Nicht mehr allein flanieren
Im Freien, Maske auf, eineinhalb Meter Abstand - so kann man sogar neue Leute kennenlernen. Die Bürgerstiftung Nürnberg hat ein neues Projekt mit einem Testlauf gestartet.

Das milde Frühlingswetter meint es gut mit dem Pilotlauf der Bürgerstiftung Nürnberg "Willst du mit mir (spazieren) gehen?" Das neue Projekt will die aktuellen Spielräume nutzen, um Menschen in der aktuellen Corona-Lage miteinander zu verbinden, sagt der Vorsitzende der Bürgerstiftung Nürnberg, Theophil Graband. Das Motto lautet: "Soziale Nähe trotz Distanz". Der Probe-Spaziergang ist ein erster Test, wie ein neues Format ankommt. Rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich eingefunden.

Das Coronakonforme Treffen

Die Spazierwilligen macht Graband auf die AHA-Regeln aufmerksam und teilt sie in Zweiergruppen ein - möglichst so, dass sich Unbekannte kennenlernen können. Unter blauem Himmel geht es dann eine gute Stunde lang durch den Nürnberger Luitpoldhain, entlang des Dutzendteiches über den verwaisten Volksfestplatz zurück zum Ausgangspunkt an der Meistersingerhalle. Dabei ist auch Johann Kemayou aus Kamerun, der vor neun Jahren zum Studium nach Deutschland kam.

"Ich sehe viele viel Potenzial in diesem Projekt", sagt er. Die meisten jungen Leute säßen in Corona-Zeiten einfach nur zu Hause rum, "der Spaziergang schafft eine Möglichkeit zur sozialen Begegnung". Ihm habe es viel Freude gemacht, neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen spazierenzugehen, erklärt er. Er habe eine ältere Frau kennengelernt. "Wir haben uns super über Geschichte, Leben und Kultur unterhalten." Beim Thema IT und Internet sei er überrascht gewesen, wie gut sich seine Begleiterin mit der Technik auskennt.

Die Ideenentwicklung

Auch Christian Paul ist mit dem Pilotlauf zufrieden. Der Berufseinsteiger als Jurist hat das Projekt "Willst du mit mir (Spazieren) Gehen?" mitentwickelt. Die Idee ist beim digitalen Brainstorming entstanden. Was man da mache, sei derzeit die letzte mögliche Form der sozialen Interaktion, sagt Paul. "Spazieren gehen ist wohl die Trendsportart 2020 und 2021", fügt er lachend an.

Paul hat beim Spaziergang einen älteren Anästhesisten - "am zeitlich anderen Ende des beruflichen Werdegangs" - kennengelernt. Er habe vorher nur die platte Vorstellung von dem Beruf gehabt. "Wir haben ohne Ende Gesprächsstoff gefunden", bilanziert er.

Auch Graband findet den Testlauf gelungen. Für die Zukunft möchte er gern auch einsame Menschen einbinden, die sozialen Kontakt und Austausch suchen. Mit der Stadtverwaltung möchte er darüber sprechen, ob man nicht eine spezielle Parkbank für das Projekt nutzen könne. Diese Bank könnte beispielsweise künstlerisch gestaltet und eine Art Meetingpoint für Spazierfreudige und Kontaktsuchende sein.

In Zukunft auch thematische Spaziergänge

Außerdem ließen sich die Bürgerstiftungs-Spaziergänge auch inhaltlich ausbauen, so Graband. Thematisch böten sich Kunst und Kultur, Geschichte oder auch Humor in Corona-Zeiten an. Auf diese Weise könnte die Nürnberger Stadtgesellschaft "mit mehr sozialer Nähe" ein bisschen lebenswerter werden.

Das könne bis zu einem Internet-Blog führen, in dem Teilnehmer von ihrem schönsten Spazier-Erlebnis berichten - ein weiterer Baustein dieser sozialen Interaktion. Zugleich wäre es ein Schritt, um auch jüngere Zielgruppen für mehr bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen. Dem Stiftungsvorsitzenden ist aufgefallen, dass seine Einrichtung bei der Stadt und älteren Mitbürgern bestens bekannt sei. Jüngere Menschen könnten dagegen mit dem Begriff Bürgerstiftung kaum etwas anfangen. "Hier müssen wir mehr Berührungspunkte zwischen den Generationen schaffen."

Freundschaften mit Rentnern auf Papier schließen 

Dafür will er das Projekt "Brieffreundschaften zwischen Schulen und Seniorenheimen" aus der Taufe heben. Zunächst auf dem guten alten Briefpapier sollen Kontakte angebahnt werden. Laufe es gut an, könnten die Jüngeren den Älteren auch beim Kontakt über Social-Media-Kanäle behilflich sein und sich gegenseitig Grüße per Bild oder Video zusenden.

Der Rentner Graband hat kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie im Februar 2020 das Amt übernommen. Viele Projekte konnte die Bürgerstiftung wegen Lockdown und Abstandsregeln seither nicht realisieren. In diesem Jahr kann man das 20-jähriges Bestehen feiern und das Jubiläumsjahr dafür nutzen, sich besser im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

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