29.07.2018
Evangelische Morgenfeier

Predigt: Über Beruf und Berufung

In der evangelischen Morgenfeier setzt sich Kirchenrätin Andrea Wagner-Pinggéra mit den Themen Beruf und Berufung auseinander: "Wenn Gott ruft, fragt er nicht nach dem Alter. Ob alt oder jung - das spielt für Gott keine Rolle. Als Gott Jeremia beruft, möchte dieser ablehnen. Mit Verweis auf sein Alter. Aber das lässt Gott nicht gelten."
Prophet Jeremia
Prophet Jeremia , Fresko von Melozzo da Forlì in der Sakristei von San Marco in Loreto

Nach einer Taufe sitze ich mit einer der Patinnen des Kindes etwas abseits des Trubels. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau, finanziell bestens situiert. Da passt alles, hatte ich den Eindruck: Aussehen, Geld, Job.

Wir sprechen über dies und das. Irgendwann landen wir bei unseren Berufen. Sie fragt mich Löcher in den Bauch. Ob meine Arbeit vielseitig ist. Ob ich mich darin verwirklichen kann. Ob ich das Gefühl habe, Sinnvolles zu tun. Trotz kleiner Einschränkungen sage ich immer "ja". Dann lässt sie die Katze aus dem Sack: "Wenn ich ehrlich sein soll – mein Verdienst ist im Grunde nur ein Schmerzensgeld für die Langeweile, die ich ertragen muss." Am Anfang fand sie es noch spannend, tolle Verträge abzuschließen und eine hohe Provision zu kassieren. Aber auf Dauer war da immer die Sinnfrage.

Ordentlich bezahlt zu werden, ist wichtig. Sehr wichtig sogar. Denn schließlich arbeiten die allermeisten für den Broterwerb. Fast niemand kann auf Dauer auf einen Verdienst verzichten. Aber am Ende des Tages muss mehr als die Kasse stimmen. Geld allein macht noch nicht glücklich.

Das bestätigt auch eine Frau, deren Büro neben meinem liegt. Ich habe mich immer darüber gewundert, warum sie so fröhlich ist, so ausgesprochen nett. Sie wirkt ein bisschen so, als sei sie nur aus Zufall in unsere Kirchenwelt hineingefallen. Doch weit gefehlt. Vor Jahren schon hatte sie die Idee: "Hier würde ich gerne arbeiten". Als sich dann die Gelegenheit bot, hat sie zugegriffen. Seit zwei Jahren arbeitet sie nun bei uns. Fast jeden Morgen geht sie gern aus dem Haus und kommt abends froh wieder. Die Bezahlung – das kann ich sagen – ist es nicht, die sie so froh macht. Eher die Arbeit selbst, das Gefühl, irgendwie, für eine gute Sache, für Gott zu arbeiten. Teil eines großen Ganzen zu sein.

Der Beruf ist etwas ganz Wichtiges für einen Menschen. Schon deswegen, weil er einen guten Teil seines Lebens ausfüllt. Zumindest vierzig Jahre lang, bei manchem auch länger. Acht Stunden am Tag, oft auch mehr. Schon deswegen hat der Beruf eines Menschen immer auch mit Gott zu tun. Denn wie könnte es sein, dass ein so wesentlicher Teil des Lebens von Gott losgelöst sein sollte? Als sei Gott auf Religion zu reduzieren und als sei dann Religion ein Hobby, eine Beschäftigung nebenbei.  Wenn man davon ausgeht, dass Gott alles durchdringt – ich tue das – dann hat er natürlich auch mit dem Beruf zu tun.

Das Wort "Beruf" legt dies auch nahe. Darin versteckt sich der "Ruf". Noch weiter gehend ist die "Berufung". Pfarrer und Pfarrerinnen kennen das: Wenn sie von ihrem Tun reden, fällt schon mal das Wort von der "Berufung". Manche verbinden damit ein Erlebnis, bei den meisten hat es sich entwickelt. Vielleicht durch Krisen hindurch.

