17.07.2019
Flüchtlinge in Tansania

T_usw: „Ob ich eine starke Frau bin? Das ist nur Gott!“

Eine Flucht, die Zeit in Lager und die ständige Angst Tansania verlassen zu müssen, bestimmen Ruth Mbungiras Leben. Trotzdem dankte die junge Frau Gott. Hier erzählt Sie ihre Geschichte.
Dürre in Ostafrika: Kinder in Uganda

Im Jahr 1994 erschütterte ein Völkermord Ruanda. Die Bevölkerungsgruppe der Hutu tötete innerhalb von nur 100 Tagen fast eine Millionen Angehörige der Tutsi-Minderheit. Als eine Tutsi-Armee der Ruandisch Patriotischen Front (RPF) unter dem heutigen Präsidenten Paul Kagame das Land eroberte, waren viele Hutu gezwungen, aus Ruanda zu fliehen.

Ruth Mbungira* war eine von ihnen. Eine Odyssee führte sie über die heutige Demokratische Republik Kongo nach Tansania. Heute lebt sie dort in der Nähe von Arusha, wo sie seit fast 20 Jahren als Montessoripädagogin in einem Waisenhaus arbeitet. Nach Ruanda kann sie nicht zurück, alle ihre Verwandten sind tot und sicher fühlt sie sich dort auch nicht. Doch alle zwei Jahre muss sie ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für viel Geld erneuern und unter der neuen tansanischen Regierung wurden die Bedingungen nochmals verschärft. Hier erzählt Ruth ihre Geschichte. (*Name von der Redaktion geändert)

„Ich war 22 oder 23 Jahre alt, als ich aus Ruanda geflohen bin. Als Hutu waren wir stark unter Druck, wir wurden geschlagen und misshandelt. Viele Menschen sind ins benachbarte Zaire, den heutigen Kongo, gegangen. Mein Vater, mein Bruder, meine Schwester und viele Nachbarn haben den Krieg zwischen Tutsi und Hutu nicht überlebt.

Meine Mutter war zu alt und schwach und mein Bruder zu jung, um mit mir zu kommen. Ich entschloss mich, auch in den Kongo zu gehen.

Französische Soldaten sorgten damals dafür, dass wir sicheres Geleit ins Nachbarland bekamen. Doch dort war das Leben hart, es gab wenig zu Essen. Viele Frauen wurden vergewaltigt. Immer wieder ging das Gerücht, dass vergiftete Mandazi an Flüchtlinge verteilt wurden, damit sie starben. Nach etwa drei oder vier Monaten kamen die Vereinten Nationen und haben Zelte, Mais und Honig gebracht. Zu dieser Zeit war das Leben einigermaßen erträglich. Wir konnten neu beginnen, hatten Arbeit, eigene Zelte, medizinische Versorgung und Grundschulen.

Doch dann wurde Mobuto Sese Seko, der damalige kongolesische Diktator, immer kränker. Ein Bürgerkrieg brach aus. Die ruandische Armee marschierte ein und griff auch Hutu-Flüchtlinge an. Das führte zu einer planlosen Flucht tausender Hutu durch den Kongo, die etwa ein Jahr lang anhielt. Es gab keine Unterstützung mehr durch die Vereinten Nationen. Wir haben versucht, irgendetwas zu essen am Straßenrand zu finden oder von den Bäumen zu pflücken. Ehemalige Soldaten haben in der Gruppe der Flüchtlinge dann die Führung übernommen.

Wir haben uns mit Seilen über Flüsse gehangelt und in Sümpfen übernachtet. Man sieht heute noch meine Narben von den Blutegeln, die mich gebissen haben. Viele Menschen sind gestorben. Zuerst die kleinen Kinder, die von ihren Müttern getragen wurden. Aber auch viele andere. Sie hatten keine Schuhe mehr, haben sich die Füße wund gelaufen und sind an den Entzündungen gestorben.

Ich bin vom Ostkongo etwa 2000 Kilometer bis an die angolanische Grenze gelaufen. Als wir in Mbandaka angekommen sind, kam die ruandische Armee mit Booten auf dem Kongo-Fluss, hat Flüchtlinge abgeholt und erschossen.

Für die Armee war es leicht zu unterscheiden, wer Kongolese und wer Flüchtling war. Die Flüchtlinge waren abgemagert und trugen heruntergekommene Kleidung. Außerdem trugen die Einheimischen in dieser Gegend oft weiße Tücher. Dadurch erkannte man sie.

Ich konnte verstehen, was die Soldaten miteinander sprachen, weil ich vor dem Krieg in einer Bibelschule in Tansania Kisuaheli gelernt habe. Die Leute dachten also ich sei selbst aus dem Kongo, weil Ruander eigentlich kein Kisuaheli sprechen.

