11.04.2020
Sea-Eye

Seenotrettung: "Alan Kurdi" mit 149 Geflüchteten an Bord in der Lebensmittel-Krise

Die Corona-Krise lähmt die Seenotrettung im Mittelmeer. Während die "Alan Kurdi" auch am Karfreitag noch auf eine Lösung für die Geretteten wartet, sorgt ein Appell des Bundesinnenministeriums für Empörung.
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Das deutsche Rettungsschiff "Alan Kurdi" der Organisation "Sea Eye" mit 149 Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer ist weiterhin auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Die Lage an Bord des Schiffes spitze sich weiter zu, es sei zur dauerhaften Beherbergung von 149 Menschen nicht geeignet, teilte "Sea Eye" am Karfreitag mit. Die Bitte der Crew nach dringend benötigten Lebensmittel sei von der italienischen und der maltesischen Rettungsleitstelle abgelehnt worden. Auch von der deutschen Rettungsleitstelle habe man keine Hilfe erhalten.

"Sea Eye"-Vorsitzender Gorden Isler sagte, es könne nicht sein, dass es angesichts Corona-Pandemie "milliardenschwere Rettungspakete für die europäische Industrie" gebe und gleichzeitig behauptet werde, "dass es für den Schutz von Migrantinnen und Migranten keine Ressourcen gibt".

Europa habe eine Situation zugelassen, in der humanitäre Katastrophen "mittlerweile miteinander konkurrieren und gegeneinander ausgespielt werden". Die "Alan Kurdi" suche nun nordwestlich von Sizilien Schutz gegen bevorstehende Unwetter.

Isler betonte, dass noch nie so viele Gerettete an Bord gewesen seien. Dieser Zustand sei untragbar. Die beengten Verhältnisse auf dem Schiff der Regensburger Organisation könnten schnell zu kleineren Konflikten führen. Kapitänin Bärbel Beuse hatte nach der ablehnenden Haltung von Italien und Malta erneut ihre Bitte nach dringendsten Bedarfen an Bord erneuert. "Wir müssen betonen, dass unser Schiff innerhalb der nächsten 48 Stunden Lebensmittel benötigt."

Die beiden Seenotrettungsorganisationen "Sea Eye" und "Sea-Watch" kritisierten außerdem bereits am Donnerstag einen Aufruf des Bundesinnenministeriums, die Rettung wegen der Corona-Pandemie einzustellen.

"Das Innenministerium überschreitet absolut seine Kompetenzen", sagte Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer dem epd. Der Brief des Ministeriums komme eine Aufforderung gleich, Menschen ertrinken zu lassen. "Durch die Corona-Krise verschwinden die anderen Krisen nicht." Die Not der Geflohenen bleibe genauso bestehen wie die völkerrechtliche Verantwortung, ihnen zu helfen.

Das Innenministerium hatte in einem Brief an die Seenotrettungsorganisationen, der dem epd vorliegt, auf die Ankündigung Italiens und Maltas verwiesen, keine privaten Rettungsschiffe mehr in ihre Häfen zu lassen. Da davon auszugehen sei, dass die Schiffe keinen Aufnahmehafen im Mittelmeer finden, sollten keine neuen Fahrten aufgenommen und bereits in See gegangene Schiffe zurückgerufen werden, hieß es in dem Schreiben.

Auch SOS Méditerranée kritisierte die Entwicklung. Damit werde internationales Recht außer Kraft gesetzt. "Schiffskapitäne sind verpflichtet, Überlebende an einem sicheren Ort an Land zu bringen, und Staaten sind gesetzlich verpflichtet, bei der Bereitstellung eines sicheren Ortes zu kooperieren", erklärte die Organisation, die gemeinsam mit "Ärzte ohne Grenzen" das Rettungsschiff "Ocean Viking" betreibt.

"Menschen fliehen weiterhin auf seeuntüchtigen Booten. Mit geschlossenen Häfen werden mehr Menschen dem Ertrinken überlassen."

Die Rettungsorganisationen riefen die anderen EU-Länder dazu auf, die Mittelmeeranrainer zu unterstützen und sich für alternative Lösungen für eine weitere Seenotrettung einzusetzen. Die Bundesregierung habe mit der Ausnahmeregelung für Erntehelfer aus Osteuropa bewiesen, dass sie in der Lage sei, schnell zu handeln. "Offensichtlich ist dem Innenministerium die Rettung des Spargels wichtiger als die von Menschenleben", sagte Neugebauer. Mit den gleichen Mitteln, wie die Erntehelfer nach Deutschland gebracht würden, könnte man beispielsweise die Geretteten der "Alan Kurdi" ins Land bringen.

Eine andere Möglichkeit ist laut Neugebauer eine Rettung im Mittelmeer mit Schiffen der EU-Mission "Irini", die das Waffenembargo gegen Libyen kontrollieren soll, allerdings absichtlich nicht dort patrouilliert, wo die Flüchtlingsboote Richtung Europa fahren. "Aber es wird nichts unternommen."

Die "Alan Kurdi" hatte die 150 Flüchtlinge am Montag vor der libyschen Küste an Bord genommen. Die Menschen saßen den Angaben zufolge ohne Rettungswesten in zwei überfüllten Holzbooten. Die Bundesregierung hatte am Mittwoch erklärt, sie sei mit allen Beteiligten im Gespräch, um eine Lösung zu finden.

Aktualisierung am Samstag: "Alan Kurdi" erhält Lebensmittellieferung

Die "Alan Kurdi" ist weiterhin im Mittelmeer auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Die Lage an Bord habe sich leicht entspannt, nachdem die italienische Rettungsleitstelle eine Unterstützung mit Lebensmitteln zugesagt habe. Die Lieferung von Reis, Couscous, Müsliriegeln und Kartoffeln sei am Samstagvormittag von einem Küstenschiff überbracht worden, sagte "Sea Eye"-Sprecher Gorden Isler am Samstag. Eine Beherbergung so vieler Menschen an Bord bleibe aber weiterhin problematisch.

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