Weltreligionen und Rockmusik
Freddie Mercury stand für so vieles: Hedonistischer Star, Frontmann einer der größten Rockbands aller Zeiten, begnadeter Sänger und Songschreiber, Wegbereiter der schwulen Emanzipation. Was dabei schnell übersehen wird: Seine religiösen Wurzeln und Bezüge. Wir erklären sie.
Freddie Mercury Live Aid, Wembley Stadium
Freddie Mercury auf der Bühne bei "Live Aid" 1985 im Wembley-Stadion in London.

"Zarathustra" – diesen Namen kennt man spätestens seit Friedrich Nietzsche, der dem wohl rund 2000 Jahre vor Christus lebenden iranischen Priester ein literarisches Denkmal setzte, der schon von den Griechen und den Römern verehrt worden war. Die Griechen nannten ihn "Zoroaster". Daher hat auch die nach ihm benannte vorchristliche Weltreligion des "Zoroastrismus" ihren Namen, ein von Heiligen, dem Ringen zwischen Gut und Böse und Feuerritualen gekennzeichnetes Weltbild. Die Religion war im frühen Persien weit verbreitet. Mit der Expansion des Islam und dem Niedergang des Sassaniden-Reiches im 7. Jahrhundert wurden ihre Anhänger weitgehend isoliert.

Dem Zoroastrismus folgt auch die ursprünglich aus Persien stammende ethnisch-religiöse Gruppe der Parsen, deren heute wohl bekanntester Vertreter neben dem Dirigenten Zubin Mehta sicherlich Farrokh Bulsara war, als der Freddie Mercury am 5. September 1946 auf der Insel Sansibar als Sohn eines britischen Botschaftsangestellten zur Welt kam und in einer streng gläubigen Familie aufwuchs.

Freddy Mercury besingt "Jesus" auf dem ersten Queen-Album

Zeit seines Lebens macht Freddie Mercury, der seinen Vornamen aus reiner Lust am Klang, den Nachnamen dem Text seines auf dem ersten Queen-Album erschienenen Song "My fairy king" entlehnte, keinen großen Hehl aus seinen religiösen Wurzeln. Sein ausschweifender Lebensstil und seine Homosexualität wären unter strengen Parsen auch verpönt gewesen. Da überrascht es, dass es auf dem Queen-Debut mit "Jesus" schon einen Song gibt, in dem der Sänger über das Leben und Wirken des Gottessohns sinniert. Mercury erinnert zu stampfendem Rhythmus und hymnischem Refrain an die Heiligen drei Könige, an den Stern von Bethlehem und was aus dem Kind geworden ist – ein Mann, zu dem alle kommen, weil sie den neuen Anführer der Menschheit sehen wollen, vor ihm nieder knien, der ihnen Wunder tut.

Bekannter, weil öfter live gespielt, ist das auf demselben Album enthaltene Lied "Liar", in dem Benoît Clerc, der auch dieses Stück in seinem Buch "Queen – Alle Songs" analysiert hat eine Art Liturgie erkennt, während dieser der Sänger vor Gott seine Sünden bekennt. Mercury fleht den "Vater" um Hilfe an, begleitet von majestätischen Gitarren-Riffs und mehrstimmigen Vokal-Kaskaden, in denen der Sänger beim Ausruf "Liar" (Lügner) zig Stimmen übereinander türmt, wie dies später zum Markenzeichen der Band werden sollte.

"Weiße" und "schwarze" Seite auf zweitem Queen-Album

Die ständige Auseinandersetzung mit dem Dualismus zwischen Licht und Schatten, Gut und Böse, wie er den Zoroastrismus kennzeichnet, soll auch auf Queens zweitem Album maßgebliches Motiv sein. Während Gitarrist Brian Mays Songs die erste, "weiße" Seite der Platte dominieren, hat Mercury für sich die zweite, "schwarze" Seite beansprucht. Das Werk gilt heute als wegweisender Schritt für die noch junge Band auf ihrem Weg zum Rock-Olymp und wird wegen seiner Komplexität in lyrischer wie musikalischer Hinsicht als Meilenstein geschätzt, der spätere, kommerziell weitaus erfolgreichere Werke in der Qualität aussticht.

Danach hört die Musikwelt für beinahe zwei Jahrzehnte nichts mehr von Freddie Mercurys religiöser Weltsicht. Benoît Clerc bemerkt treffend, dass der Musiker in seine Fantasie eintaucht und fortan Universen schafft, die von mysteriösen Charakteren bevölkert sind oder sich auf Bücher und Kunstwerke bezieht. Mercury und Queen schenken der Musikwelt im Lauf der 70er- und 80er-Jahre Welthits wie "We will rock you" oder "Radio Gaga", erfinden sich beinahe auf jedem Album neu und feiern als "Rock-Dinos" Relikte der Vor-MTV- Ära 1985 bei "Live Aid" eine Wiederauferstehung. An Freddie Mercurys indische Wurzeln und seine spirituelle Äußerungen der Anfangsjahre denkt da schon lange keiner mehr.

Der Kreis schließt sich auf "Innuendo"

Bis der Sänger auf dem letzten zu Lebzeiten, am 4. Februar 1991 veröffentlichten Album "Innuendo" mit dem Song "All God´s People" überrascht und noch einmal an den gospelhaften Stil des Frühwerks erinnert. "All going down to see the Lord Jesus" singt der damals 44-Jährige, erinnert dabei an die Worte von "Liar" und warnt, sich "nicht von den Lehren des Herrn" abzuwenden, der "so unglaublich" sei.   

Als der Sänger am 24. November 1991 stirbt, wird seine Leiche in London eingeäschert, die anschließende Trauerfeier findet dann nach einem zoroastrischen Ritus statt. Die Urne nehmen seine Eltern, bis zuletzt tief religiös dem zoroastrischen Glauben ergeben, mit nach Hause. Eine der größten Rock-Stimmen aller Zeiten war verstummt. Und Mercury hatte einen spirituellen Kreis geschlossen.

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