„Wir waren wie Gefangene"

Als ich eines Tages umherirrte, hungrig und durstig, kam ich an einen Brunnen. Ich war sehr schwach. An diesem Brunnen standen ein paar Kinder und wuschen Wäsche. Sie fragten mich, ob ich aus Ruanda sei. Ich antwortete: „Ja, das bin ich.“ Die Kinder fragten, ob nicht alle aus Ruanda tot seien. Ich antwortete: „Ich bin nicht gestorben, ich bin weggelaufen.“ Ein Mädchen rannte zu seiner Großmutter und lud mich zu sich nach Hause ein. Ich durfte eine Woche bei ihnen wohnen. Sie teilten ihr Essen mit mir, obwohl sie nicht viel hatten.

Nachdem ich die Familie verlassen hatte, hörte ich Gerüchte, dass es Flugzeuge gibt, die Flüchtlinge zurück nach Ruanda bringen. Ich hielt nach den Flugzeugen Ausschau, doch niemand wusste, wo sie landen.

Dann traf ich auf der Straße einen Lehrer, den ich aus Ruanda kannte. Er sagte, dass er mich zu einer Kirche bringen würde, die ein Treffpunkt sei.

Ein Padre begrüßte mich dort. In der Kirche warteten bereits andere Flüchtlinge aus Ruanda auf ihre Rückkehr. Ich war in guter Verfassung, da ich eine Woche lang Essen bekommen hatte und weil meine Kleider gewaschen waren. Doch die Flüchtlinge in der Kirche waren verkratzt, dreckig, müde und verzweifelt.

Der Padre warnte mich: „Die Situation ist schwer einzuschätzen. Flieg nicht mit dem ersten Flugzeug.“ Aber ich wollte die Chance nutzen, um so bald wie möglich heim zu kommen. Dann liefen wir zu dem Flugplatz. Es war eigentlich kein Flugplatz, es war nur ein Feld. Dort standen ruandische Soldaten mit Maschinengewehren. Von ihnen bekamen wir eine Tasse Mais, um sie zu kochen. Wir warteten drei Tage. Die Soldaten ließen uns nicht mehr gehen. Selbst zur Toilette durften wir nur in Begleitung. Wir waren wie Gefangene.

„Meine Mutter war nicht glücklich, mich wieder zu sehen“

Auf diesem Feld nahe Mbandaka warteten Tausende. Nach drei Tagen wurden Listen geschrieben: „Wie heißt du, wo kommst du her?“, fragten sie. Dann kamen die Flieger. Wir mussten uns in Reihen aufstellen und einsteigen. Die Flugzeuge hatten keine Sitze. Dann flogen wir nach Ruanda. Das war am 26. Mai 1997. In Ruanda landeten wir auf einem abgelegenen Flugfeld. Wir bekamen Ausweise von der UNHCR bekommen, eine sogenannte „voluntary repatriation form“, ein Dokument, das belegt, dass ich freiwillig zurückgekehrt bin. Damit konnten wir in andere Flüchtlingslager und bekamen Essen. Ich passe bis heute gut auf dieses Dokument auf.

Wir waren eine Woche in diesem Lager. Immer wieder hat man uns gesagt: „Habt keine Angst, Ruanda ist ein sicheres Land, kehrt zurück in Frieden.“ Doch als ich zu meiner Mutter zurückkehrte, war sie nicht glücklich, mich zu sehen.

Kurz zuvor waren Männer bei ihr gewesen. Sie haben meine alten Schulhefte durchgeblättert und gesehen, dass dort viel auf Kisuaheli stand und hatten gefragt: „Wo ist die, die Kisuaheli sprechen kann?“ Also habe ich mich nachts versteckt und außerhalb des Hauses geschlafen. Ich hatte solche Angst! Im ganzen Land wurde immer noch nach geflüchteten Hutu gesucht.

Viele Männer sind eingesperrt worden. Ich habe bei Freunden übernachtet, damit mich niemand findet.
Eine niederländische Ordensschwester hatte mir vor Jahren geholfen, einen Platz in einer Bibelschule in Tansania zu bekommen. Nun ging ich wieder zu ihr und bat sie, mich noch einmal nach Tansania zu bringen. Gemeinsam mit einem ruandischen Priester haben sie sich um eine Stelle für mich bemüht.
Ich wurde in der Ushirika wa Neema, der Gemeinschaft der Gnade, in Moshi aufgenommen. Dort habe ich eine zweijährige Montessori-Ausbildung gemacht, die mir die Schwester und der Priester bezahlt haben. In dieser Zeit hatte ich immer wieder Kontakt zu anderen ruandischen Flüchtlingen in Tansania. Alle warnten mich. Sie sagten: „Geh nicht zurück! Wenn dann geh in ein Flüchtlingslager nahe der Grenze, aber auf tansanischem Boden.“

„Alle sagten: Geh nicht zurück!“

Doch am Ende meiner Ausbildung musste ich zurück, weil meine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war. Meine Freundin Monica sagte: „Geh nicht zurück!“ Mein Freund Festo sagte: „Geh nicht zurück!“ Und auch Franky aus Arusha sagte: „Geh nicht zurück!“

Also bin ich zum Bischof der Meru-Diözese gegangen und habe ihn um Hilfe gebeten. Der Bischof kannte mich aus meiner Zeit in der Bibelschule, die er damals geleitet hat. Er verhalf mir zu einer Arbeitsgenehmigung und ich begann in einem Waisenhaus zu arbeiten. Es war ein guter und wichtiger Job.