Aber nicht nur Geistliche kennen die Berufung, den Ruf an sich. Wer gerne der Frage von Recht und Gerechtigkeit nachgeht, um die Ecke denken kann und sprachlich brillant ist, eignet sich womöglich zur Juristin. Wer Menschen gerne hilft, sich vor Not und Blut nicht scheut, ist in der Pflege gut aufgehoben oder im Rettungsdienst. Es gibt Menschen mit einem sicheren Gefühl für Landschaft und Gärten. Wind und Wetter nehmen sie hin, Pflanzen sind ihre große Liebe. Neigung, Interesse, Begabung, Berufung. Es ist das Interesse an bestimmten Dingen. Auch das innere Wissen: Das ist es. Das und nichts anders, womit ich mich beschäftigen, in das ich mich vertiefen und mein Talent einbringen will.

Das geschieht meist in aller Stille, auch ohne, dass es einem wirklich bewusst wäre.

Manchmal ist es aber ganz anders. Bei Menschen mit ungewöhnlichen Berufen. Bei Menschen, die ihr Leben eigentlich ganz anders geplant hatten. Bei solchen, die wissen, was auf sie zukommt. Und es fürchten.

Der Prophet Jeremia hat so eine Berufung erlebt:

"Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen." ()

Diese Berufung ist eine Ausnahme, denn der Beruf ist eine Ausnahme. Propheten gab es früher wenige, echte noch weniger. Heute ist dieser Beruf ganz ausgestorben. Aber noch immer gibt es Menschen, die besonders hellsichtig sind, Entwicklungen erkennen und auf den Punkt bringen können. Die den Dingen auf den Grund gehen.

Gott ruft Jeremia, Prophet zu werden. Ohne diese Berufung wäre der junge Mann vermutlich geworden, was sein Vater war. So war es üblich im alten Israel. So wäre es vermutlich auch bei ihm gewesen, wären es normale Zeiten gewesen. Aber die Zeiten waren schwierig.

Wir befinden uns im 6. Jahrhundert vor Christus. Also vor gut 2.500 Jahren. Das kleine Land Juda, seine Heimat, war unter die Räder der großen Mächte geraten. Erst Ägypten, dann Babylon. Der Versuch des Königs, die lästigen Machthaber abzuschütteln, scheiterte. Erst gab es einen kräftigen Denkzettel, zehn Jahre später machten die Babylonier das kleine Land einfach platt. Die Stadt Jerusalem wird dem Erdboden gleich gemacht, die Einwohner als Kriegsgefangene deportiert.

In dieser Zeit ist Jeremia Prophet. Mund Gottes, Wächter, Mahner. Die Leute des Landes wollen seine Botschaft nicht hören, seine Warnung vor dem Untergang. Als Kassandra ist er verschrien, als einer, der immer nur schlechte Botschaften zu überbringen hat. Weil die Leute seine Botschaft hassen, vergreifen sie sich an dem Botschafter: Misshandelt wird er, verspottet und schließlich ereilt ihn das Schicksal seines Volkes. Mit unzähligen Anderen wird er verschleppt in ein fremdes Land. Mehr als einmal wendet er sich verzweifelt an Gott, doch nun endlich diese Aufgabe zu Ende zu bringen. Den Ruf Gottes an sich will er loswerden, um nicht zu zerbrechen. Kein anderer Prophet geht mit Gott so hart ins Gericht wie er:

"Weh mir, meine Mutter, dass du mich geboren hast, gegen den jedermann hadert und streitet im ganzen Lande! Ich habe niemandem geliehen, und keiner hat mir geliehen, und doch flucht mir jedermann. […]
Ach, HERR, gedenke an mich und nimm dich meiner an und räche mich an meinen Verfolgern! Raffe mich nicht hinweg, indem du deinen Zorn über sie zurückhältst; erkenne, dass ich um deinetwillen geschmäht werde. […] Ich saß nicht im Kreis der Fröhlichen und freute mich, sondern saß einsam, gebeugt von deiner Hand; denn du hast mich erfüllt mit Grimm. Warum währt doch mein Leiden so lange und ist meine Wunde so schlimm, dass sie nicht heilen will? Du bist mir geworden wie ein trügerischer Born, der nicht verlässlich Wasser gibt." (Jer 15, 10-18 mit Auslassungen)

