3.10.2019
Religionen

Rabbiner Daniel Alter über Kippa, Kopftuch, Kreuze in Klassenzimmern und jüdisches Leben heute

Daniel Alter ist im Nürnberger Stadtteil Katzwang beim "Reichelsdorfer Keller" und dann in Frankfurt am Main aufgewachsen. Der 59-Jährige absolvierte eine Ausbildung zum Rabbiner durch das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und wurde im September 2006 ordiniert. Im Interview erklärt Daniel Alter jüdische Traditionen, spricht über das Verhältnis der Juden zum Islam und seine Erfahrungen mit Antisemitismus.
Rabbiner Daniel Alter
Rabbiner Daniel Alter setzt sich für den interreligiösen Dialog ein.

Herr Rabbiner Alter, ist das Tragen einer Kippa für Männer an rituellen Orten durch die Schrift begründet?

Daniel Alter: Sie ist im religiösen Kontext in der kompletten Community als eine Art "Amtskleidung" akzeptiert und für traditionell orthodox lebende Juden eine Voraussetzung. Auch ich trage etwas auf dem Kopf, wenn ich außer Haus gehe. Das muss nicht unbedingt eine Kippa, sondern kann auch eine Mütze oder ein Hut sein. Damit bewegt man sich immer noch im Rahmen dieser Tradition, und so pflegen das auch viele andere observant lebende Juden.

Gerne werden Kippa und Kopftuch im Diskurs über Religionsfreiheit gegenübergestellt oder gar gegeneinander ausgespielt. Sind diese beiden Kopfbedeckungen überhaupt miteinander vergleichbar?

Alter: Ich denke nicht, auch wenn strenggläubige, verheiratete Jüdinnen ihr Haar ja auch bedecken, weil das Haar als erotisches Symbol gesehen wird, das Männer anzieht. Der Unterschied ist aber, dass es nicht diesen sozialen Druck auf Frauen gibt, das Haar zu bedecken, wie man es bei den jungen Musliminnen auch schon in den Schulen sieht. Das Kopftuch hat sich im Islam allerdings zu einem politischen Symbol entwickelt. Und es werden kleine Mädchen, teils kleine Kinder dadurch bereits früh sexualisiert. Das andere Problem, das ich bei der Frage um die Kopfbedeckung der Frau sehe, ist, wie ich damit dann in der Öffentlichkeit umgehe.

Zur Religionsfreiheit gehört schließlich auch, sich frei von Religion im öffentlichen Raum bewegen zu dürfen.

In der muslimischen Community gibt es in gewissen Kreisen auf die Frau den politisch motivierten Druck, das Kopftuch in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Dabei kenne ich viele Muslime, die ihre Heimatländer verlassen haben, um sich diesem religiösen Druck zu entziehen. Als demokratischer Staat müssen wir dem Kopftuch als politischem Symbol Einhalt gebieten. Wegen mir kann jeder mit seinen Haaren machen, was er will. Aber von beispielsweise Lehrerinnen an öffentlichen Schulen oder Richtern an einem Amtsgericht erwarte ich eine Neutralität, und zu der gehört auch, dass solch ein Mensch kein religiöses Symbol trägt.

Wie gehen Sie dann mit dem Kreuz als Symbol im öffentlichen Raum um?

Alter: Damit habe ich überhaupt kein Problem, weil das schon seit Jahrhunderten hierzulande einfach eine Tradition ist, dass beispielsweise in Klassenzimmern ein Kreuz hängt. Viele meiner Altersgenossen, auch jüdische, sind in solchen Einrichtungen aufgewachsen, konnten sich frei entwickeln und haben weder persönlichen noch spirituellen Schaden davon getragen. Deutschland hat sich im Zeichen des Kreuzes zu einer freien, demokratischen Gesellschaft hin entwickelt. Beim Kopftuch geht es aber vor allem in fundamentalistischen Kreisen oft ums Gegenteil, nämlich, den Islam weiter in die Gesellschaft zu bringen und eine Uniformität durchzusetzen, die gegen demokratische Grundwerte wie Religions- und Meinungsfreiheit, Diversität, Gleichheit der Geschlechter geht. Und von diesen Werten dürfen wir keinen Millimeter abweichen. Es ist also immer wichtig, was der Mensch selbst aus der Verwendung solch religiöser Symbolik macht. Und wir müssen darüber sachlich und offen diskutieren können.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, meinte unlängst, es sei nicht mehr selbstverständlich, sich zum Christentum zu bekennen; auch jüdische Kinder sollten ihre Religion verstecken. Was meinen Sie?

