21.08.2019
Soziale Medien

Wie sich Influencerinnen im Internet für Umwelt und Klimaschutz starkmachen

Mode, Beauty und jede Menge Marketing: Die Internet-Plattform Instagram hat den Ruf einer Konsum- und Scheinwelt. Einige Influencerinnen setzen aber auf Werbung für Nachhaltigkeit statt Talmi-Glanz.
Instagram-"Sinnfluencerin" Laura Mitulla.
Instagram-"Sinnfluencerin" Laura Mitulla.

Auf einem Schiff ist kein Platz für unendlich viel Kram. Deshalb lernte Laura Mitulla schon früh, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Von ihrer minimalistischen Lebensweise, geprägt durch die Kindheit auf einem Binnenschiff, berichtet die 24-jährige Berlinerin seit 2016 bei Instagram und in dem Onlinemagazin The OGNC. "Es fühlte sich falsch an, den Laptop zu schließen und niemandem zu zeigen und zu beweisen, wie vielfältig eine nachhaltige Lebensweise sein kann", sagt Mitulla.

So ist die 24-jährige Bloggerin und Influencerin mittlerweile Teil eines Gegenpols zu dem, was oft auf Instagram vorgelebt wird. Mit all den perfekt wirkenden Reisebildern, vorteilhaft inszenierten Körpern, vorgegaukeltem Glück und massenweise Influencer-Marketing hat das Bilder-Netzwerk zwar eher den Ruf einer Konsum- und Scheinwelt – in den vergangenen Jahren hat sich auf der Plattform allerdings eine Gegenbewegung gebildet – "Sinnfluencerinnen", eine Art grüne Nische.

Klima-Aktivismus liegt im Trend

Ein Großteil der Szene ist jung und weiblich: Vreni Jäckle, Jana Braunmüller und Nina Lorenzen setzen sich auf dem Kanal "Fashion Changers" für mehr Transparenz und faire Bedingungen in der Textilindustrie ein. Shia Su zeigt auf dem Account "Wasteland Rebel", wie man "Zero Waste" leben kann, also ohne Müll zu verursachen. Louisa Dellert hat sich von einer Fitness-Bloggerin zur Klima-Aktivistin entwickelt, spricht mit Politikern und Unternehmerinnen über Umweltfragen und informiert etwa über Ökostrom und Umweltbilanzen von Produkten. Madeleine Alizadeh zeigt auf ihrem Account "DariaDaria", dass ein Leben weitgehend ohne tierische Produkte, mit sozialem Engagement und fair produzierter Kleidung nicht Selbstkasteiung bedeuten muss, sondern Spaß machen kann.

Mit ihrem Engagement für einen nachhaltigen Lebensstil erreichen die Frauen Hunderttausende Menschen. Louisa Dellert folgen rund 384.000 Nutzer, bei DariaDaria sind es rund 237.000, und Su folgen 102.000 Menschen.

Das soziale Netzwerk eigne sich mit seinem Fokus auf visuelle Kommunikation, Inhalte prägnant und wenn nötig emotional zu vermitteln, sagt der Medienwissenschaftler Jan-Hinrich Schmidt. Am Hamburger Hans-Bredow-Institut forscht er zu digitalen Medien und politischer Kommunikation. "Die Influencerinnen können Themen ganz anders kommunizieren, als es Ministerien und Fachmagazine könnten", erklärt er.

Oft nur Selbstdarstellung

Zwischen Influencerinnen und Nutzern bestehe eine enge, "fast schon persönliche Beziehung", erklärt Benjamin Borgerding, Digital Campaigner bei Greenpeace Deutschland. Deshalb beeinflussten sie ihre Abonnenten deutlich stärker als klassische Markenbotschafter. "Das gilt auch für positives oder wünschenswertes Verhalten – wie einen bewussteren Umgang mit Konsum, Nahrung oder Plastik", sagte Borgerding.

Kritisch sieht er es allerdings, wenn sich Influencerinnen nur oberflächlich für ein Thema interessierten, weil es gerade im Trend sei. Dann bestehe die Gefahr, "dass ein bestimmtes Problem trivialisiert wird, weil es nur mal eben schnell zur Selbstdarstellung benutzt wird".

Hinzu kommt: Um von ihrer Arbeit bei Instagram leben zu können, sind viele darauf angewiesen, Kooperationen mit Unternehmen einzugehen und Werbung für Produkte, Firmen oder Organisationen zu machen. Einige verkaufen auch eigene Produkte: Dellert betreibt einen Onlineshop für nachhaltige Gebrauchsgegenstände wie Einkaufsnetze und Brotdosen, Alizadeh eine fair produzierte Modelinie.

Handeln statt diskutieren

Zwar sehe sie den Verkauf von Neuware "auch als problematisch" und mahne immer wieder, nur das zu kaufen, was auch wirklich gebraucht werde; trotzdem sei es ihr lieber, wenn die Leute "fair" bei ihr kauften als bei herkömmlichen Herstellern.

Die Zero-Waste-Bloggerin Shia Su geht noch einen Schritt weiter. Sie heiße selbst nachhaltigen Konsum ohne Reduktion nicht gut, "denn das trägt dazu bei, das kapitalistische, auf Wachstum basierte System zu erhalten", sagt sie. Um wirksam gegen den Klimawandel vorzugehen, müsse man weg vom Überkonsum.

Das Engagement der Influencerinnen findet nicht nur online statt, sondern schwappt auch in die politische Landschaft. So hat etwa Alizadeh kürzlich bekannt gegeben, dass sie bei den österreichischen Nationalratswahlen im Oktober für die Grünen antreten wird – die 30-Jährige kandidiert allerdings auf dem letzten Listenplatz.

Und Mitulla erklärt in Workshops, wie ein klimaschonender Lebensstil funktionieren kann: "Wenn ich es schaffe, mehrere Tausend Menschen zu inspirieren, weniger und bewusster zu konsumieren, dann ist es mir relativ egal, auf welchem Medium das passiert", sagt sie. "Hauptsache, es passiert. Und es wird gehandelt statt diskutiert."

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