Es gibt nicht viele Radprofis wie Remco Evenepoel. Das Ausnahmetalent, das einige auch den "Aerobullet" oder den "Kannibalen von Schepdaal" nennen – nach dem flämischen Dorf, in dem er aufwuchs – vertraut bei Rennen wie aktuell der Tour de France nicht nur auf akribische Vorbereitung und vollgefüllte Glykogenspeicher. Auch sein Glaube ist für ihn zur Kraftquelle geworden. Was das bedeutet, legt er mit einer Offenheit dar, die im Profisport selten ist.
Seine sportlichen Erfolge sprechen für sich: Doppel-Olympiasieger von Paris 2024 im Einzelzeitfahren und Straßenrennen, mehrfacher Europa- und Weltmeister im Zeitfahren. Bei der Tour de France 2024 stand er als Gesamtdritter auf dem Podium, gewann zugleich die Nachwuchswertung – und zählt auch in diesem Jahr zu den engsten Favoriten hinter dem Spitzenduo Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard.
Vom Trainingsunfall zur spirituellen Wende
Hinter dieser glänzenden Karriere verbirgt sich eine Biografie der Brüche – körperlich wie existentiell. 2020 stürzte er bei der Lombardei-Rundfahrt eine Böschung hinab, erlitt einen Beckenbruch und eine Lungenprellung. Im vergangenen Dezember folgte nach einem weiteren Sturz im Frühjahr ein schwerer Trainingsunfall, bei dem er sich das Schulterblatt, mehrere Rippen und die rechte Hand brach.
Eine Nervenverletzung in der Schulter verzögerte die Heilung. "Wenn ich Tennis- oder Volleyballspieler gewesen wäre, hätte das meine Karriere beendet", sagt er rückblickend. Statt des Endes wurde dieser Moment zum Wendepunkt.
Mitten in diesem körperlichen Trümmerzustand fand der Belgier neuen Halt – nicht im Radsport, sondern im Glauben.
"Es war der härteste Kampf meines Lebens", sagt Evenepoel.
Es ist der muslimische Glaube, der ihm diese Kraft schenkt, nicht der Christliche.
Wie der Islam Teil seines Lebens wurde
Die Entscheidung, zum Islam zu konvertieren, gab er im April 2025 vor dem belgischen Klassiker-Rennen "Brabantse Pijl" (Eintagesrennen) bekannt. Bereits zuvor hatte er sich in den sozialen Medien an seine Ehefrau Oumaima Rayane, genannt "Oumi", gewandt:
"Wir beten oft gemeinsam, und das werden wir auch weiterhin tun."
Die beiden kennen sich seit Jugendtagen, wuchsen in derselben Straße auf und sind seit 2022 verheiratet. Oumi, marokkanischer Herkunft, ist Wirtschaftsstudierende und Model. Ihre Religion – und mehr noch das gemeinsame Ritual des Betens – wurde zum zentralen Element ihrer Beziehung. Auf Instagram schrieb Evenepoel an sie:
"Du hast mir so viel beigebracht – über alle Aspekte des Lebens. Ohne dich hätte ich wahrscheinlich aufgegeben."
Spiritualität als Ressource im Leistungssport
Welche Rolle Religion zuvor in seinem Leben gespielt hat, bleibt offen. Seine Konversion wirkt weniger wie ein Bruch mit dem Christentum, sondern vielmehr wie eine bewusste, erstmalige Hinwendung zu einer tiefergehenden Spiritualität – getragen von der Suche nach Halt und innerer Stabilität. Dass es der Islam wurde, erklärt sich vor allem durch seine Frau und ihr gemeinsames Leben.
Damit steht Remco Evenepoel für einen seltenen Typus im Spitzensport: einen Athleten, der seine Kraft nicht nur aus Training, Daten und Disziplin, sondern auch aus Glauben und spiritueller Praxis zieht. Ein "Aerobullet", der auch betet.