An diesem Donnerstag (11. Juni) wird die 23. Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko angepfiffen. Für viele Fans hat Fußball nicht nur während der WM Züge einer Religion. Der Sportbeauftragte des Bistums Würzburg, Thorsten Kapperer, fragt aus diesem Anlass, was die Kirche von Fußball lernen kann.

Der promovierte katholische Theologe Kapperer (45) ist selbst Fan des VfB Stuttgart und gerne in großen Fußballstadien unterwegs, erzählt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Über Orte großer Emotionen, La-Ola-Wellen im Kirchenraum und Jesus als Spielertrainer.

Herr Kapperer, was kann Kirche von Fußball lernen?

Thorsten Kapperer: Fußball kann Emotionen erzeugen. In der Kirche gibt es auch große Emotionen - wenn ich an Gottesdienste denke, die den Menschen nahegehen und persönlich ansprechen. Aber wenn ich auf dem Fußballplatz oder in einem der großen Stadien bin, erlebe ich ganz viel Leidenschaft und Emotionen.

"Ich würde es mir wünschen, dass wir in der Kirche öfter leidenschaftlich sind, dass wir die Freude an Jesus Christus noch mehr nach außen tragen."

Ein Theologe sagte einmal: Erlöster müssten sie aussehen, die Erlösten.

"Am Ende zählen die Punkte" - "Am Ende zählt das Heil": Was kann Kirchensprache von Fußballersprache lernen?

Wir haben in der Kirche viele große Begriffe wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit. Es ist nicht immer einfach, diese Begriffe zu erklären. Der Fußball dagegen hat eine einfache Sprache, die ganz viele Menschen verstehen.

Ein Beispiel: Das Heilige ist theologisch etwas, das im selben Moment erschreckt und zugleich positiv erfüllt. Das ist sehr abstrakt. Stelle ich mir aber ein Fußballspiel vor, in dem in der letzten Minute das entscheidende Tor fällt, dann ist das der Moment, der die eine Mannschaft absolut beglückt und die andere zu Tode betrübt. So ließe sich die Offenbarung des Heiligen in Fußballersprache erklären.

Wenn Jesus heute eine Mannschaft trainieren würde, wäre er der Teamchef, der Motivationscoach oder der Schiedsrichter?

"Am ehesten der Motivationscoach oder besser noch der Spielertrainer."

Ein Spielertrainer steht auf dem Platz, spielt selbst mit, hat aber doch viel Verantwortung für die Mannschaft. Jesus ist keiner, der im Anzug vom Spielfeldrand aus lose Anweisungen gibt, sondern Jesus ist einer - das ist das sympathische - der uns auf dem Spielfeld des Lebens beisteht.

Jesus wird genauso dreckig, ist mit uns auf Augenhöhe, aber doch einer, der die Richtung des Spiels vorgibt und trotz seines Mitspiels die Übersicht hat. Er freut sich super mit, wenn ein Tor gelingt, fühlt mit, wenn sich jemand verletzt, baut einen auf, wenn man einen Fehler gemacht hat.

Sollte es bei besonders guten Predigten eine La-Ola-Welle geben?

(lacht): Eher nicht. Die La-Ola-Welle ist etwas Sporttypisches, das könnte leicht lächerlich wirken. Begeisterung ja, auch bei Applaus bin ich sofort dabei.

"Aber Sport bleibt Sport und Religion bleibt Religion. Man kann viel voneinander lernen, aber es gibt natürlich eine unzulässige Vermischung der beiden Felder, die weder die Kirchenleute noch die Fußballer wollten."

Wenn ich in der Fankurve stehe und sage: Ihr seid ja alle religiös, es gibt Vorgesang, Wechselgesang und die Kutten, die Trikots, die ihr anhabt, das ist ja alles wie in der Kirche, da würden auch die Fußballer sagen: Stopp, ich möchte nicht religiös vereinnahmt werden.

Wenn der Pfarrer eine gelungene Predigt auf der Kanzel hält, sollte es dann hinterher Interviews in der "Mixed Zone" geben?

Dass der Pfarrer hinterher mit den Leuten über die Predigt spricht, das ist eigentlich ein schönes Bild. Aber das wird auch schon gemacht, dass man aus dem Monologisieren in der Predigt herauskommt. Die Monologpredigt ist noch die dominierende Form, aber es gibt inzwischen auch andere Formate.

Ich war einmal dabei, da wurden Impulse auf Karten verteilt, darüber konnten sich die Leute dann austauschen. Das ist wie in der Mixed Zone, wo gefragt wird: Was löst das in dir aus, wie ist die Stimmung? Ich würde das als gute Anregung sehen.

Welches Kirchenlied hätte das Zeug für eine Stadionhymne?

Ich finde, dass das 'Laudato si, o mi signore' sich seit Jahrzehnten in den Kirchen behauptet. Viele kennen es. Es ist zwar etwas altbacken, aber es wird immer noch gerne gesungen, auch von Leuten, die sich längst von der Kirche entfernt haben.

Wenn ich nicht falsch informiert bin, existiert von diesem Lied sogar eine "Malle"-Version. Dieses Kirchenlied hätte das Potenzial für eine Hymne, weil es eingängig und sehr prägnant ist.

Braucht es in der Kirche mehr Fanschals und weniger Strukturdiskussionen?

Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen. Ich weiß um die Schwierigkeit, für Immobilien gute Lösungen zu finden. Allerdings darf dabei die Leidenschaft nicht zu kurz kommen. Papst Franziskus hat immer wieder gesagt: Kreist nicht zu sehr um euch selbst als Kirche.

Geht raus, macht euch schmutzig, geht auf die Straßen des Lebens und befasst euch nicht zu sehr mit strukturellen Fragen. Sie müssen geklärt werden, aber es ist sicherlich eine Gefahr, dass wir zu sehr in strukturellen Fragen hängen bleiben. Wenn wir alles nur zu 100 Prozent ordnen, würde uns mehr Fan sein und mehr Leidenschaft bestimmt guttun.