12.05.2020
"Es ist ein einziger Alptraum"

"Tag der Pflege" am 12. Mai: Angehörige fordern dringend Entlastungsangebote

Für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen ist seit dem Ausbruch des Coronavirus das Leben sehr schwer geworden. Manche sind am Rand ihrer Kräfte.
Tag der Pflege Angehörige
In Pflegeschulen lernen Azubis, wie wichtig Mobilität und Orientierung für die Lebensqualität von pflegebedürftigen Menschen ist. Durch die Corona-Krise kommt es hier zu gravierenden Einschränkungen.

Ihr Mann sei in der Tagespflege in guter Obhut gewesen, erzählt Birgit Dölfel: "Er ging auch gern dorthin." Dann schloss die Einrichtung pandemiebedingt. Seither ist der an Demenz erkrankte Gatte der 63-jährigen Würzburgerin zu Hause. Dölfel selbst hat noch einen 35-Stunden-Job als Bibliotheksangestellte. Und keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll, nachdem ihr Mann rund um die Uhr Betreuung benötigt. "Die momentane Situation ist für mich ein einziger Alptraum", sagt die pflegende Angehörige.

Etwas rein aus Neigung zu tun, ist für Birgit Dölfel seit der Demenzdiagnose im Sommer 2018 nicht mehr drin. "Ich fühle mich seither, als würden zwei Köpfe auf meinem Hals sitzen, einer, der mein eigenes Leben, und der andere, der das Leben meines Mannes betrifft", sagt sie. Noch als ihr Mann in die Tagespflege ging, sei sie immerzu angespannt gewesen. Die Schließung der Einrichtung droht Dölfel vollends an den Rand ihrer Kräfte zu bringen.

Wie es pflegenden Angehörigen gerade geht, darauf möchte sie anlässlich des "Tages der Pflege" am 12. Mai aufmerksam machen.

Niemand hat momentan eine Antwort parat, wie berufstätige Angehörige, die ein Familienmitglied pflegen, beide Anforderungen während der Corona-Krise managen können, schildert Dölfel.

Zwar ist es gesetzlich möglich, sich bis zu zehn Tage von der Arbeit freistellen zu lassen, um die Pflege neu zu organisieren. Diese Zeit hat die Angestellte im öffentlichen Dienst inzwischen aufgebraucht. Nachdem sie eidesstattlich versichert hat, dass es niemanden gibt, der sich um die Pflege ihres Mannes kümmert, wurde sie vom Arbeitgeber vorübergehend freigestellt.

Woche für Woche hofft Dölfel, dass es endlich eine Tagespflege-Notbetreuung gibt: "Eben habe ich gehört, das sei in Planung." Seit März versucht Birgit Dölfel, die Tage irgendwie zu überstehen. Eine Haushaltshilfe aus Osteuropa kommt für sie nicht in Frage: "Dazu ist unsere Mietwohnung zu klein." Auch würde es nicht viel nützen, die Sozialstation einzuschalten. Denn es geht bei der Pflege ihres Mannes nicht nur um ein paar Handgriffe:

"Er kann nichts mehr alleine tun." Im schlimmsten Fall müsste Birgit Dölfel ihren Dienst quittieren und, mit Abschlägen, zwei Jahre früher als geplant in Rente gehen.

Anderen Angehörigen, die kurzfristig die Pflege übernehmen mussten, wurde gar mit Kündigung gedroht, berichtet Michael Schröter vom Gautinger Unternehmen "Bayernpflege", das polnische Betreuungs- und Pflegekräfte vermittelt. Die Nachfrage nach diesen Kräften sei momentan immens, sagt er. Sein Unternehmen könne sie bei weitem nicht decken. Schon gar nicht prompt. Schröter weiß, wie sehr häusliche Pflege stresst: "Wir erleben in den Familien gerade viel Leid und Verzweiflung."

Verschärft wird die Situation, wenn Angehörige und Pflegebedürftige kein gutes Verhältnis haben. Dass sie von jetzt auf gleich nahezu alleine für die Pflege verantwortlich sind, kann für Angehörige dann höchst problematisch werden, sagt die Erlanger Pfarrerin Isolde Meinhard. Eine Beziehung zwischen Elternteil und Kind, die noch nie sehr gut war, könnte sich weiter verschlechtern, wenn man nun krisenbedingt noch stärker aufeinander angewiesen ist. Pflegebedürftige seien ja nicht grundsätzlich nett und dankbar, gibt die Theologin zu bedenken.

Für Menschen im Seniorenheim ist es stets ein Lichtblick, wenn Besuch kommt.

Auch das fällt krisenbedingt bis zum 9. Mai weg. Welche Dramen dadurch entstanden, erfuhren die Beraterinnen des Würzburger Vereins "Halma - Hilfen für alte Menschen im Alltag". So erzählte eine Klientin am Telefon von ihrem Ehemann, der im Heim lebte und dort mit dem Coronavirus infiziert wurde. "Die Ehefrau hatte sich selbst angesteckt und lag schwer krank zu Hause", berichtet "Halma"-Leiterin Sabine Seipp. Wochenlang konnte sie ihren Mann nicht sehen: "Dann starb er, kurz bevor sie wieder gesund wurde."

Eine der "Halma"-Beraterinnen ist von der Krise gleich doppelt betroffen: als Mitarbeiterin der Fachstelle sowie als Angehörige einer dementen Mutter, die 70 Kilometer entfernt in einem Heim lebt. "Ich habe meine Mutter wochenlang nicht mehr gesehen, weil das Heim keine Videotelefonie anbieten kann", erzählt sie. Von Mal zu Mal erlebte sie am Telefon, wie ihre Mutter ihre Worte verlor: "Zwischendrin legte sie den Hörer weg, weil sie vergaß, was sie in der Hand hatte." Gesundheitlich gehe es ihrer Mutter schlecht, schildert die Tochter. Nun hofft sie, dass sie sie begleiten darf, sollte sie sterben.

Die pandemiebedingte Reglementierung in der Altenhilfe habe Angehörige in den vergangenen Wochen stark belastet, sagen die Beraterinnen von "Halma". Sie befürchteten zum Beispiel, dass sich Pflegebedürftige durch das Besuchsverbot verändern, körperlich und geistig abbauen könnten.

Eine Frau, deren Ehemann vor wenigen Wochen überraschend kurz vor seiner Rückkehr nach Hause im Heim starb, erklärte am "Halma"-Telefon: "Mein Mann ist nicht an Corona verstorben, sondern an Einsamkeit."

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