Ich habe die Montessoripädagogik in dem Waisenhaus für die älteren Kinder etabliert.

Doch in den vergangenen Jahren gab es große Veränderungen. Der alte Bischof ging in Ruhestand und eine neue Regierung wurde gewählt. Die Administration unter dem neuen Präsidenten John Magufuli ist sehr viel strenger, was Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen für Nicht-Staatsbürger angeht. Meine aktuelle Erlaubnis läuft noch bis August 2018. Dann muss ich eine neue beantragen. Eine Aufenthaltsgenehmigung kostet 250 US-Dollar. Doch zuvor braucht man eine Arbeitserlaubnis und die kostet 500 US-Dollar. Pro Monat verdiene ich 335.000 tansanische Schilling. Nach Abzug von Miete, Versicherung und Strom bleiben mir knapp 230.000 bis 240.000 Schilling übrig, das entspricht etwa 90 US-Dollar. Um nebenher ein wenig Geld zu verdienen, verkaufe ich Batik-Tücher mit traditionellen Motiven.

„Ich kann mir nicht vorstellen, je wieder in Ruanda zu leben“

Es ist sehr schwierig geworden, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Ich muss nachweisen, dass ich einen Job mache, den kein Einheimischer machen kann. Doch es gibt natürlich keine Arbeit, die ein Tansanier nicht auch machen könnte. Das öffnet ein Tor zur Willkür. Die niederländische Schwester hatte den Plan, mich nach England zu schicken, damit ich mehr über Kindererziehung lerne. Doch dann starb sie. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder in Ruanda zu leben. Meine Mutter ist vor fünf Jahren gestorben und mein jüngerer Bruder lebt auch seit zehn Jahren in Tansania.

Ich habe in Ruanda kein Zuhause mehr.

Sollte ich eines Tages keine Aufenthaltsgenehmigung für Tansania mehr bekommen, werde ich mein Glück in Uganda versuchen. Dort ist es mit den Papieren nicht so schwierig, aber man braucht Geld, um sich eine Existenz aufzubauen. Dann würde ich in Kampala einen Friseursalon aufmachen, weil ich gut Zöpfe flechten kann. Meine Erlebnisse haben mich nicht gebrochen. Ich bin abhängig von Gott und es gibt niemanden außer ihm, der mir helfen kann. Gott hat große Dinge in meinem Leben getan. Ob ich eine starke Frau bin? Das ist nur Gott.

Voluntary Repatriation

Freiwillige Rückführung oder Wiedereinbürgerung ist ein Konzept, das die freie und freiwillige Heimkehr einer geflüchteten Person in ihr Ursprungsland beschreibt. Dazu werden Flüchtlinge auf sicherem Weg zurück in ihre Heimat gebracht, wenn es die Bedingungen dort erlauben. Sowohl die Sicherheit der Heimkehrer vor Gewalt und Verfolgung als auch eine wirtschaftliche Existenzgrundlage und der Zugang zu grundsätzlicher Versorgung (etwa Medikamente, Bildung) müssen dafür im wiederaufnehmenden Land gewährleistet sein. Das UN-Flüchtlingswerk hat dafür eine umfangreiche Liste von Faktoren etabliert.

Die UNHCR sieht die Repatriierung als ersten Schritt der „4 Rs“ – Repatriierung, Reintegration, Rehabilitation und Wiederaufbau (Rekonstruktion) – um Flüchtlinge wieder vollständig in die Gesellschaft ihres Heimatlandes einzugliedern. Mitte bis Ende der 1990er Jahre organisierte die UNHCR auch Repatriierungs-Flüge für ruandische Flüchtlinge aus dem Kongo zurück nach Ruanda.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Doku "Sing it loud"

»Ein feste Burg«: der Kanaani-Jugendchor aus Arusha, Tansania.
Mehr als 1.500 Chöre kommen jedes Jahr zum Sing-Festival der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias (ELKT) zusammen. Unvorstellbar für kirchenferne Deutsche wie die Filmemacherin Julia Irene Peters, die eher zufällig bei einem Tansania-Besuch von dem Wettstreit hörte – und einen Film über die singenden Lutheraner drehte, der nun im Kino zu sehen ist.

Sozialministerin Müller im Gespräch

Sozialministerin Emilia Müller
Fünf Jahre lang hat Emilia Müller als Europaministerin die bayerischen Strippen in Brüssel gezogen. Die letzte Landtagswahl im Herbst 2013 katapultierte die Oberpfälzerin dann an die Spitze des bayerischen Sozialministeriums und - unter dem Eindruck der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer - in den Fokus der Öffentlichkeit. Im EPV-Redaktionsgespräch erklärt die 62-Jährige, welche Zuwanderungspolitik sie sich für die Zukunft wünscht - und was sie als Sozialministerin für Bayern noch bewegen will.