Der Kulmbacher Dekan Thomas Kretschmar geht in Ruhestand. Warum er nach München zieht.
Kulmbacher Dekan

Der evangelische Dekan Kretschmar geht in den Ruhestand. Seine Krebserkrankung zwingt ihn dazu, bereits im Alter von 60 Jahren das Dekanskreuz abzunehmen. Kurz vor seinem Umzug im Jahr 2016 nach Kulmbach wurde die Erkrankung festgestellt, sodass es für den beliebten Dekan durchaus ein Geschenk war, doch wenigstens fünf Jahre in Kulmbach tätig zu sein. Bereits einen Tag nach seiner Verabschiedung geht es mit gepackten Koffern nach München, um dort seinen Ruhestand zu genießen.

Was wird Ihnen denn in Erinnerung bleiben, wenn Sie irgendwann an die fünf Jahre Kulmbach zurückdenken?

Kretschmar: Mir wird sicherlich die Coronazeit in Erinnerung bleiben mit all den Verrücktheiten, die dazugehören, und mit den schwierigen Situationen, oder die große Freude, den ersten Gottesdienst im vergangenen Mai wieder feiern zu können; und sonst, glaube ich, werden mir viele Menschen in Erinnerung bleiben, die ich hier kennengelernt habe und mit denen auch meine Frau und ich Freundschaften geschlossen haben. Es war eine gute Zeit.

Sie sind in Kulmbach ein sehr beliebter Dekan gewesen. Sehr viele sind traurig darüber, dass sie jetzt den Hut nehmen.

Kretschmar: Wir haben ein Wohnmobil, und wir haben viele Menschen, die sagen: Kommt und besucht uns. Wir werden sicherlich noch einige von den Freundschaften pflegen, und da freue ich mich auch drauf.

Der Hauptgrund für den frühen Ruhestand ist in Ihrer Krebserkrankung begründet. Sie gingen von Anfang an sehr offen damit um.

Kretschmar: Ja, ich gehe ganz offen mit meiner Erkrankung um. Weil ich den Eindruck habe, dass in unserer Gesellschaft nur unterschieden wird in krank oder gesund. Ich glaube, es gibt nicht diese eine Entscheidung. Es gibt Menschen, die mehr oder weniger gesund sind oder mehr oder weniger krank sind. Andere Menschen müssen alle ihre Betablocker nehmen, weil sonst das Herz nicht richtig funktioniert. Bei denen wirkt es sich schon nach einem oder zwei Tagen aus, wenn sie ihre Medizin nicht bekommen. Bei mir sind es Chemotherapien, die nur alle paar Wochen notwendig sind, aber dafür einschneidende Wirkung haben. Aber ganz, ganz viele Menschen sind ein bisschen krank und trauen sich nicht, darüber zu reden. Ich glaube, es ist wichtig, auch zu sagen, dass man fröhlich sein kann mit Erkrankungen. Das ist eigentlich das Ziel.

Viele Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, können das nicht. Warum klappt das bei Ihnen? Hat das auch was mit Glaube zu tun?

Kretschmar: Ich glaube, dass mir Gott sehr viel Kraft gibt in dieser Phase. Und ich war selber immer wieder erstaunt, dass ich diese berühmte Warum-Frage »Warum bin ich krank? Warum lässt Gott zu, dass ich Krebs habe?«, dass ich die nur eine ganz, ganz kurze Phase mal hatte. Aber ansonsten sage ich mir eher: Das ist ein Fehler meines Körpers, ein Gendefekt, der dahintersteht, der es erblich verursacht. Ich weiß aber auch, dass Gott mich in diesen Phasen der Krankheit trägt. Also ich gebe ihm dafür nicht die Schuld, sondern ich lasse mir von Gott Kraft schenken.

Wie ist die Resonanz in der Gemeinde, dass Sie so offen mit Ihrer Krankheit umgehen?

Kretschmar: Mir erzählen immer wieder Leute, dass es ihnen guttut, wenn ich auch öffentlich von Krebserkrankungen rede. Das ist, glaube ich, an manchen Punkten auch stellvertretend für andere. Und das reicht ja auch, wenn der eine oder die andere sich darin gestärkt fühlt. Wenn sich jemand selber auch traut, davon zu reden, ist das wunderbar. Ich möchte das Thema öffentlich benennen, weil es so oft totgeschwiegen wird. Und wenn es zur Sprache kommt, dann immer mit dem Beiklang: »Oh, es ist so schwierig.« Ach ja, es ist schwierig. Aber es gibt auch viele, viele andere schwierige Situationen, über die wir lernen müssen, einfach offen zu reden, damit es nicht immer so ein geheimnisvolles Etwas ist.

Ihr Nachfolger in Kulmbach wird in den kommenden Jahren einiges zu tun bekommen...

Kretschmar: Er hat vor allem die Umsetzung der Landesstellenplanung vor der Brust. Unsere Kirche wird sich in den nächsten 15 Jahren deutlich verändern. Das liegt daran, dass die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Es ist sicherlich so, dass auch in anderen Bereichen junge Leute fehlen werden. Aber es tut uns bei diesem Segment der Pfarrerinnen und Pfarrern besonders weh, weil sie eben maßgeblich für die Kirche notwendig sind. Und deshalb wird damit zu rechnen sein, dass wir in 15 Jahren nur noch halb so viele Pfarrerinnen und Pfarrern haben werden.

Große Herausforderungen, die anstehen: Ist das etwas, das Sie auch im Ruhestand noch bewegen wird? Oder können Sie dann komplett abschalten?

Kretschmar: Ich finde es faszinierend, dass ein Pfarrer auch im Ruhestand noch seinen Talar anziehen darf. Ich freue mich jetzt schon, dass ich die Kirchengemeinden im Münchner Norden, wo ich dann wohnen werde, einfach unterstützen werde. Und ich habe schon lange nicht mehr wirklich viele Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen gemacht. Ach, da kann ich doch gerne helfen, wo mich dann meine Kirche braucht. Aber dann eben ehrenamtlich im Ruhestand.

Wie ist es, wenn Sie an Ihre Verabschiedung denken?

Kretschmar: Ich glaube, das wird mir schon nass neigehen, wie man auf Bayerisch sagt. Es werden viele Menschen kommen, Kolleginnen und Kollegen, Dekane aus dem Umkreis kommen, viele Freunde. Da wird mir noch mal die Endgültigkeit bewusst werden. Von daher hoffe ich, dass es nicht zu viel Tränchen rausdrückt bei allen Beteiligten, weil das macht es doppelt schwer.

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