Gott hat Jeremia nicht den Gefallen getan. Der Ruf an ihn bleibt bestehen. Obwohl äußerlich alles dagegen spricht. Die Leute sind taub gegen das, was er zu sagen hat. Mehr noch: Sie wenden sich von ihm ab, machen sich lustig, verachten ihn. So muss Jeremia auf das verzichten, was Menschen auch wollen in ihrem Beruf. Anerkennung. Das motiviert, treibt an. Und für so manchen ist es das Wichtigste überhaupt. Jeremia muss darauf verzichten. Das ist bitter. Es macht ihn aber auch frei und unbestechlich

Eine Berufung ist keine Garantie dafür, dass alles wie Butter geht. Widerstände gehören dazu. Ärger auch, sogar Frust. Die Frage: "Ist es das noch? Bin ich dafür angetreten?", muss man sich von Zeit zu Zeit stellen. Wenn dann die Soll- die Haben-Seite bei weitem überwiegt, dann ist es höchste Eisenbahn, das Ränzel zu schnüren und zu gehen.

Oder: Man findet seine Berufung ganz woanders. Manche verlegen sich ganz auf die Familie, verbringen viel Zeit mit ihren Kindern, kümmern sich um die altwerdenden Eltern. Andere pflegen ein aufwendiges Hobby, widmen sich der Bienenzucht. Da muss man schon regelmäßig hinterher sein, gerade im Sommer. Sonst fängt ein Volk zu schwärmen und bis man es merkt, ist die Königin mit ihrem Gefolge längst über alle Berge. Oder sie ist beim Nachbarn gelandet, der sie vom Baum geholt hat.

Vielleicht macht ein Ehrenamt wett, was der Beruf gerade zu wünschen übrig lässt. Es hilft ja auch, Seiten an sich zu leben, die sonst wenig zur Entfaltung kommen. Auch das kann der Ruf Gottes sein an das Leben eines Menschen.

Da wird einer Vorsitzender im Voltigierverein. Die paar Mal in seinem Leben auf dem Rücken eines Pferdes sind mit einer Hand abzuzählen. Aber seine Tochter voltigiert leidenschaftlich. Als er gebeten wird, sich um die Finanzen des Vereins zu kümmern, hat er keine Ausrede. Auch hält sich der Aufwand zunächst in Grenzen. Je länger er dabei ist, desto mehr wird ihm bewusst: In diesem Club geht es um mehr als um kleine Kunststückchen. Therapiereiten wird hier großgeschrieben. Er begibt sich auf die Suche nach Sponsoren, um Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen zu unterstützen. Er saniert die Finanzen des Vereins. Schließlich wird er, der zunächst so wenig mit der Reiterei anfangen konnte, zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er hat das Gefühl, am rechten Platz zu sein. Das Wohl des Vereins und mehr noch, der Kinder im Blick. Die Leute gefallen ihm, die Atmosphäre. Er kann ziemlich viel gestalten. Hinter seinem Engagement verschwindet gelegentlich seine eigentliche Arbeit. Die aber ohnehin nur als Übergang gedacht war.

Manche erleben eine zweite Berufung, wenn sie ihr Berufsleben schon hinter sich gebracht haben. Auch das kann ein Ruf Gottes sein.
Als er mit sechzig pensioniert wurde, platzte er fast vor Energie. Unter seiner Ägide wurde der gesamte Haushalt umgekrempelt.

