässt den Haushalt schleifen. Unternimmt keine Ausflüge oder Urlaube mehr mit ihrem Mann. "Der Mann ist völlig überfordert", sagt Pychynski. Nicht nur, dass er für alles verantwortlich ist. Die Frau nörgelt ständig an ihm herum: "Hier erlebe ich ganz konkret die psychischen Gewaltformen 'Demütigung' und 'Niedermachen' gegenüber dem Mann", sagt der Experte.

Psychische Gewalt zwischen Partnern wird im MainWohl-Netzwerk nicht selten thematisiert, ergänzt Pychynskis Kollegin Carola Wagener. Für sie hat häusliche Gewalt grundsätzlich weniger mit den Faktoren "männlich" und "weiblich" zu tun. Es gehe vielmehr um "Stärke" und "Schwäche": "Der Starke teilt aus, der Schwache steckt ein." Dass sich eher Frauen als Männer Hilfe holen, liegt laut Wagener daran, dass sich Männer nur schwer eingestehen können, wie sehr sie unter ihrer Partnerin leiden.

Eine Erkenntnis, die Matthias Becker von der Stabsstelle "Menschenrechtsbüro und Frauenbeauftragte" der Stadt Nürnberg teilt. Die meisten Männer seien überzeugt, dass sie sich das, was ihre Partnerin ihnen antut, nicht bieten lassen dürften. Die Gewalterfahrung stellt ihre Rolle als Mann infrage. Gleichzeitig hätten die Männer Angst, dass sie, wenn sie sich outen, nicht ernstgenommen werden, erläutert der Nürnberger Ansprechpartner für Männer.

Frauen schlagen mit Holzbrettern oder Flaschen

Drei bis vier Mal im Monat hat Becker mit der Thematik zu tun. Männer können nach seiner Erfahrung in ihren Beziehungen alle Formen partnerschaftlicher Gewalt erleiden, über die auch Frauen als Opfer berichten. "Meiner Einschätzung nach kommt es bei Frauen als Täterinnen allerdings öfter dazu, dass Gegenstände wie Holzbretter oder Flaschen genutzt werden, um damit zuzuschlagen oder um damit zu werfen." Männer erwähnten aber auch, von ihrer Partnerin getreten, geschlagen, gekratzt oder gebissen worden zu sein. "Mir hat meine Frau einmal ein Glas Wein ins Gesicht geschüttet", sagt Georg H.

Auch laut Sandra Münzberg vom Münchner Informationszentrum für Männer (MIM) erleiden Männer in Paarbeziehungen sowohl psychische als auch physische Gewalt. Sich Unterstützung zu holen, sei für die meisten schwer. Das MIM berät deshalb in erster Linie betroffene Männer, bei denen die Polizei wegen häuslicher Gewalt auftauchte. Die Beamten bieten an, die Kontaktdaten der Männer ans MIM weiterzugeben. Sind die Männer einverstanden, werden sie vom MIM telefonisch kontaktiert und beraten.

In Landshut gibt es mit dem Regionalen Männerbüro seit 1999 eine Anlaufstelle für männliche Täter und für Opfer partnerschaftlicher Gewalt. Auch hier kommt es selten vor, dass ein Mann explizit deshalb um Beratung nachsucht, weil er unter der Aggressivität seiner Partnerin leidet. "Seit Gründung unserer Beratungsstelle kann ich mich an lediglich zwei Anfragen erinnern", sagt Einrichtungsleiter Hanns Held. Die Art und Weise, wie Männer heute noch immer aufwachsen, stelle bei partnerschaftlicher Gewalt ein schier unüberwindbares Hindernis dar, sich Hilfe zu holen.

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