Migration in Deutschland
Enis Tiz promoviert an der Universität Würzburg zum Thema "Ehrenmorde". Seine Eltern kamen vor 30 Jahren nach Deutschland. Im Sonntagblatt-Gespräch erklärt er, wieso er sich in seiner deutschen Heimat immer noch nicht richtig integriert fühlt.
Enis Tiz
Enis Tiz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht der Universität Würzburg.

Enis Tiz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht der Universität Würzburg. Die Eltern des 27-Jährigen kamen vor 30 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Tiz lebt seit 2013 in Würzburg und promoviert zum Thema "Ehrenmorde".

Eine Schlüsselfrage für ein gutes Miteinander in einer "bunten" Gesellschaft ist seiner Meinung nach: Werden wir endlich offen über Probleme reden? Aktuell werde "vieles unter den Teppich gekehrt", bedauert er. Auch deshalb fühlten sich türkischstämmige Menschen nach wie vor als Bürger zweiter Klasse, sagt der Jurist.

"Aus der Türkei zu stammen ist immer noch mit sehr vielen Stereotypen verknüpft, zum Beispiel "gefährlich", "rückständig", "unpünktlich" oder "ungebildet"."

Herr Tiz, viele Bürger*innen in Deutschland mit türkischen Wurzeln fühlen sich als Menschen zweiter Klasse. Warum?

Tiz: Das ist richtig, es gibt Türkischstämmige wie Romanschriftsteller Orhan Pamuk, der den Nobelpreis erhalten hat, oder den Oscar-prämierten Regisseur Elia Kazan, die durch besondere soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Leistungen in den Fokus geraten sind. Aber das ist ja nicht der Regelfall. Die meisten haben das Gefühl, dass sie, egal wie sehr sie sich auch anstrengen, doch niemals als Teil dieser Gesellschaft angesehen werden. Einer Studie der Uni Münster zufolge stimmen 51 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Als Türkischstämmiger fühle ich mich als Bürger zweiter Klasse." Aus der Türkei zu stammen, das ist immer noch mit sehr vielen Stereotypen verknüpft, zum Beispiel mit "gefährlich", "rückständig", "unpünktlich" oder "ungebildet".

Sie beobachten, dass man hierzulande Probleme nicht wirklich aufs Tapet bringt. Wie kommen Sie darauf und welche Probleme meinen Sie?

Tiz: Ein wirklich großes Problem ist die Frage nach der Herkunft. Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Werde ich gefragt, woher ich komme, sage ich: aus Aachen, denn da bin ich geboren. Meist befriedigt das mein Gegenüber nicht. Dann wird nachgefragt, woher ich ursprünglich komme. Dann nenne ich den Aachener Stadtteil, in dem ich aufwuchs. Natürlich weiß ich, dass die Menschen hören wollen, dass ich aus der Türkei stamme. Aber die Frage nach der Herkunft wird für türkischstämmige Menschen, die hier geboren sind und hier aufwuchsen, als eine Art Ausbürgerung verstanden. Über diese Herkunftsideologie müssten wir zum Beispiel dringend einmal reden.

"Tatsache ist, dass aus vielen solcher Fragen eine ablehnende Haltung herauszuspüren ist."

Was müsste nach Ihrer Ansicht geschehen, damit Menschen eben nicht mehr wegen ihrer eigenen Herkunft oder der ihrer Familie abgewertet werden?

Tiz: Kindern müsste schon früh in der Schule beigebracht werden, dass man das Eigene anderen nicht aufzwängen darf, sondern dass man einander auf Augenhöhe begegnen sollte. Dann gäbe es vielleicht nicht mehr ständig solche Fragen: Warum trägst du ein Kopftuch? Warum trinkst du keinen Alkohol? Woher kommst du? Ich meine, diese Fragen sind nicht grundsätzlich verboten. Wenn sie jemand aus authentischem Interesse heraus stellt, können sie okay sein. Tatsache ist jedoch, dass aus vielen solcher Fragen eine ablehnende Haltung herauszuspüren ist. Für mich würde der Ethikunterricht viele Anknüpfungspunkte bieten, um Überlegenheitsgefühle anderen gegenüber abzubauen.

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