Alter: Ich sage schon seit einigen Jahren:

Es gibt Ecken in Deutschland, in denen es ausgesprochen unklug ist, sich als Jude zu zeigen.

Dass jüdische Kinder an deutschen Schulen Mobbing ausgesetzt sind, ist leider auch nichts Neues. Das Wort "Jude" wird seit einigen Jahren wieder auf deutschen Schulhöfen täglich als Schimpfwort missbraucht. Das Grundproblem des Antisemitismus ist aber wesentlich älter. Wir finden Antisemitismus sowohl am linken als auch am rechten Rand und in der Mitte der Gesellschaft.

Wie gefährlich schätzen Sie die Bedrohung für Juden durch erst kurz in Deutschland lebende Muslime ein?

Alter: Da sind natürlich auch Leute gekommen, für die Judenhass beinahe folkloristischen Charakter hat. Diese Menschen hatten oft ja keinen freien Zugang zu Informationen, da ist Judenhass tief in der Gesellschaft verbreitet. Die Gleichsetzung von Judentum und Israel, dieses ganze Gerede von einer jüdischen Weltverschwörung ist ihnen täglich eingetrichtert worden. Und natürlich verschlechtert der Zuzug von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern unsere Situation. Aber man muss auch hier klar differenzieren: Nicht jeder ist homophob und frauenfeindlich, aber das Potenzial ist eben vorhanden, und man muss damit umgehen.

Wenn Josef Schuster im Zusammenhang mit Flüchtlingen schon von "Obergrenzen" sprach, so ist es tatsächlich notwendig, eine Grenze des Machbaren zu definieren. Man kann ja diese Menschen nicht einfach unkontrolliert ins Land lassen und irgendwo hinsetzen, man muss sie beschäftigen und integrieren. Sie kommen schließlich aus teils archaischen Kulturen, deren Welt jetzt auf die unsrige schlägt. Schauen Sie auch auf alleine reisende Jugendliche oder Frauen: Die werden in den Einrichtungen für Flüchtlinge von Männern meist genauso geringschätzig behandelt wie zu Hause, weswegen sie ja auch geflohen sind. Auch um diese Migranten müssen wir uns kümmern. Es ist meines Erachtens noch nicht im ausreichenden Maße hier geschehen, dass sich die Politik ernsthaft Gedanken um den Umgang mit diesen Menschen macht.

Es gibt in vielen Teilen Deutschlands, vor allem in eher ländlichen Regionen, Menschen, die noch nie einen Juden gesehen haben und daher keinen Grund haben dürften, antijüdische Ressentiments zu pflegen. Trotzdem dominieren die Nachrichten seit einigen Monaten die Warnungen vor Antisemitismus. Wie beurteilen Sie die Lage?

Alter: Das ist einfach zu beantworten: Für Judenhass braucht´s keinen Juden. Diese ganzen Dummheiten und der Aberglaube von Juden, die Medien manipulieren oder Finanzmärkte beherrschen, sitzen sehr tief. Es leben zirka 120.000 Juden in Deutschland. Da kann man sich leicht ausrechnen, wie viele der 80 Millionen Deutschen jemals mit einem Juden Kontakt hatten. Vorurteile gegen Juden sind zutiefst tradiert und haben sich über Jahrhunderte fortgesetzt. Das treibt manchmal auch ganz profane Blüten: Ich erinnere mich an die kleinen Böller zu Silvester. Zu denen hat man in den 1970ern in Hessen noch „Judenfurz“ gesagt.  Aber auch die christlichen Kirchen haben in ganz Europa lange von den „Gottesmördern“ gesprochen. In manchen Gesellschaften, auch den muslimischen, saugen die Kinder Judenhass mit der Muttermilch auf. Doch es gibt immer wieder auch Hoffnungsschimmer. Ein Beispiel: Mich hat mal ein türkisch-stämmiger junger Mann an der Bushaltestelle gefragt, ob ich Jude sei, was ich bejahte. Darauf meinte er, dass er alle Juden hasse. Ich habe ihn dann gefragt, wie viele Juden er kenne, er meinte, keinen. Daraufhin mussten wir beide lachen, und es hat sich ein entspanntes Gespräch gebildet.

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