Überall hat er seine Nase hineingesteckt, tausenderlei angefangen und dann wieder liegen lassen. Seine Frau, die über Jahre in Haus und Garten nach ihrem Geschmack hatte wirken können, sah sich beständigen Verbesserungswünschen ausgeliefert. Der Knatsch war vorprogrammiert. Dazu kam, dass er regelmäßig essen wollte. Um es kurz zu machen: Ab Juli war er zuhause, an Weihnachten war sie so fertig mit den Nerven, dass die ganze Familie fand: ein Ehrenamt für den Vater muss her. Das hat sich dann gefunden.

Kurz nach dem Ende der Sowjetunion hat hauptsächlich er, aber auch seine Frau, Hilfstransporte in die Ukraine organisiert, nach Kasachstan, nach Georgien. Er hat zäh mit Behörden verhandelt. Dabei kam ihm seine etwas pedantische Ader sehr zugute. Denn er ließ sich nicht billig abspeisen, sondern kam immer wieder, bis er hatte, was nötig war. Papiere und Genehmigungen.

In dieser Zeit ist der Mann über sich hinausgewachsen. Mit seiner Familie ist er niemals zelten gegangen. Zu unbequem, schlecht für den Rücken. Das war seine Rede  und die Kinder mussten es schlucken. Mit über sechzig war er wochenlang mit einem Kleintransporter in Südosteuropa und am Schwarzen Meer unterwegs. Übernachtet wurde im Wagen oder im Zelt. Da tat ihm nichts mehr weh. Auch die geregelten Mahlzeiten traten in den Hintergrund. Er hatte seine Berufung gefunden: dort Hilfe zu leisten, wo sie wirklich benötigt wurde. Hilfe für die Ärmsten der Armen. Witwen ohne Kinder. Angehörige von Minderheiten. Kranke.

Als er fast achtzig war, hat er seine Aktivitäten eingestellt. Zwischen seiner Pensionierung und diesem Geburtstag lagen zwanzig Jahre, in denen er seine Berufung leben konnte. Das ist ziemlich spät im Leben. Aber so ist das vielleicht – wenn Gott ruft, fragt er nicht nach dem Alter. Ob alt oder jung- das spielt für Gott keine Rolle. Und mancher, der schon älter ist, wird wieder jung mit der neuen Berufung. Das Leben bekommt eine ganz frische, junge, beschwingte Melodie.

Als Gott Jeremia beruft, möchte dieser ablehnen. Mit Verweis auf sein Alter. "Ich bin zu jung". Aber das lässt Gott nicht gelten. Wer jung ist, hat Stärken, von denen andere nur träumen können. Viel Energie. Man kann viel leisten und muss wenig ausruhen. Weil man manche Folgen nicht wirklich abschätzen kann, nimmt man manches einfach in Angriff. Was Ältere als Risiko betrachten würden, halten Junge schlicht für eine Herausforderung. Die man bewältigen kann. Im Umgang mit elektronischen Medien sind sie dermaßen vertraut, dass Ältere dagegen schlicht wie Analphabeten erscheinen.

Trotzdem: Jungen Leuten begegnen viele mit einer gewissen Skepsis. Ob sie oder er dies wirklich kann – andere anleiten, führen, den Überblick behalten, wenn unübersichtlich wird? Auch wenn es in unserer Gesellschaft einen gewissen Jugendwahn gibt: jungen Menschen traut man deswegen noch lange nicht viel zu.

Da geht es den Jungen ganz ähnlich wie denen, die die Mitte der Jahre schon weit überschritten haben. Wohl brauchen die meisten mehr Pausen als Jüngere, sind auch nicht mehr ganz so schnell. Aber sie haben Erfahrung, ihnen kann eigentlich niemand ein X für ein U vormachen. Die Zeit hat sie gelassener werden lassen. Das meiste wird doch nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sie wissen zu unterscheiden zwischen drängend und wichtig. Sie sehen, wann man wirklich handeln muss und wo sich erst einmal der Rauch legen soll, um sich wieder orientieren zu können. Ab einem gewissen Alter weiß man einfach, dass Rückschläge und Niederlagen dazugehören und die allermeisten empfinden dies auch keineswegs als Katastrophe.

Zu jung, zu alt – wenn Gott beruft, ist das kein Argument.

