15.11.2018
Menschen

Studienzentrum Josefstal: Rainer Brandt nimmt Abschied

Zum Abschied hat Rainer Brandt sich ein Symposium zur Zukunft der evangelischen Jugendarbeit gewünscht. Titel "glauben. lernen. weitergeben": Nach 16 bewegten Jahren und einer überstandenen Finanzkrise gibt er nun die Leitung des Studienzentrums Josefstal weiter an Roger Schmidt.
Rainer Brandt (64) vor dem Hauptgebäude des Studienzentrums Josefstal.
Kraftort der evangelischen Jugendarbeit am Fuß der Alpen: Rainer Brandt (64) vor dem Hauptgebäude des Studienzentrums Josefstal.

Einen der Hauptbeteiligten der Miesbacher Amigo-Affäre kennt Rainer Brandt recht gut: Es war im Büro des langjährigen Miesbacher Sparkassen-Chefs Georg Bromme, in dem sich 2006 das vorläufige Schicksal von Josefstal entschieden hat. Bromme steht gerade in München vor Gericht. Wegen Untreue, aber nicht wegen Josefstal.

Ein Millionenkredit stand seinerzeit vor der Fälligkeit, frisches Banken-Geld gab es nicht mehr, die Kirche weigerte sich, noch mehr Mittel nachzuschießen. In Panik vor einem Fass ohne Boden hätte sie damals Josefstal am liebsten für einen symbolischen Euro an wen auch immer abgestoßen.

Der Sprung vor 16 Jahren vom Amt des Landesjugendpfarrers ins Studienzentrum Josefstal war für Brandt auch einer in die Abgründe einer aus dem Ruder gelaufenen Sanierung. Schlaflose Nächte inklusive. Für die aufgelaufenen immensen Schulden hätten bei einem Crash die Vorstände des Trägervereins privat haften müssen. Hätte Sparkassen-Amigo Bromme damals die Kirchenleitung nicht "genötigt, sich an der Lösung zu beteiligen", erinnert sich Brandt, es gäbe heute kein Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal mehr.

Inzwischen ist man schuldenfrei

Auch dank Bromme blieben also Josefstal und seine Arbeitsplätze erhalten. Ein Zehntel des 20 000 Quadratmeter großen Geländes musste man verkaufen. Einer, von dem es heißt, er sei Kunstflieger aus Dubai, baut darauf nebenan gerade sein Feriendomizil, sagt Brandt.

Den teuren Darlehensvertrag von damals hat Josefstal längst abgelöst. Die Kurszahlen haben sich verdoppelt, das Haus ist zu 80 Prozent ausgelastet. Inzwischen ist man schuldenfrei und hat sogar einiges Geld zurücklegen können.

Dass aus der Beinahe-Katastrophe eine Erfolgsgeschichte wurde, darauf ist Rainer Brandt durchaus stolz. Ob es aber um die Sanierung eines finanziell angeschlagenen Tagungshauses oder die Zukunft der evangelischen Jugendarbeit geht: Immer wieder kommt er bei seinem Herzensthema "Bibliolog" an. Biblische Texte interaktiv, herrschaftsfrei, in der Gruppe zum Sprechen und damit zur Bedeutung zu bringen, setze die Haltung voraus: "Hören auf das, was Menschen mitbringen".

Im malerischen Bilderbuch-Oberbayern zwischen Schliersee und Spitzingsee ist das evangelische Josefstal ein Ufo. Eines, das allerdings Menschen aus ganz Deutschland und aller Welt anzieht.

"Tagungshäuser sind bewohnbare Kirchtürme",

beschreibt Brandt die Leuchtturmfunktion von Einrichtungen wie Josefstal.

Seit 1967 ist das Studienzentrum "Nagelkreuzzentrum" im Versöhnungsnetzwerk der Kathedrale von Coventry. Seit über 50 Jahren finden regelmäßig Ökumenische Studienkurse in Josefstal statt, in deren Rahmen sich Christen aus verschiedenen europäischen Nationen und Konfessionen begegnen. Die Geschäftsstelle des international verdrahteten Bibliolog-Netzwerks hat Brandt nach Josefstal geholt, wo sie auch in Zukunft bleiben soll.

"Mehrsprachigkeit" war Brandt in mehrfacher Hinsicht immer wichtig – nicht nur im Spagat zwischen Finanzmanagement, Spiritualität und Jugendarbeit. Er selbst ist das Kind einer konfessionsverbindenden Apotheker-Ehe. Bevor er konvertierte und evangelischer Pfarrer wurde, hat der gebürtige Wiesbadener katholische Theologie studiert.

Noch sieben Monate Dekanatsjugendpfarrer

Ihr Haus in Josefstal haben Brandt und seine Frau, die in München das Evangelische Beratungszentrum leitet, bereits verkauft. Für den Ruhestand zieht es beide in die offenere Landschaft der mainfränkischen Weinberge – und in die Nähe eines anderen evangelischen Hauses. Im Friedwald, der zum spirituellen Zentrum Schwanberg gehört, besitzen Brandt und seine Frau schon einen Baum. Ihr neues Domizil steht im Dekanat Castell in Unterfranken. Dort wird Brandt noch einmal für sieben Monate Jugendpfarrer und eine Vakanzvertretung in den Gemeinden Bimbach und Brünnau übernehmen.

Warum noch einmal ein Neuanfang für sieben Monate? Er habe seinem Nachfolger Roger Schmidt, derzeit noch Studienleiter im Münchner Collegium Oecumenicum, einen glatten Anfang mit Beginn des neuen Jahres ermöglichen wollen, sagt Brandt. Schmidt hat im Sommer bereits das Programm für 2019 geplant.

Zum Abschied gibt es in Josefstal ein Symposium zur Zukunft der evangelischen Jugendarbeit. Titel: "glauben. lernen. weitergeben". Viele langjährige Wegbegleiter Brandts haben sich angesagt. Der bekannte Theologe Fulbert Steffensky kommt auch.

Aber niemals geht man bekanntlich so ganz: Josefstal und dem Studienzentrum bleibt Brandt auch in Zukunft erhalten. Als "fester freier" ­Bibliolog-Referent wird er auch in Zukunft vermitteln, dass und wie "Mehrsprachigkeit" segensreich sein kann.

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Das evangelische Studienzentrum in Josefstal
Im oberbayerischen Josefstal findet derzeit der 50. Ökumenische Studienkurs der bayerischen Landeskirche statt. Vertreter von 27 christlichen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen aus 15 Ländern von Island bis Rumänien, von Russland bis Österreich sprechen über Gemeinsamkeiten und offene Baustellen im gegenseitigen Verständnis. Die Begegnung findet seit 1967 jedes Jahr statt – ebenso lang ist Josefstal Mitglied in der friedensstiftenden Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry. Das Tagungsmotto zum 50. Geburtstag des Studienkurses lautet "Versöhnung". Ein Gespräch mit Oberkirchenrat Michael Martin über Europa, Versöhnung und den Frieden.
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