Mancher mag nun sagen: Hat denn das, was hier geredet wird, überhaupt mit mir zu tun? Ich steh auf, frühstücke etwas, mach mich fertig, geh in die Arbeit. Da bin ich den ganzen Tag. Im Sommer verbring ich den Abend im Garten, im Winter schau ich zu, dass die Sachen im Haushalt in Ordnung kommen. Drei Wochen im Jahr fahr ich in den Urlaub. Am liebsten nach Griechenland. Wenn das Geld knapp ist, einfach in den Bayerischen Wald. Das ist mein Leben. Da frag ich doch nicht weiter nach Beruf und Berufung.

Das mag es wohl geben. Wenn jemand damit zufrieden ist, ist es vielleicht genau das Richtige. Es soll sich niemand einbilden, eine Berufung sei immer die ganz große Nummer. Auf dem Friedhof des Benediktinerklosters in Scheyern findet auf den Grabplatten der Mönche neben Namen, Lebensdaten und dem Beruf unten angefügt immer noch eine Zeile, die das Leben des jeweiligen Mönchs beschreibt. Von einem heißt es, er sei fleißig wie eine Biene gewesen. Von etlichen, dass sie Kämpfer fürs Vaterland gewesen seien. Das sind diejenigen, die im Krieg gefallen waren. Bei einem lautet die Inschrift: "Er war dem Gebet und der Arbeit ergeben". Das ist in einem Kloster fast zu erwarten und auch ein schöner Ausdruck dessen, dass dieser Mönch verinnerlicht hat, was vom Gründer Benedikt gefordert worden war: Bete und arbeite. Ora et labora.

Ein letzter schließlich hatte es wohl nicht so sehr mit dem Beten. Er lebte für die Arbeit. Doch auch das war offensichtlich genug, um auf dem Grabstein erwähnt und damit auch gewürdigt zu werden.

So kann das sein mit Beruf. Alles läuft in ganz ruhigen Bahnen. Genau darin liegt die Berufung.

Wenn es aber nicht so sein sollte, dann soll man noch einmal gut hinhören, ob nicht längst ein anderer Ruf zu hören ist. Was vor fünf, zehn, fünfzehn Jahren richtig war, kann sich inzwischen überholt haben. Manche nagt der Ehrgeiz. Manche haben das Gefühl, es nun ausgereizt zu haben. Alles mal gesehen, alles mal gemacht. Manch einer merkt: Das ist es überhaupt nicht. Meine Vorstellung und die Wirklichkeit gehen weit auseinander.

Wenn das so ist, dann ist es Zeit, auf den Ruf zu hören. Einen neuen Anfang zu wagen. Noch einmal zu der jungen Frau, deren Büro neben meinem liegt. Sie hat es gewagt, den Sprung. Bevor sie bei uns angefangen hat, war sie in einer völlig anderen Branche tätig. Nur einmal hatte sie bewusst gesehen, worauf sie sich einlassen wollte. Und trotzdem wusste sie, als sie die Stellenanzeige sah: Das ist es. Jetzt oder nie! Ich glaube, das war eine echte Berufung.

Was immer ein Mensch tut, wie er oder sie das eigene Leben gestaltet: Der Beruf ist viel zu wichtig, als dass Gott, der das Leben liebt, sich dafür nicht interessieren würde. Oft genug ist er es, der Menschen ruft. Ganz still oder hoch dramatisch. Durch eine große Begabung oder weil es sich so ergeben hat. Manche spüren die Berufung, anderen ist sie unbewusst.

Für alle aber gilt, was Gott zum Propheten Jeremia gesagt hat: "Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest". Das ist die größte und eigentliche Berufung.

Evangelische Morgenfeier vom 29.07.2018 (9. Sonntag nach Trinitatis) mit Kirchenrätin Andrea Wagner-Pinggéra, München, Thema: Beruf und Berufung

Das PDF mit dem vollständigen Text kann beim BR heruntergeladen werden unter diesem Link.

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